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Direktvermarktung

„Made in Kelheim“ schmeckt

Die Palette regionaler Produkte ist größer, als mancher denkt – selbst Tofu wird selbst gemacht. Doch noch ist Luft nach oben
Von Beate Weigert

Hm, so lecker schmecken die Früchte heimischer Hecken als Aufstrich. Auch dieses Mal können sich die Besucher der Regional- und Umwelttage vieles auf der Zunge zergehen lassen. Foto: Hutzler/Archiv
Hm, so lecker schmecken die Früchte heimischer Hecken als Aufstrich. Auch dieses Mal können sich die Besucher der Regional- und Umwelttage vieles auf der Zunge zergehen lassen. Foto: Hutzler/Archiv

Kelheim.Ja, für Spargel, Hopfen und Beeren ist der Landkreis Kelheim bekannt. Auch im Landwirtschaftsministerium in München. Aber ob die Experten dort schon einmal etwas vom selbst gemachten Tofu von Hannelore Winter aus Höfel bei Rohr gehört haben, ist ungewiss. Doch das Beispiel zeigt, dass vermutlich viel mehr Regionalvermarktung existiert, als so mancher weiß.

Auf den Präsentierteller werden deshalb viele in der Region erzeugte Produkte wieder bei den Regional- und Umwelttagen am 30. September und 1. Oktober gelegt. Die Kelheimer Innenstadt wird zur Flaniermeile, wo man vieles auch einmal kosten kann. Unser Medienhaus hat sich vorab mit einigen Experten unterhalten, wie weit es mit Direkt- und Regionalvermarktung im Landkreis Kelheim ist.

Das Landkreis-Brot gab’s nur kurz

Einzel-Überzeugungstäter unter den Landwirten gibt es schon lange. Franz Aunkofer in Herrnsaal etwa oder den Winter-Hof in Höfel bei Rohr. Schwung verpasste die „Agenda 21“ vor 20 Jahren der Regionalvermarktung, sagt Franz Nadler vom Landkreis. Er koordinierte damals mit Klaus Blümlhuber die Maßnahmen. Das Projekt Altmühltaler Lamm ist daraus etwa entstanden. Für ein paar Jahre gab es um 2001 sogar ein „Landkreis-Brot“. Das Getreide stammte aus dem Kreis, die Mühle fand sich in Biburg und Bäcker quer durch die Region verkauften die gebackenen Laibe – bis der Müller zusperren musste.

Das Programm

  • Auftakt am Freitag

    Bevor am Samstag und Sonntag die Besucher zu „20 Jahre Regional- und Umwelttage“ im Landkreis Kelheim in die Kelheimer Innenstadt strömen. Findet bereits am Freitagabend, 29. September, 19 Uhr, im Deutschen Hof die Auftaktveranstaltung statt. Mit dabei sein wird Heiner Sindel, 1. Vorsitzender des Bundesverbands der Regionalbewegung e.V., wenn erst der Klimaschutzpreis des Landkreises verliehen wird und dann Alois Glück im Festvortrag die Philosophie der bundesweiten Kampagne „Tag der Regionen“vorstellt. „Wer weiter denkt, kauft näher ein“ lautet das Motto der Kampagne. Deren bundesweite Hauptveranstaltung 2017 die Regional- und Umwelttage in der Kreisstadt sind. Die Aktionen wollen laut den Organisatoren den Menschen vermitteln, dass es Spaß machen kann, regional, sozial und umweltbewusst zu wirtschaften bzw. zu handeln und wie nachhaltig es ist, mit bewussten (Kauf-)Entscheidungen Regionalkultur zu unterstützen.

  • Der Fleischauktionator

    Am Sonntag, 1. Oktober, 13 bis 14 Uhr, gibt es erstmals eine Auktion der besonderen Art. Auktionator Bernhard Reitberger wird direkt auf der Hauptbühne vor dem Alten Rathaus Qualitätsfleisch aus der Region versteigern. In Mischpaketen sind Rotvieh, Schottisches Hochlandrind und Altmühltaler Lamm zu haben. Der junge Auktionator ist Landwirt und bewirtschaftet den Schrufhof bei Diepoltshausen in siebter Generation. Das „Altmühltaler Lamm“ ist als vierbeiniger Naturschützer auf den kräuterreichen Wacholderheiden des Naturparks Altmühltal längst ein Begriff. Interessierte können jedoch auch testen, wie das Fleisch des Rotviehs, das etwa bei Gleislhof über Riedenburg jährlich an die sechs Monate auf der Jurahochfläche grast, schmeckt, oder Schottisches Hochlandrind aus dem Forstmoos im südlichen Landkreis. Es werden vakuumierte Probierpakete zwischen einem und fünf Kilo angeboten.

