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Justiz

Prozess gegen Kelheimer Macheten-Mann

Beim Fischerfest 2018 löste ein 22-Jähriger einen Großeinsatz der Polizei aus. Vor Gericht kam noch viel mehr zur Sprache.
Von Beate Weigert

Ein dicker Packen Akten lag auch auf dem Kelheimer Richtertisch. Sieben Anklagen wurden in dem Prozess verbunden. Symbol-Foto: Silas Stein/dpa
Ein dicker Packen Akten lag auch auf dem Kelheimer Richtertisch. Sieben Anklagen wurden in dem Prozess verbunden. Symbol-Foto: Silas Stein/dpa

Kelheim.Kaum zwei Wochen war er aus dem Gefängnis, da beging er schon die nächste Straftat. Dreieinhalb Jahre Jugendknast hatten einen damals 21-Jährigen aus dem Kreis Kelheim wohl nicht sonderlich beeindruckt. Nun stand er wegen insgesamt sieben Straftaten vor Kelheims Jugendschöffengericht. Die öffentlich wohl aufsehenerregendste Tat hatte sich beim Kelheimer Fischerfest 2018 abgespielt. Da zückte der Angeklagte im Streit mit Bekannten eine Machete und löste einen Großeinsatz der Polizei aus.

Wer kommt schon auf die Idee mit Hiebwaffe und vermummtem Gesicht auf ein Volksfest zu gehen, fragte Vorsitzende Richterin Claudia Nißl-Neumann den Angeklagten. Den Vorfall, der viele in Kelheim in Angst und Schrecken versetzte, versuchte der heute 22-Jährige, damit zu rechtfertigen, dass er nicht erkannt werden wollte und er und seine vier Begleiter von fünf anderen eingekreist worden seien. Er sich bedroht gefühlt habe.

Vor Gericht sagte auch der laut Anklage größte Kontrahent der gegnerischen Gruppe aus. Lässig begrüßte der den Angeklagten und erklärte, dass man nun wieder befreundet sei. Damals hätten sie sich halt „ein bisschen gekeilt“. Die 2018 bei der Polizei drastisch geschilderte Auseinandersetzung und daraus resultierende Verletzungen spielte der 20-Jährige nun heruntergespielt. „Das tat alles nicht weh.“

Baubetrug

Unternehmer pratzelt Kunden und Kollegen

Er sammelte Aufträge, orderte Material – dann erlahmte der Eifer des Maurers aus dem Kreis Kelheim. Jetzt hat er Zwangspause.

Der Angeklagte hatte aber noch viel mehr auf dem Kerbholz. Ganze sieben Anklagen verlas Staatsanwältin Obermeier. Darunter zwei Einbrüche – in den Carida-Laden und ein Schmuckgeschäft in der Kelheimer Donaustraße. Zweimal vierstelliger Sachschaden für drei- bis vierstellige Beute. Die spätere Begründung des Angeklagten dazu: „Wir waren betrunken, sind auf die Idee gekommen und haben es gemacht.“ DNA-Spuren überführten ihn und seine Kumpel.

Immer auf Krawall gebürstet

Weitere Straftaten: illegaler Besitz eines Butterfly-Messers, diverse Körperverletzungen, mehrmalige Nötigung, massiver Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (Resultat: zwei verletzte Polizisten) sowie diverse Verstöße gegen Weisungen der Führungsaufsicht. Begründung: „Da war ich im Stress.“

Nach dreieinhalb Jahren Jugendknast war eine der Auflagen, eine fünfjährige Führungszeit, verbunden mit regelmäßigem Melden bei Polizei und Bewährungshelferin. Wiederholtes Nichterscheinen versuchte der 22-Jährige mit Krankheit oder „Stress“ zu rechtfertigen.

Generell räumte er von Anfang an alle Taten ein. Teils verstrickte er sich in Widersprüche bzw. versuchte sich herauszureden.

Schwere Kindheit, zwiespältige Prognose

  • Jugendgerichtshelfer:

    Seinen Part könne er recht kurz gestalten, sagte der Vertreter der Jugendgerichtshilfe. Denn fünf Kontaktversuche mit dem Angeklagten waren unbeantwortet geblieben.

  • Psychiater:

    Der psychiatrische Gutachter war erfolgreicher. Ausführlich schilderte er die schwere Kindheit des Angeklagten, der früh ohne Eltern dastand, und von seinen traumatischen Erfahrungen aus der Zeit bei den Großeltern. Von frühem Drogenkonsum und Schulproblemen. Einen Schulabschluss hat der Angeklagte nicht. Eine Ausbildung hat er bislang nicht.

  • Persönlichkeitsstörung:

    Er attestierte dem Angeklagten eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Die sei auch bei seinen Taten ausschlaggebend. Damit einher gingen fehlende Empathie für seine Opfer, geringe Impulskontrolle. Zu viel Alkoholkonsum oder der anderer Drogen spielten eine untergeordnete Rolle.

  • Jugendstrafrecht:

    Das große Glück seines Mandanten war laut Verteidiger Christoph Schönhofer, dass sowohl Gericht, wie auch Staatsanwältin und Gutachter deutliche Reifeverzögerungen beim Angeklagten gegeben sahen und er obwohl nur ein Teil der Straftaten vor dem 21. Geburtstag begangen wurde, insgesamt nach Jugendstrafrecht beurteilt wurde.

  • Entwicklung:

    Für e ine Bewährungsstrafe samt einer zuvor vom Gutachter empfohlenen ambulanten Psycho-Therapie machte sich nur Verteidiger Schönhofer stark. Er sah in der Chance auf Ausbildung und Stabilität durch die Freundin die beste Entwicklungsmöglichkeit. Auch wenn die Zusammenarbeit zuletzt wieder besser lief, hatte die Bewährungshelferin einen „zwiespältigen“ Eindruck vom Angeklagten. Der Angeklagte betonte, es sei nicht so, dass ihm seine Taten nicht leidtäten. Jedoch habe er im Gefängnis, „wo jeder von seiner nächsten Tat spricht“, keine andere Entwicklung machen können.

Unter anderem hatte er auch einem 17-Jährigen, der angeblich schlecht über ihn gesprochen haben sollte, einen Kopfstoß ins Gesicht verpasst. Richterin wie Staatsanwältin Obermeier betonten, dass der Täter großes Glück gehabt habe, „dabei können die Opfer sterben“.

Der Geschädigte – kleiner, deutlich jünger und schmächtiger als der Angeklagte – schilderte im Zeugenstand, wie ihm unter anderem zwei Zähne abgebrochen waren und wie der Angeklagte völlig aus dem Nichts ausgetickt war, was ihm große Angst bereitete.

Dieser Vorfall spielte wenige Wochen beim Kelheimer Fischerfest 2018 erneut eine Rolle. Von einem Freund des Opfers zur Rede gestellt, ließ der Angeklagte damals einmal mehr seine Fäuste sprechen. Er sei „ziemlich stark betrunken gewesen“ und könne sich an nichts erinnern, behauptete der. Nach einem Schlag an den eigenen Kopf habe er eine Amnesie erlitten. Nur aus Erzählungen seiner Begleiter wisse er, was vorgefallen sei. „Ich brauche keine Erzählungen, ich brauche ihre Geschichte“, machte Richterin Nißl-Neumann den Ernst der Lage klar.

Null belehrbar, sehr gewaltbereit

Zwei Tage nach Vorfall eins war es zu der Aktion mit der Machete gekommen. Die hatte er in seinem Rucksack von einem Teenager tragen lassen. Nach eigener Schildertung wollte er sich so Respekt verschaffen. Kurz zuvor wollte er sich die Hiebwaffe bei einem Discounter gekauft haben.

Die Version, er und seine Freunde seien von fünf anderen eingekreist worden, war wohl ein Fantasiegebilde. Sie ließ sich auch nicht vom wiedergewonnenen Freund im Zeugenstand bestätigen.

Null Belehrbarkeit, eine atemberaubende Rückfallgeschwindigkeit, kaum Reue und extremes Gewaltpotenzial (s. Infostück) attestierte Staatsanwältin Obermeier dem Angeklagten in ihrem Plädoyer. Darüber hinaus sehe man nicht alle Tage solch ein Register an Straftaten.

Null Belehrbarkeit, eine atemberaubende Rückfallgeschwindigkeit, kaum Reue und extremes Gewaltpotenzial attestierte die Staatsanwältin dem Angeklagten. Symbol-Foto: Silas Stein/dpa
Null Belehrbarkeit, eine atemberaubende Rückfallgeschwindigkeit, kaum Reue und extremes Gewaltpotenzial attestierte die Staatsanwältin dem Angeklagten. Symbol-Foto: Silas Stein/dpa

Nebenbei war im Prozess zu erfahren gewesen, dass der Angeklagte mit seinen Kumpels auch für eine Reihe von Handy-Diebstähle in der Kelheimer Dreifachturnhalle verantwortlich gewesen war.

Dennoch hatte der 22-Jährige wohl damit gerechnet, mit Bewährung aus dem Gerichtssaal zu gehen. Daraus wurde nichts. Entsetzt und mit Kopfschütteln nahm der 22-Jährige sein Urteil auf. Er muss erneut ins Gefängnis. Für zwei Jahre und neun Monate, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Damit blieb das Jugendschöffengericht nur einen Monat unter dem, was die Staatsanwältin gefordert hatte.

Er müsse nun endlich einmal anfangen erwachsen zu werden, redete ihm die Richterin ins Gewissen. Ja, er habe eine schwere Kindheit gehabt, aber die könne man nicht als Rechtfertigung für alles herhalten. Er müsse selbst Verantwortung übernehmen, sich wie ein Erwachsener benehmen. Stattdessen mache er alles „Wischiwaschi“. Als Beleg dafür führt sie an, dass der Angeklagte etwa weder ein Attest für eine angegebene Erkrankung vorlegen konnte, noch einen Vertrag für die Ausbildung, die er angeblich in Kürze antreten wolle.

Ein weiteres Indiz seien die 120 Sozialstunden, die er wegen einer anderen Sache aufgebrummt bekommen hatte. Bislang weigere sich der Angeklagte, diese anzutreten. Er ließ sich kürzlich sogar lieber zwei Wochen einsperren und erklärte nun, dass er den Rest „lieber in eine Geldstrafe umwandeln wolle“. Das Ganze sei jedoch kein Wunschkonzert. „Schenken“ werde sie ihm die Sozialstunden nicht. Und auch, dass er „kleine Jungs“ in Angst und Schrecken versetze, habe er nicht nötig“, so Nißl-Neumann.

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