mz_logo

Region Kelheim
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 1

Ausgaben

Mit schwierigen Kids rechnen

Was tun gegen den Steilflug der Jugendhilfe? Das Kelheimer Jugendamt stellt Vorschläge vor – aber auch etliche Hürden.
Von Martina Hutzler

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind immer stärker verhaltensauffällig, beobachten Jugendamt und Schulvertreter: Foto: Frank Leonhardt/dpa
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind immer stärker verhaltensauffällig, beobachten Jugendamt und Schulvertreter: Foto: Frank Leonhardt/dpa

Kelheim. Immer mehr Kinder und Jugendliche, die immer gravierender verhaltensauffällig sind: Das ist für Jugendamtsleiter Norbert Birnthaler ein Hauptgrund, warum voriges Jahr die Netto-Ausgaben des Landkreises für die Jugendhilfe explosionsartig angestiegen sind. 9,6 Millionen Euro hat der Kreiskämmerer 2017 bereitstellen müssen – 2,57 Millionen mehr, als er im Haushalt eingeplant hatte. Mit Kosten-Controlling und genauer Einzelfall-Prüfung wollen Birnthaler und sein Team nun zwar auf die Kostenbremse treten. Denn „so kann’s nicht weitergehen“, bekräftigte auch Landrat Martin Neumeyer. Aber er schränkte ein: Gegen steigenden Bedarf und immer höhere Erwartungshaltung der Eltern könne man wenig tun.

Kreisjugendamts-Leiter Norbert Birnthaler erläuterte die hohen Kosten und mögliche Gegenmaßnahmen. Foto: Hutzler
Kreisjugendamts-Leiter Norbert Birnthaler erläuterte die hohen Kosten und mögliche Gegenmaßnahmen. Foto: Hutzler

Birnthaler erläuterte am Montag im Kreisausschuss den Kosten-Steilflug. Ob ambulante, teil- oder vollstationäre Angebote: Überall sind die Fallzahlen 2017 gestiegen, und der Trend hält auch heuer an. Im stationären Bereich wirkt das pro Fall am stärksten – Heimunterbringungen sind sehr teuer. Beim teilstationären Angebot „Heilpädagogische Tagesstätte Abensberg“ der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) seien „gewisse Überkapazitäten vorhanden“, die man langfristig abbauen wolle, kündigte Birnthaler an.

Ausbauen will er dagegen die Zusammenarbeit mit der Erziehungsberatungsstelle der KJF. In der Hoffnung, dass dieses ambulante Angebot, frühzeitig genutzt, so manche teure „Jugendhilfe-Karriere“ verhindern kann. Zu den Kreisräten Annette Setzensack und Dr. Bastian Bohn sagte Birnthaler, dass die KJF die Stelle wohl von Kelheim nach Abensberg verlegen wird, eventuell mit Außenstellen in Kelheim und Mainburg.

Schulbegleiter boomen

Eine andere ambulante Hilfe, die regelrecht „boomt“, will das KJA einbremsen: Schulbegleiter (SB). Sie sitzen im Unterricht dabei und unterstützen das Kind. Ein Instrument der schulischen Inklusion, das immer mehr Eltern schätzen, wie KJA-Mitarbeiter Bernhard Merkl unlängst schon im Jugendhilfe-Ausschuss erklärt hatte.

Anfangs begleiteten SB vor allem Kinder mit körperlichen Handicaps sowie solche mit Autismus. Mittlerweile beantragen die Erziehungsberechtigten immer öfter auch ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) und für stark verhaltensauffällige Kindern einen SB. Legen sie das nötige ärztliche oder psychologische Fachgutachten vor, kommt das einem Rechtsanspruch gleich; Jugendämter sprechen schicksalsergeben von „Jugendhilfe auf Rezept“.

2015 gab es an Regelschulen im Landkreis 17 begleitete Kinder und acht an Förderschulen. 2017 waren es bereits 32 und 19. Die Ausgaben im Kreis-Etat stiegen folglich, von rund 290 000 auf knapp 717 000 Euro. Im Jugendhilfe-Ausschuss hat KJA-Mitarbeiter Bernhard Merkl diesen Trend scharf kritisiert: Damit würden Kreis und Bezirk „Leidtragende einer zum Teil fehlgeleiteten, weil verkürzt gedachten Inklusionsdebatte“. Zum einen drohen SB laut Merkl als Allheilmittel überschätzt zu werden – oft liege das Problem der Kinder in ihrem privaten Umfeld; es schlage sich eben nur in auffälligem Schulverhalten nieder.

