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Erfahrung

Landwirtschaft gelehrt, Indien erlernt

Sechs Monate arbeitete Agraringenieur Franz Aunkofer aus Kelheim im Punjab. Der Start ging für die Familie aber schief.
Von Martina Hutzler

Einem Landwirtschafts-Betrieb im Punjab half Agraringenieur Franz Aunkofer beim Umstellen auf „bio“ – für ihn selbst war die Umstellung auf Indien eine Herausforderung. Foto: Aunkofer/dpa/hu
Einem Landwirtschafts-Betrieb im Punjab half Agraringenieur Franz Aunkofer beim Umstellen auf „bio“ – für ihn selbst war die Umstellung auf Indien eine Herausforderung. Foto: Aunkofer/dpa/hu

Kelheim. Die Ankunft war „desaströs: Wenn uns jemand ein Ticket für den Heimflug gegeben hätte, wären wir zurück“. Aufs Ticket-Wunder warteten Franz Aunkofer und seine Lebensgefährtin Melanie im Juli 2016 vergebens. Und sind heute froh, dass ,es kein Zurück gab aus dem Niemandsland nahe der nordindischen Stadt Rahon. Trotz 40 Grad im Schatten und Sauna-Luft, trotz anfänglicher Sinnkrise: „Was machen wir hier eigentlich?!“

So genau hatte sich das auch nicht klären lassen, als sich Franz und Melanie bei einem „Heimaturlaub“ in Herrnsaal endgültig fürs Wagnis entschiede: für ein halbes Jahr in den Punjab gehen, wo für die Umstellung eines Landwirtschaftsbetriebs auf „bio“ ein Experte gesucht wurde.

Einem Landwirtschafts-Betrieb im Punjab half Agraringenieur Franz Aunkofer beim Umstellen auf „bio“ – für ihn selbst war die Umstellung auf Indien eine Herausforderung. Foto: Aunkofer/dpa/hu
Einem Landwirtschafts-Betrieb im Punjab half Agraringenieur Franz Aunkofer beim Umstellen auf „bio“ – für ihn selbst war die Umstellung auf Indien eine Herausforderung. Foto: Aunkofer/dpa/hu

Das kam gerade recht für Franz Aunkofer, der in Wien das Agraringenieurs-Studium beendet und zu Hause geklärt hatte, dass sein jüngerer Bruder den elterlichen Bioland-Hof übernehmen würde. Das größte „Aber“: Söhnchen Oskar, im September 2015 geboren.

„Ein sicherer Platz fürs Kind“ war Bedingung, erzählt die Mama: sauberes Wasser, medizinische Versorgung, keine religiösen Konflikte, Wohn- und Arbeitsstätte am selben Ort. Davon konnte sie der künftige Arbeitgeber überzeugen. Und auch von der Job-Beschreibung.

Angeheuert wurde Aunkofer vom Betreiber der Salzburger Bio-Käserei Fürstenhof: „Er und viele andere engagieren sich seit Jahren in Kirpal Sagar, um den Menschen dort zu helfen.“ Basis des Landwirtschafts-Projekts dort sind 80 Hektar Land, 200 europäische und indische Kühe und Wasserbüffel, eine einfache, aber funktionale Biogas-Anlage.

Dort angekommen, nach acht Stunden Zugfahrt von Neu Delhi, blickte die junge Familie aus Europa freilich in erstaunte Gesichter: Man hatte sie erst viel später erwartet. Keiner der Projektverantwortlichen da, nur ein Notquartier im Gästehaus, ein Klima wie in der Sauna: Die Stimmung des Paares war am Tiefpunkt. Da gab ihnen der örtliche Betriebsleiter den segensreichen Rat, sich zwei Wochen im kühleren Norden zu akklimatisieren. Wieder zurück, stand ein Quartier bereit, und die beiden lernten das Projekt und andere Europäer kennen, die teils seit Jahren immer wieder nach Kirpal Sagar reisen. Nun erst wurde beiden klar, dass der Ort vor allem ein multireligiöses spirituelles Zentrum ist. Freilich unaufdringlich, ohne missionarischen Eifer – und daher eine interessante Erfahrung, bilanziert Melanie.

Kirpal Sagar

  • Basis:

    Das Zentrum Kirpal Sagar nahe Rahon ist inspiriert von Param Sant Kirpal Singh. Er gründete 1957 die „Weltgemeinschaft der Religionen“. Sein Ideal: die „Einheit des Menschen“ („Unity of Man“) über Religionsgrenzen hinweg.

  • Projekt:

    1982 etablierte ein indisches Ehepaar das Zentrum, gemeinsam mit freiwilligen Helfern aus aller Welt. Zur „Oase“ in dem kargen Landstrich gehören Landwirtschaft, Schule, Krankenhaus, Altenheim – und der „Sarovar“: ein Wasserbecken und mittendrin ein Gebäude mit (stellvertretend) Symbolen aus Sikh-, Hindu-, christlichen und muslimischen Gotteshäusern.