  • Für Kinder

    Bei einer kleinen Zeitreise in die Steinzeit heißt es für die jüngsten Besucher Feuer bohren, Leder schneiden mit Silex-Klingen, Didgeridoo und Klanghölzer ausprobieren; eine tierische Rätsel-Rallye lädt zum Fühlen, Suchen und Schätzen ein, Alpakas gibt es zu sehen. Kegeln wie anno dazumal auf Kegel aus unterschiedlichen Baumarten und Rätsel zu den Hölzern; Kunstwerke aus Naturmaterialien, die Welt der Steine; wenn Kleines ganz groß wird – Blick durch ein Binokular; Kettcar-Parcours; Bastelwerkstatt mit Naturmaterialien; Kinderschminken und Hüpfburg; der etwas andere Eindruck: Wahrnehmungsparcours – wie geht es mir, wenn ein Sinn beeinträchtigt ist?

  • Nur am Sonntag ab 13.30 Uhr: Malaktion der Kunst-Werkstatt am Eingang der evangelischen Kirche, Altmühlstraße; Gebärdensprache – Fingeralphabet: „Mein Name ist…“ vor der Sparkasse am Ludwigsplatz; Kinderbauernhof mit Streichelzoo im Bio-Dorf am Alten Markt.

  • Hürden im Rolli erleben

    Am Samstag und Sonntag, 10 bis 17 Uhr, vor der Sparkasse am Ludwigsplatz ist die Inklusion Thema. Was ist das eigentlich? Für Nichtbetroffene ist es nicht immer leicht zu erkennen, welche Hürden für Menschen mit Beeinträchtigungen im Alltag auftreten können. Wer will, kann in einem Rollstuhl-/Rollator-Parcours entdecken, wie sich scheinbar geringe Hürden als große Hindernisse entpuppen. Oder man testet im Wahrnehmungsparcours seine Sinne mit der Frage: Wie geht es mir, wenn ein Sinn beeinträchtigt ist? Am Sonntag gibt es zusätzlich einen Infostand. Rhythmische Trommelklängen bietet am Sonntag die Combo „El Baterista“. Die Trommler unterhalten mit Bewohnern aus dem Haus der Lebenshilfe und allen, die spontan Lust haben, die Besucher von 14.30 bis 16 Uhr.

  • Film mit Botschaft

    Freitag, Samstag und Sonntag, jeweils um 17 Uhr, wird im Kelheimer Kino in der Benefiziatengasse der preisgekrönte Film „Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnologie“ gezeigt. Die Besonderheit – einer der Hauptdarsteller ist Kelheimer, der Biobauer Franz Aunkofer. Filmemacher Bertram Verhaag zeigt in der Doku „Code of Survival“ eindrucksvoll die Spanne zwischen intensiver Landwirtschaft einerseits, einer nachhaltigen ökologischen Landwirtschaft andererseits und aber auch wie eine Landwirtschaft der Zukunft aussehen kann. Neben einer Teeplantage in Indien und der ägyptischen SEKEM Initiative des alternativen Nobelpreisträgers Ibrahim Abouleish, wo seit über 30 Jahren ein landwirtschaftliches Paradebeispiel für nachhaltige Entwicklung realisiert wird, zeigt der Film auch Biobauer Franz Aunkofer. Die Botschaft des Films: Es gibt Möglichkeiten für Landwirtschaft und Ernährung der Weltbevölkerung, ohne die Ressourcen zu plündern.

  • Biodorf zum Anfassen

    An sieben Erlebnisstationen erfahren die Besucher des Regional- und Umweltmarkts in der Kreisstadt Kelheim am Samstag und Sonntag, jeweils von 10 bis 17 Uhr, am Alten Markt mehr über die Prinzipien des Biolandbaus, die Arbeitsweise von Bioland-Bauern und über die Herstellung von Bio-Lebensmitteln. Sie hören, was es zum Beispiel heißt, im Kreislauf zu wirtschaften, Tiere artgerecht zu halten oder welche Rolle ein gesunder, fruchtbarer Boden spielt. Zudem laden die Landwirte aus der Kelheimer Umgebung ein, die Vielfalt ihrer Spezialitäten zu probieren. So bietet der Bioland-Hof Zum Prock der Familie Meier aus Maierhofen vegetarische Pfannen und Lammfleisch-Burger. Auch Bio-Biere und Limonaden sind im Angebot. Alles ganz im Sinne von „Slow Food“! Auch dazu werden Fragen beantwortet, am Infostand des Vereins Slow Food Deutschland, Convivium Niederbayern.