Dort fungierten SB zum anderen dann oft als Ersatz für echte Inklusion: für ein Schulsystem also, das Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen gerecht wird. So ein System bräuchte kleinere Klassen und mehr pädagogisches Personal, so Merkl.

Dieses Personal freilich wäre müsste der Freistaat stellen. Kein Wunder, dass so mancher Kommunalpolitiker den Verdacht hegt, das Land wälze – via SB – Kosten auf Kreise und Bezirke ab. Die Schulen ihrerseits wissen sich oft nicht anders zu helfen, als die Eltern zu drängen, einen SB zu beantragen. Denn „Kinder mit umfangreichen und schweren Verhaltensauffälligkeiten, die die ganze Klasse betreffen, sind oft schon ein Problem“, sagte Mainburger Grundschulrektor und Schulamts-Mitarbeiter Dr. Tobias Barwanietz im Jugendhilfe-Ausschuss; ähnlich formulierte es Mainburgs Kreisrat und Bürgermeister Josef Reiser nun im Kreisausschuss.

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind immer stärker verhaltensauffällig, beobachten Jugendamt und Schulvertreter: Foto: Frank Leonhardt/dpa
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind immer stärker verhaltensauffällig, beobachten Jugendamt und Schulvertreter: Foto: Frank Leonhardt/dpa

„Elternwille entscheidet“

Kreisrätin Ursula Brandlmeier mutmaßte, mancher SB-Fall sei Indiz dafür, dass das Kind an der Regelschule überfordert und an einer Förderschule besser aufgehoben sei. Doch darüber entscheide in erster Linie der Elternwille, erwiderte KJA-Leiter Birnthaler: „Dem können wir wenig entgegensetzen“.

KJA und Schulleitungen prüfen derzeit Modelle, um von vielen individuellen SB wegzukommen: zum Beispiel mittels jahrgangs-übergreifender Klassen, in denen verhaltensauffällige Kinder einer Schule intensiv betreut werden („Flex-Klassen“ an Regelschulen, „Stütz- und Förderklassen“ an Förderschulen). Geprüft wird auch, ob man Schulbegleiter – die eigentlich nur je ein Kind betreuen dürfen – in einem „Pool“ zusammenfassen kann, damit nicht in einer Klasse mehrere SB sitzen.

Nicht recht weiter kam der Kreisausschuss beim gesellschaftspolitischen Aspekt steigender Jugendhilfe-Kosten. Gründe zu finden, sei sehr schwierig, so Birnthaler; in Frage kämen die gestiegene Einwohnerzahl im Landkreis, migrationsbedingte Aspekte und eine sinkende Zahlungsmoral bei Eltern, die sich an Jugendhilfe-Kosten beteiligen müssten. In jedem Fall „haben wir als Landkreis keinen Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen“, beendete Landrat Neumeyer diese Debatte.

Kreiskämmerer Reinhard Schmidbauer gab dem Kreisausschuss auch eine Gesamtübersicht über den Haushaltsverlauf 2017: Abgesehen von der Jugendhilfe fiel dieser „sehr positiv“ aus.

Erfreuliche Zahlen

  • Gesamtbilanz:

    Abgesehen von der Jugendhilfe sei der Vollzug des Kreishaushalts 2017 „sehr positiv“ verlaufen, sagte Kämmerer Reinhard Schmidbauer im Kreisausschuss bei Vorlage des Jahresergebnisses 2017. (Foto: Berg/dpa)

  • Rücklagen:

    Dank Mehreinnahmen und Minderausgaben in mehreren Bereichen konnte der Kämmerer die Rücklage auf 3,38 Mio. Euro aufstocken. Und daraus gleich wieder außerordentlich Schulden tilgen. (Foto: Warnecke/dpa)

  • Schulden:

    Der hohe Schuldenstand Ende 2016 (25,75 Mio.) Euro wurde so – wie von der Regierung gefordert – bis Ende 2017 wieder deutlich gesenkt, auf 19,02 Mio. Euro. Heuer soll der Abbau weitergehen. (Foto: Vennenbernd/dpa) (hu)

Weitere Berichte aus der Kreispolitik lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht