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Bildung

Mission „Entschleunigung“ läuft

Richtig merken wird man das wiedereingeführte neunjährige Gymnasium erst ab der Mittelstufe. Schon jetzt gibt G9 Schwung.
von Beate Weigert

Das viel gescholtene achtjährige „Turbo-Abitur“, kurz G8, ist bald Geschichte. Künftig dauert das Gymnasium wieder neun Jahre. Foto: Armin Weigel/dpa
Das viel gescholtene achtjährige „Turbo-Abitur“, kurz G8, ist bald Geschichte. Künftig dauert das Gymnasium wieder neun Jahre. Foto: Armin Weigel/dpa

Kelheim.Das erste Halbjahr G9 ist für Schulleiter, Lehrer und die ersten Fünftklässler bald herum. Auch wenn das wiederbelebte, neunjährige Gymnasium erst noch offiziell im Schulgesetz verankert werden muss und endgültiger Lehrplan wie neue Bücher erst ab September 2018 kommen. Das macht aber nichts, denn relevante Unterschiede greifen erst ab der Mittelstufe. Egal, wo man im Landkreis Kelheim nachfragt – das G9 weckt unterschiedlichste Hoffnungen.

„G8 war nicht per se schlecht“

Dr. Josef Schmid, der Leiter des Kelheimer Donau-Gymnasiums (DGK) hat auch in der Vergangenheit das achtjährige Gymnasium nie verteufelt. Heute sagt er: „Das G8 war nicht per se was Schlechtes.“ Im Gegenteil – es habe den Gymnasien im Freistaat vielfältige Verbesserungen beschert. Intensivierungsstunden etwa, die Klassenteilungen möglich erst machten. Die Schulleiter hätten dafür gekämpft, dass diese erhalten blieben. Die Krux am G8 war, dass es im „Hauruck“-Verfahren eingeführt worden war.

Der neue Lehrplan, der gerade von einer Fachkommission gestrickt wird, wird mehr „Kompetenzorientierung“ haben, heißt es aus allen drei Gymnasien im Landkreis. Was nicht bedeute, dass man den Schülern nicht auch bislang Lernstrategien, Konfliktfähigkeit oder das Präsentieren von Themen beigebracht habe, betonen Franz Baumer vom Mainburger Gabelsberger Gymnasium (GGM) und Franz Lang vom Rohr Johannes-Nepomuk-Gymnasium (JNG).

Das ändert sich

  • 19,5 Wochenstunden zusätzlich

    sind vorgesehen. Weil sich die auf ein Jahr mehr verteilen, fällt die wöchentliche Unterrichtszeit in den meisten Klassen der Unter-/Mittelstufe geringer aus, sagt DGK-Leiter Dr. Schmid.
    sind künftig zusätzlich in allen Zweigen der Gymnasien verpflichtend zwei Stunden Informatik vorgesehen.

  • Die Schüler der Unterstufe

    kommen ohne Nachmittagsunterricht aus. Außer sie tragen sich für freiwillige AGs ein, wie Chor oder Streichorchester, sagt Rohrs Schulleiter Franz Lang.
    mit zusätzlich zwei Stunden Sozialkunde und einer Stunde Geschichte mehr politische Bildung geben. (re)

„Kompetenzorientiert“ meine unter anderem, dass die Schüler nicht nur Fakten büffeln, sondern das Gelernte anwenden lernen. Durch praktische Versuche in Biologie etwa. Sie sollen vernetzter denken und nachhaltiger lernen und auch die Berufsorientierung werde stärker eingeführt, sagt Lang.

Das alles Entscheidende sei jedoch die Stundentafel, führt Dr. Schmid ins Feld. 19,5 Wochenstunden mehr – voraussichtlich in den Pflichtfächern. „Das bringt Entschleunigung.“ Sicher könne man den neuen Lehrplan erst beurteilen, wenn man damit gearbeitet habe, sagt Franz Baumer. Doch auch er ist optimistisch. Während es bei der Einführung des G8 mehr als einmal hakte, geht JNG-Leiter Lang davon aus, dass das neue G9 „für Kinder, Lehrer, Eltern und die Gymnasien insgesamt rund läuft“.

Das alles Entscheidende ist die Stundentafel, sagen die drei Leiter der Gymnasien im Kreis Kelheim. Foto: Holger Hollemann/dpa
Das alles Entscheidende ist die Stundentafel, sagen die drei Leiter der Gymnasien im Kreis Kelheim. Foto: Holger Hollemann/dpa

Man sei gerade am Planen, was die Stundenverteilungen hergeben, sagt Franz Lang. Er will zum Beispiel in den 5. Klassen eine dritte Sportstunde unterbringen. Mehr Bewegung tue den Kindern gut, ist er überzeugt.