  • Mobil im Alter

    Bis ins hohe Alter Sicher unterwegs mit modernen Elektrofahrzeugen? Darüber informiert die Kreisverkehrswacht bei den Regional- und Umwelttagen in der Donaustraße. Denn ein Schwerpunkt der Veranstaltung heißt E-Mobilität. Vor allem bei älteren Mitbürgern sind E-Bikes attraktiv geworden. Doch sind Übungen zur Sicherheit und aktiver Schutz nötig. Die Verkehrswacht-Aktion „Ich trag Helm“ soll hierauf hinweisen. Was aber, wenn ein Zweirad nicht in Betracht kommt, gibt es Alternativen? Die Kreisverkehrswacht stellt sie vor. Zum Beispiel das E-Bike-Dreirad oder E-Bike mit vier Rädern. Weit gereift und voll straßentauglich stellt sich der E-Scooter als Alternative vor. Ein- oder zweisitzig – mit oder ohne Dach – mit verschieden starken Antrieben und in wenigen Stunden an der Steckdose aufgeladen. Im Rahmenprogramm wird zudem die Eigenrettung aus einem verunfallten Pkw im Überschlagsimulator demonstriert.

  • E-Mobile testen

    Klimaschutz und Energiewende sind die Top-Themen auf den 11. Regional- und Umwelttagen. An beiden Tagen werden wichtige Fragen des Klimawandels aufgegriffen. Nachhaltigkeit ist auch das Leitmotiv der Wanderausstellung „Klima.Faktor.Mensch“ in der Kreissparkasse am Ludwigsplatz. Auf der Energie- und Elektromobilitätsmeile in der Altmühlstraße stehen E-Mobile für Testfahrten bereit. Zudem gibt es Infos, wie erneuerbare Energie effektiv hergestellt und klimafreundlich gespeichert werden kann. Am Sonntag, 14 Uhr, erklärt Sebastian Zirngibl von der Energieagentur Regenburg im Vortrag „Regional, unabhängig, nachhaltig – Energiewende Kelheim“, wie „Energiewende von unten“ funktionieren kann. Der Vortrag ist im evangelischen Gemeindezentrum (1. OG)

Auch einzelnen Verbrauchern war es schon immer wichtig, Geld für hochwertige Lebensmittel auszugeben. Doch den Deutschen wird bekanntlich nachgesagt, dass sie mehr auf den Preis, denn auf die Qualität achten. Direktvermarkterin Christine Holzer aus Abensberg sieht das Vorurteil immer noch bestätigt. Viele steckten beträchtliche Summen in Autos oder Urlaube, aber beim Essen werde gespart. „Ein Stück Schweinefleisch für zwei Euro kann ich nur erzeugen, wenn ich überall spare, denn Handel und Vertrieb haben auch ihre Margen.“

Ein paar Automaten sind rentabel

Ursula Zirngibl berät am AELF Abensberg Landwirte in Sachen Direktvermarktung. Foto: AELF
Ursula Zirngibl berät am AELF Abensberg Landwirte in Sachen Direktvermarktung. Foto: AELF

Ursula Zirngibl vom AELF Abensberg betreut Landwirte, die ins Direktmarketing einsteigen wollen. Sie sieht den Landkreis in fast jeder Lebensmittelsparte relativ gut aufgestellt. Eier, Fleisch, Wurst, Gemüse. Selbst gebackenes Brot vom Bauern wäre dagegen etwas, das noch aufgebaut werden könnte. Eine Interessentin gab es schon einmal dafür.

Direktvermarktung sei für Verbraucher wie für Erzeuger ein Gewinn. Die einen wüssten so genau, wo ihr Essen herkommt, die anderen könnten höhere Preise für ihre Produkte erzielen und ihre Existenz sichern.

Zwei Milchautomaten gibt es im Kreis Kelheim. In Hausen und Etzenbach bei Biburg. Foto: Patrick Pleul/dpa
Zwei Milchautomaten gibt es im Kreis Kelheim. In Hausen und Etzenbach bei Biburg. Foto: Patrick Pleul/dpa

Vor eineinhalb Jahren als die Milchpreise im Keller lagen, ergriffen ein paar Landwirte die Initiative und investierten in Milchautomaten. Dort können die Kunden rund um die Uhr frisch gemolkene Milch zapfen. Ein anderer Bauer hat einen Eier-Automaten aufgestellt.

