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Nur drei Mal im Leben wackelt die Erde

Abensbergs Pfarrer Birner nimmt die Gläubigen in den unsicheren Corona-Zeiten mit zu den Aposteln an den See Genezareth.
Von Pfarrer Georg Birner

Pfarrer Georg Birner feiert Gottesdienst in der Sandharlandener Kirche  Foto: Dr. Rupert Hanrieder
Pfarrer Georg Birner feiert Gottesdienst in der Sandharlandener Kirche Foto: Dr. Rupert Hanrieder

Abensberg.Der Schriftsteller Ernest Hemingway lässt in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“ eine einfache alte Frau sagen: „Nur dreimal im Leben wackelt die Erde.“ Nur dreimal im Leben ereignet sich etwas, das einem so sehr unter die Haut geht, dass es das weitere Leben völlig verändern und ihm eine andere Richtung geben kann.

„Nur dreimal im Leben wackelt die Erde“ - diesen Satz lässt der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“, der im panischen Bürgerkrieg spielt eine alte Frau sagen. Foto: UPI/dpa
„Nur dreimal im Leben wackelt die Erde“ - diesen Satz lässt der US-amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“, der im panischen Bürgerkrieg spielt eine alte Frau sagen. Foto: UPI/dpa

Nur dreimal im Leben wackelt die Erde. – Das sind Momente, die sich fest in die Erinnerung eingraben: Das ist der Augenblick, wenn junge Eltern zum ersten Mal ihr Kind im Arm halten. Das ist der Augenblick, in dem ein Arzt mit der befreienden Nachricht ins Krankenzimmer kommt: „Sie können nach Hause gehen! Wir haben den Krebs besiegt!“

Nur dreimal im Leben wackelt die Erde. – Das sind aber auch Erlebnisse, die einem Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen: Wenn eine schwere Krankheit das Leben schlagartig verändert, wenn Menschen durch den Tod auseinandergerissen werden. Diese Glücksmomente und diese Schreckensstunden – das sind die Punkte im Leben, an denen die Erde wackelt.

Pfarrer Georg Birner betet zusammen mit Pfarrer Michael Hoch am Ufer des See Genezareth Foto: Birner
Pfarrer Georg Birner betet zusammen mit Pfarrer Michael Hoch am Ufer des See Genezareth Foto: Birner

Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen: Wir haben in den vergangenen Wochen miterlebt, dass die Erde gewackelt hat. Und wir spüren diese Erschütterung auch jetzt noch: Von der Normalität beziehungsweise dem, was wir uns darunter vorstellen, sind wir noch weit entfernt! Der Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt diese Erfahrung so: „Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich gerade auf...“

Die Erschütterung, die der Tod Jesu bei den Seinen ausgelöst hat, ist auch in den Evangelien der Osterzeit immer noch und immer wieder zu spüren. Es sind Ostergeschichten, die den Karfreitag in sich haben.

Die Mensa Christi-Kirche am See Genezareth Foto: Silvia Schleicher
Die Mensa Christi-Kirche am See Genezareth Foto: Silvia Schleicher

An diesen 3. Sonntag der Osterzeit nimmt uns das Johannesevangelium mit an den See Gennesaret. Franziskaner betreuen am Nordufer des Sees eine kleine Kirche, in der die Erinnerung an diese Stelle des Evangeliums lebendig gehalten wird.

Ich durfte schon viele Pilgerinnen und Pilger an diesen Ort begleiten, der nicht nur dazu einlädt, einen Kirchenbau mit einer Geschichte bis ins 4. Jahrhundert zu besichtigen oder bei schönem Wetter sich an das Ufer des Sees zu setzen und die Füße ins Wasser zu halten.

Das Leben muss weitergehen

Das Evangelium, das mit diesem Ort verbunden wird, führt uns vor allem auch hin zu einer Frage, die bereits den Verfasser des Evangeliums beschäftigt hat: Gibt es auch „ein Ostern nach Ostern?“

Seine Antwort kleidet der Evangelist in eine Erzählung, auf der – wie auch in anderen Osterevangelien – etwas Geheimnisvolles liegt, und in der Wehmut und Freude ganz nahe beieinander liegen.

Ob sich die Jünger damals vielleicht mit einem hilflosen Achselzucken diesen Satz, aus dem so viel Enttäuschung spricht, zugeraunt haben: „Das Leben muss weitergehen!“? Wie oft ist dieses Wort zu hören! Nach einem schmerzlichen Todesfall, wenn die erste Trauer vorbei ist, wenn der Alltag wieder sein Recht fordert. Und irgendwie stimmt es ja auch: Das Leben muss weitergehen. Die Arbeit muss getan werden, das tägliche Brot muss verdient werden. Und doch gibt es meist ein Vorher und ein Nachher. Wenn ein lieber Mensch, ein ganz Nahestehender gegangen ist, dann ist nachher alles anders, auch wenn das Leben weitergehen muss.