Das Chaos mit den Bussen am Nachmittag dürfte sich durch den Wegfall von Pflicht-Nachmittagsunterricht in Unter- und Mittelstufe etwa am DGK erledigen. Foto: DGK/Archiv
Das Chaos mit den Bussen am Nachmittag dürfte sich durch den Wegfall von Pflicht-Nachmittagsunterricht in Unter- und Mittelstufe etwa am DGK erledigen. Foto: DGK/Archiv

Dass Unter- und Mittelstufe künftig ohne verpflichtenden Nachmittagsunterricht auskommen, werten alle drei Schulleiter als Riesenpluspunkt. Dieser dürfte Eltern überzeugen, die in der Vergangenheit ihr Kinder trotz Eignung lieber auf die Realschule schickten. Und der Umstand dürfte auch mehr Ruhe in den Schullalltag bringen, glaubt Dr. Josef Schmid.

„Dass in der Unter- und Mittelstufe der verpflichtende Nachmittagsunterricht wegfällt, wird wieder mehr Ruhe in den Schulalltag bringen.“

Dr. Josef Schmid vom DGK

Denn durch viel Nachmittagsunterricht am G8 habe das nie so 100-prozentig funktioniert. Denn in Kelheim fährt nur ein Nachmittagsbus und nicht alle zehn Minuten eine U-Bahn. Das war mit viel Wartezeit verbunden. So dass viele Eltern ihre Kinder lieber selbst abholten.

Auch mehr politische Bildung sollen die Gymnasiasten mit dem neuen Lehrplan erhalten. Foto: Ingo Wagner/dpa
Auch mehr politische Bildung sollen die Gymnasiasten mit dem neuen Lehrplan erhalten. Foto: Ingo Wagner/dpa

Sabine Meseck-Lang, DGK-Elternbeiratsvorsitzende, kennt das nur zu gut. Sie hat zwei Töchter, eine machte vor drei Jahren Abi, eine besucht gerade die 10. Klasse. Auch wenn sie selbst nur „neutrale bis gute G8-Erfahrungen“ machte, holt(e) auch sie ihre Kinder nach dem Nachmittagsunterricht oft – wie viele andere – mit dem Auto an der Schule ab. Denn: „Jede halbe oder dreiviertel Stunde Freizeit mehr ist wertvoll. Zumal dann ja auch noch Hausaufgaben gemacht werden müssen.“ Wenn nun tatsächlich weniger bis gar kein Nachmittagsunterricht herauskomme, „werden viele Eltern künftig besser dran sein.“ Und den Kindern mehr Zeit für Hobbys bleiben.

Sabine Meseck-Langs Töchter haderten nie mit dem G8. Doch aus Bekanntenkreisen weiß die Teugnerin, dass andere Kinder insbesondere zu Abiturzeiten „richtig am Ende waren“. Sie sagt: „In der Vergangenheit lag es an den Schülern, wie sie mit dem Druck zurechtkamen.“

„Nach der sechsten Stunde lässt die Konzentration mächtig nach.“

Arda Köcer, DGK-Schülersprecher über den Nachmittagsunterricht am G8

Heftige Nachmittage

Ein dickes Plus durch weniger Nachmittagsunterricht, sieht auch Arda Köcer, DGK- und Bezirksschülersprecher. Die Konzentrationsfähigkeit lasse nach der 6. Stunde deutlich nach. Und im G8 haben die Jugendlichen teils auch einstündige Fächer am Nachmittag, wo dann auch spontan Exen drohen, oder „heavy“ Fächer wie Physik oder Latein angesagt sind.

Mehr IT-Stunden werden in allen gymnasialen Zweigen in der 11. Klasse Pflicht. Dringend nötig hält diese Bezirks- und DGK-Schülersprecher Arda Köcer. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Mehr IT-Stunden werden in allen gymnasialen Zweigen in der 11. Klasse Pflicht. Dringend nötig hält diese Bezirks- und DGK-Schülersprecher Arda Köcer. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Im G9 dürften auch nicht mehr so viele Schüler wie bisher durchfallen, weil Zeit bleibe, Stoff zu vertiefen und zu wiederholen, sagt der Zehntklässler. Auch wenn für ihn selbst das G9 keine Rolle mehr spielt. Mehr IT-Stunden (s. Infokasten) gefallen Arda Köcer ebenfalls. Derzeit seien da viele Schüler nicht auf dem aktuellsten Stand. Dabei werde dies in der Berufswelt immer wichtiger. Mehr politische Bildung im Lehrplan sei wohl der aktuellen politischen Situation geschuldet, mutmaßt der 15-Jährige. Alles in allem: Das G9 dürfte angenehmer ausfallen. Und das sei der Wunsch der Schüler gewesen.

„Die Schüler gewinnen noch ein Jahr zur weiteren Reifung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Das finde ich sehr positiv.“

Sabine Meseck-Lang, Elternbeiratsvorsitzende am DGK

Die Sabine Meseck-Lang sieht noch einen weiteren Vorteil: „Die Schüler gewinnen noch ein Jahr zur weiteren Reifung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Das finde ich sehr positiv in Hinblick auf eine anschließende Berufsausbildung oder ein Studium.“

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