Insbesondere von einem Betrieb weiß Zirngibl, dass er sehr zufrieden mit der Investition ist und das Angebot ausbauen will – mit Käse aus der hofeigenen Milch. Aktuell zeichne sich jedoch nicht ab, dass viele Bauern dem Trend folgten. Mittlerweile seien die Automaten großflächig in Bayern verteilt. Ob für noch mehr Automaten in so einem kleinen Landkreis wie Kelheim ein Markt da ist, bezweifelt Zirngibl. Und: Die Kunden müssten bereit sein, die Automaten auf den Höfen anzufahren.

Da helfe es, dass immer mehr Supermärkte wie Edeka regionale Produkte anbieten. Und neben den Hofläden gibt es zahlreiche Bauernmärkte im Landkreis. Der jüngste findet sich in Saal. Nadler, der sich auch um die Regionalvermarktung auf der Landkreis-Homepage kümmert, beobachtet, dass diese Einkaufsmöglichkeiten immer mehr angenommen würden.

Für die meisten sind regionale Produkte Lebensmittel zum Verzehr. Eine jüngere Geschichte ist laut Nadler das Angebot des Kelheimer Forstbetriebs der Staatsforsten, dort kann man Reh- und Schwarzwild kaufen. Aber auch Brennholz, Christbäume, Bier und Obstbrände – ja sogar Kompost bekommt man im Landkreis, wenn man will.

Wie sieht die Regine Wiesend, die Expertin vom Landwirtschaftsministerium, die Direktvermarktung, wir haben nachgefragt:

Regine Wiesend vom bayerischen Landwirtschaftsministerium Foto: STMELF
Regine Wiesend vom bayerischen Landwirtschaftsministerium Foto: STMELF

Frau Wiesend, gibt es bayernweite Studien zur Direktvermarktung?

In einer Studie der Landesanstalt für Landwirtschaft 2015 waren neun Prozent der erfassten bayerischen Betriebe in der Direktvermarktung tätig. Befragt wurden 998 Betriebe. Wir gehen von 4000 Direktvermarktern im Freistaat aus. Die große Vielfalt an Vermarktungsmöglichkeiten führt allerdings zu großen Schwankungsbreiten bei der Erfassung. Die Palette reicht vom Ab-Feld-Verkauf bis zum Hofladen mit Vollsortiment.

Gibt es auch Zahlen, wie viele Verbraucher beim Bauern einkaufen?

Laut dem Ernährungsreport 2017 des Bundeslandwirtschaftsministeriums kaufen fünf Prozent der Deutschen beim Bauern bzw. Hofladen ein. Das ist erschreckend wenig. Doch auch der Einzelhandel bietet immer mehr regionale Produkte an. Edeka und Rewe suchen den Kontakt. Egal, ob sie ein Regionalregal anbieten, Produkte direkt ins Sortiment aufnehmen oder Landwirten erlauben, Automaten aufzustellen. Das sind erste Pflänzchen. Im Herbst bieten wir etwa einen Kurs für Landwirte an, um Anforderungen und Kontaktmöglichkeiten zum Einzelhandel aufzuzeigen. Viele wollen regional einkaufen, für viele ist der Weg zu den Höfen aber wieder weiter geworden.

Gibt es bayernweit Trends?

Das Interesse der Verbraucher an regionalen Produkten steigt laut Ernährungsreport. Zeitgleich zeigen vermehrt Landwirte Interesse, in die Direktvermarktung einzusteigen und ihre Produkte selbst zu vermarkten. Daneben erleben Dorfläden eine Renaissance. Hier vermarkten häufig Landwirte der umliegenden Region ihre Produkte mit. Um dem Einkaufsverhalten der Kunden entgegenzukommen, die nicht zu viele verschiedene Einkaufsorte anfahren wollen – Stichwort: One-Stop-Shopping – bilden Direktvermarkter auch Kooperationen. Das kann räumlich innerhalb eines Dorfes erfolgen wie bei den „Hofläden Gustenfelden“ oder beim gemeinsamen Lieferservice wie der „Ökokiste Kößnach“.

Sehen Sie noch Potenziale bzw. gibt es Ideen, die auch für den Raum Kelheim interessant wären?

In Ihrer Region haben wir interessante Initiativen wie das Altmühltaler Lamm. Hier bietet ein Schäfer seine Produkte in seinem Online-Shop an. Das Internet zu nutzen, bietet sicher noch Potenzial. Auch Automaten, die vor eineinhalb Jahren mit Milch starteten, haben mittlerweile vielerorts eine große Produktpalette. An Einfallsstraßen lohnt sich die Investition von 15 000 bis 20 000 Euro, egal ob in Stadtnähe oder auf dem Land. Es gibt einige findige Ideen, die sich auf andere Regionen übertragen ließen. In der Caravanbar etwa mixen zwei Frauen aus Säften Cocktails z.B. auf Hochzeiten. (

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