Gottesdienst

Das Motto ist: Wer’s glaubt wird selig

Der Apostel Thomas wird oft als „Ungläubiger“ bezeichnet. Doch gerade aus ihm zieht Abensbergs Pfarrer Birner Hoffnung.

Nach dem Tod Jesu war es ähnlich, und doch auch ganz anders. Der Schock der Tage in Jerusalem war nicht leicht zu verkraften. Zuerst die so hoffnungsvolle Ankunft Jesu in Jerusalem, voller Erwartungen, dass er endlich sein Reich und seine Herrschaft zeigen wird. Und dann das genaue Gegenteil: Gefangenschaft, wehrlos ausgeliefert dem zweifelhaften Gericht des römischen Statthalters Pontius Pilatus, das Todesurteil und der Tod am Kreuz.

Wie sollte es nun weitergehen? Diese Frage stand unerbittlich im Raum.

75 Jahre Kriegsende

In gespenstischer Stille

Oft hörten Zeugen der Todesmärsche bei Kelheim nur das Klappern der Holzschuhe der Häftlinge. Sie sahen aber auch Exekutionen

Die Jünger Jesu zieht es zurück nach Galiläa. Nach den dramatischen Tagen in Jerusalem kehren sie dorthin zurück, wo sie Jesus zum ersten Mal begegnet sind. War es die Sehnsucht nach den wunderbaren Tagen des Anfangs? Vielleicht war es auch ein ganz praktischer Grund, der sie bewogen hat, Jerusalem zu verlassen und nach Galiläa zurückzukehren: Dort waren sie zu Hause. Dort lebten ihre Familien. Dort hatten sie ihren Beruf. Und das Leben musste weitergehen.

Ein Fischer auf dem dem See Genezareth - wie einst Petrus Foto: Manfred Forster
Ein Fischer auf dem dem See Genezareth - wie einst Petrus Foto: Manfred Forster

Ja, sie müssen ihr Leben scheinbar wieder selber in die Hand nehmen und deshalb sagt Petrus „Ich gehe fischen.“ (Joh 21,3)

Zurück in den alten Beruf, die Zeit mit Jesus sozusagen „einklammern“. Es war nur eine Episode. Aber es kommt anders: Nach einer erfolglosen Nacht, in der sie nichts fangen, steht ein Fremder am Ufer und spricht sie an. Er rät dazu, es noch einmal zu versuchen. Und es wird ein gewaltiger Fischfang. Und sie erkennen, wer der Fremde ist.

Lebenszeichen und Hoffnung

Und sie begreifen, dass nicht einfach ihr bisheriges Leben weitergeht, sondern ihr Leben mit Jesus. Ihr Weg mit Jesus ist nicht zu Ende. Er beginnt eigentlich erst jetzt richtig. Bald werden sie aufbrechen und in die ganze Welt gehen, von ihm Zeugnis zu geben. „In diesen eigenartigen Zeiten tun Lebenszeichen besonders gut.“

So hat sich vor wenigen Tagen ein befreundetes Ehepaar bei mir für die Osterpost bedankt.

Petersfisch - das typische Pilgermahl am Ufer des See Genezareth. Foto: Manfred Forster
Petersfisch - das typische Pilgermahl am Ufer des See Genezareth. Foto: Manfred Forster

Es sind im wahrsten Sinn des Wortes Lebens-Zeichen, die die Jünger am See Gennesaret vom Auferstandenen geschenkt bekommen: Der unerwartet große Fischfang ganz entgegen ihrer langjährigen Berufserfahrung, das zubereitete Essen am Kohlenfeuer, zu dem sie nicht ihren eigenen Erfolg mitbringen müssen, die Gemeinschaft im Mahl als Erinnerung an den Gründonnerstag, an den Abend, an dem Jesus den Seinen alles gibt, was er zu geben hat – sich selbst.

Was sagte der Zukunftsforscher Matthias Horx zu unserer gegenwärtigen Situation: „Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich gerade auf.“ Doch dann fügt er noch hinzu: „Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.“

Die Jünger Jesus haben damals am See beides erlebt und erfahren und können deshalb bekennen: Es gibt ein Ostern nach Ostern!

Alle Informationen zur Corona-Situation im Landkreis Kelheim finden Sie hier.

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