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Mittwoch, 20. Juni 2018 26° 4

Kultur

Leere Fenster als Zündsatz

Das „Kunstforum“ in Neustadt ist einzigartig in der Region. Die Galerie fördert vor allem künstlerischen Nachwuchs.
Von Jochen Dannenberg

Im Eiglhaus startete einst Neustadts kommunale Galerie. Inzwischen hat die Galerie mehrfach ihren Namen geändert und sie ist umgezogen, aber ihrer Idee treu geblieben. Foto: Dannenberg, Archiv
Im Eiglhaus startete einst Neustadts kommunale Galerie. Inzwischen hat die Galerie mehrfach ihren Namen geändert und sie ist umgezogen, aber ihrer Idee treu geblieben. Foto: Dannenberg, Archiv

Neustadt.Viele Jubiläen werden mit großem Tamtam begangen, andere in aller Stille. Noch anders bei der kommunalen Galerie „Kunstforum“, der vormaligen „Galerie im Eiglhaus“ und dem nachmaligen „Forum regionaler Kunst“. Die feiert ihr Jubiläum am Sonntag, 3. Juni, mit einer Retrospektive, die jedoch mehr als ein Rückblick sein soll.

Ausstellung

  • Vernissage:

    Vom 3. Juni bis 8. Juli findet die Ausstellung „Retrospektive 15 Jahre Kunstforum Neustadt“ statt. Die Vernissage ist am Sonntag, 3. Juni, von 15 bis 18 Uhr.

  • Umfang:

    Gezeigt wird eine Auswahl neuer und älterer Arbeiten der Künstler, die in den vergangenen Jahren im „Kunstforum“ ausgestellt haben. Rupert Limmer aus Sandharlanden zeigt dabei zum ersten Mal im Forum seine „Steinkunst“.

„Das ’Kunstforum‘ wird 15 Jahre alt und das soll gefeiert werden“, sagt Erhard Rohwer, der die Ausstellungen seit zehn Jahren betreut. „Und deshalb wird es am Sonntag ein kleines Fest geben, bei dem zahlreiche Künstler und Kunstschaffende, die in den 15 Jahren in der Galerie ausgestellt haben, ihre Arbeiten zeigen. Zum Teil wird es sich um ältere Arbeiten handeln, weshalb es sich insofern um ein Wiedersehen handelt. Zum Teil sind es aber auch neue Werke.“

Dass die kommunale Galerie, die immer mal wieder ihren Namen geändert hat und finanziell von der Stadt Neustadt getragen wird, 15 Jahre durchhalten würde, dürfte bei ihrer Gründung niemand gedacht haben. Denn am Anfang stand eine eher spontihafte Idee: Leere Schaufenster sollten mit Leben gefüllt werden. Diese Idee wurde immer wieder auch an anderen Orten umgesetzt, jedoch war den Aktionen nur selten ein dauerhafter Erfolg beschieden.

Gekauft für den Abbruch

Das „Versuchslabor“ für diese Idee wurde das inzwischen abgebrochene Eiglhaus, das die Stadt u.a. gekauft hatte, um die Wallanlage an der Herrnstraße zu sanieren. Während im Obergeschoss noch eine Familie wohnte, hatte die Kommune für den ehemaligen Bürstenbinderladen im Erdgeschoss jedoch keine Verwendung.

„Ich sah den Laden, die leeren Fenster und dachte mir, dass man da mehr draus machen könnte“, sagt Udo Kinner. Er warb für seine Idee, fand Mitstreiter und schließlich wurde das ehemalige Ladengeschäft eine Galerie und Udo Kinner ihr Leiter. Im monatlichen Rhythmus wechselten die Ausstellungen.

Zu den ersten Ausstellungen gehörten u.a. Tonarbeiten von Iris Lippenoo aus Irnsing und Bilder der Malerin Monika von Fellner, die eigens für die Schau sogar eine Neustädter Postkarte entworfen hatte. Mehrere Jahre leitete Udo Kinner die Galerie, dann gab er die Aufgabe ab. Erwin Küfner von der Stadtverwaltung wurde Interimschef, ehe Erhard Rohwer als Nachfolger gefunden war. Inzwischen ist er zehn Jahre im Einsatz. Neben den Ausstellungen im Kunstforum betreut er für die Stadt auch Ausstellungen im Rathaus und im Krebsturm am Westhang.