  • (Quelle: www.unity-of-man.org)

Höchst irdisch waren die Anlaufschwierigkeiten. Aunkofers Mitarbeiter sprachen kein bis wenig Englisch – und die Ankömmlinge kein Punjabi. Ein höfliches Kopf-Wiegen gilt als Standard-Antwort – und meint ja oder nein oder „mal sehen“. Die Arbeitsmoral: gewöhnungsbedürftig. „Tomorrow“ kann tatsächlich „morgen“ heißen – oder „in drei Wochen“. „Ich hab’ ja bewundert, dass sich die Leute nicht ins Hamsterrad treiben lassen. Aber mitunter nervt es unglaublich…“, gesteht der 33-Jährige. Deutsch-österreichische Arbeitsmoral muss man ausblenden, lernte auch Melanie, die den Familienhaushalt managte. „Du musst Dich auf Indien einlassen, sonst hast Du schon verloren“.

Einige der 25 Mitarbeiter, mit denen Franz Aunkofer zusammenarbeitete  Foto: Aunkofer
Einige der 25 Mitarbeiter, mit denen Franz Aunkofer zusammenarbeitete Foto: Aunkofer

Verwirrend auch die komplizierten Hierarchien: Wer darf was entscheiden? Als er unverhofft gleich Leiter eines Teilprojekts wurde, musste Franz Aunkofer praktizieren, was ihm zuvor undenkbar schien: Er als Chef hatte er 25 indischen Mitarbeitern zu sagen, was zu tun ist. „Das ist einfach deren Lebenswelt: Klare Anweisungen geben ihnen Sicherheit und werden nicht hinterfragt“. Meistens nicht. Zwischen die Moringa-Bäume Klee säen – echt jetzt? Davon war die Truppe erst überzeugt, als ihnen Aunkofer Wochen später die Wurzelknöllchen zeigte. Sie speichern Stickstoff und machen Klee zu natürlichem Kunstdünger-Ersatz.

Er seinerseits musste sich mit „Superfood“ anfreunden. Als solches nämlich sind die Blätter des Moringa- oder Meerrettich-Baums ein Exportschlager: ein Bomben-Konzentrat an Mineralien, Vitaminen, Aminosäuren, Senföl-Glykosiden, desinfizierend – in Indien seit Jahrhunderten ein Naturheilmittel. „Aber man fragt sich natürlich, ob man in Europa indische Blätter als Nahrungsergänzung braucht.“ Andererseits: „Wenn das in einer globalisierten Welt einem indischen Sozialprojekt hilft – warum nicht…“

Die unscheinbaren Blätter des Moringa-Baums gelten als „Superfood“Foto: dpa
Die unscheinbaren Blätter des Moringa-Baums gelten als „Superfood“Foto: dpa

Das Pulver daraus boomt bei uns bereits – und nährt in Kirpal Sagar, wo es auf 15 Prozent der Fläche angebaut wird, die Hoffnung, dass die Landwirtschaft dort bald rentabel arbeitet, unabhängig von Spenden. Den Anbau zu professionalisieren, dieses Teilprojekt ist Aunkofer gelungen; die Bio-Zertifizierung nach EU-Standard läuft.

Ein halbes Jahr in Nordindien – gute Gelegenheit für die drei, um auch die reiche Kultur dort kennenzulernen: etwa den „Goldenen Tempel“ von Amritsar Foto: Aunkofer
Ein halbes Jahr in Nordindien – gute Gelegenheit für die drei, um auch die reiche Kultur dort kennenzulernen: etwa den „Goldenen Tempel“ von Amritsar Foto: Aunkofer

Und irgendwann in den sechs Monaten war auch das Heimweh weg, das vor allem Melanie anfangs arg plagte. Im Gegensatz zu Oskar übrigens, dem weder Hitze noch feurige Curries die Laune verdarben. Als „Kind mit goldenen Haaren“ war er eine Sensation bei den Einheimischen. Die herzliche Art, mit der die Punjabis ihn und seine Eltern bei sich aufnahmen, „hat uns den Abschied dann doch schwer gemacht“. Im Gegensatz zur indischen Bürokratie: Die hätte, eines fehlenden Papieres wegen, beinahe die Heimkehr an Heilig Abend platzen lassen.

Jetzt wieder in Wien, arbeitet Franz Aunkofer in Teilzeit weiter fürs Projekt, für das er die österreichische Entwicklungshilfe gewinnen konnte. Geplant ist nun eine Verarbeitungshalle für Milchprodukte für den indischen Markt. Er kann sich gut vorstellen, in ein paar Jahren nach Kirpal Sagar zurückzukehren; zu sehen, wie es dort läuft. Gut möglich, dass vor allem Oskar wieder mit will. „Eine so tolle Geburtstagsparty, wie er dort hatte, mit 30 Kindern, jedes mit einem Geschenk – das wird hier in Wien schwierig…“

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