Das kann doch einen alten VW Bus nicht erschüttern: Roman Nusupov arbeitete beim „Kunstforum“ als Sprayer an einem betagtem Bulli.
Das kann doch einen alten VW Bus nicht erschüttern: Roman Nusupov arbeitete beim „Kunstforum“ als Sprayer an einem betagtem Bulli.

150 Ausstellungen gab es inzwischen zu sehen. Auch künstlerische Aktionen und Malunterricht für Kinder fanden statt. Daneben war die Galerie immer auch ein Ort der Kommunikation. Künstler, studierte genauso wie leidenschaftliche Freizeitmaler, treffen sich hier, kunstinteressierte Bürger kommen miteinander ins Gespräch und nicht wenige nehmen Anregungen aus den Ausstellungen mit. Darüber hinaus zeigte die Galerie vor allem auch den Querschnitt künstlerischen Schaffens in Neustadt und der Region. Vor allem aber förderte sie den Nachwuchs. Und das soll auch so bleiben, betont Bürgermeister Thomas Reimer.

„Ich finde, die Galerie verfolgt noch immer eine tolle Idee“, sagt Erhard Rohwer. „Ganz viele Menschen, die kreativ tätig sind, können hier ihre Arbeiten ausstellen. Kostenlos, und sie bekommen auch noch Werbung für die Ausstellung.“ Das Angebot der Stadt haben in all den Jahren, die die Galerie besteht, aber nicht nur Hobbykünstler, sondern auch Profis genutzt. Rohwer erinnert insofern u.a. an die Ausstellungen von Katrin Heinroth und Matthias Schlüter.

Die Resonanz bei den Bürgern ist sehr unterschiedlich. „Es hängt von verschiedenen Faktoren ab“, sagt Erhard Rohwer. Die Qualität der Arbeiten stehe im Gegensatz zu den großen Galerien dabei oft nicht im Vordergrund. Wichtiger sei der Bekanntheitsgrad der Personen, die ihre Arbeiten präsentieren, weshalb es auch passieren kann, dass Sonntagsmaler arrivierte Künstler in puncto Publikumsinteresse übertreffen. Vorhersagen über den Erfolg einer Ausstellung wagt der 61-Jährige deshalb aber nicht.

Erhard Rohwer organisiert seit zehn Jahren die Ausstellungen in der kommunalen Galerie „Kunstforum“.
Erhard Rohwer organisiert seit zehn Jahren die Ausstellungen in der kommunalen Galerie „Kunstforum“.

„Jede Ausstellung ist ein neues Abenteuer“, sagt er. „Die Personen, die das erste Mal ausstellen, sind oft sehr nervös. Sie freuen sich, wenn sie erleben, dass die Unterstützung bei der Durchführung bekommen.“ Auch das Gegenteil ist schon passiert. Als sich einige Besucherinnen negativ über die Arbeiten einer Ausstellerin äußerten, brach die kurzerhand die Ausstellung ab, packte ihre Sachen ein und verschwand. Erhard Rohwer kann damit leben.

Beitrag zur Integration

„Wir haben uns inzwischen ein Stammpublikum erarbeitet und unser Konzept ist in der Region immer noch einzigartig“, sagt er. Für die Zukunft hat der Neustädter keine Sorgen. „Wir werden enger mit der Volkshochschule zusammenarbeiten und Werke, die im Rahmen der VHS-Kurse entstanden sind, ausstellen.“

Froh ist er, wenn es gelingt, unbekannte Personen und ihre Arbeiten zu präsentieren. Besonders hat sich Rohwer deshalb immer wieder gefreut, wenn zum Beispiel Zuwanderer aus Kasachstan oder Polen oder Kriegsflüchtlinge aus Syrien ausgestellt haben. „Das ist dann auch ein Beitrag zur Integration“, meint Rohwer. Es gehe eben längst nicht mehr nur um leerstehende Schaufenster.

Die waren nur die Initialzündung für die Galerie. Ob das heutzutage noch einmal möglich wäre? Erhard Rohwer zuckt mit den Schultern. „Die Zeiten haben sich geändert. Leere Schaufenster gibt es fast nicht mehr in Neustadt“, sagt er.

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