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Justiz

Riesensumme für Luxusreisen verprasst

Ein 49-Jähriger aus dem Landkreis Kelheim prellt seine Firma um eine sechsstellige Summe – und kommt ohne Gefängnis davon.
Von Beate Weigert

Insgesamt hatte der Angeklagte wohl fast 600 000 Euro kassiert. Angeklagt war er für das Ergaunern von mehr als 100 000 Euro. Alles, was er einnahm, verjubelte der Mann für Luxus-Reisen und Co.Foto: David Ebener/dpa
Insgesamt hatte der Angeklagte wohl fast 600 000 Euro kassiert. Angeklagt war er für das Ergaunern von mehr als 100 000 Euro. Alles, was er einnahm, verjubelte der Mann für Luxus-Reisen und Co.Foto: David Ebener/dpa

Kelheim.Richterin, Schöffen und Staatsanwältin staunten – wie es einem Mann aus dem südlichen Kreis Kelheim über Jahre möglich gewesen war, von dem Unternehmen, bei dem er in leitender Funktion im Leergutbereich tätig war, mehr als 5200 Gitterboxen zu stehlen und ab Werksgelände weiter zu versilbern.

Das Ganze war gut geplant: Per Zeitung hatte der 49-Jährige eine Annonce aufgegeben, in der er die Behältnisse zum Verkauf anbot. Und zwar statt für marktübliche 100 Euro das Stück nur für 20. Die Oberpfälzer Firma, die sich darauf hin meldete, fuhr über Jahre mit Lastern auf dem Betriebsgelände im Landkreis vor. Der Angeklagte teilte wenige Tage vorher telefonisch den Termin mit, meldete die Lkw beim Pförtner an und ließ von nichtsahnenden Kollegen wahlweise 54 bzw. 108 Gitterboxen per Gabelstapler verladen.

Mehr als 5200 solcher Gitterboxen ließ der Mann vom Gelände des Unternehmens im Kreis Kelheim von seinem Abnehmer abtransportieren. Foto: Daniel Karmann/dpa
Mehr als 5200 solcher Gitterboxen ließ der Mann vom Gelände des Unternehmens im Kreis Kelheim von seinem Abnehmer abtransportieren. Foto: Daniel Karmann/dpa

Vor Ort nahm der 49-Jährige jeweils einen Umschlag mit Bargeld in Empfang und die Boxen fuhren von dannen. Die Anklage listete 65 Tage von Sommer 2010 bis ins Jahr 2011 auf. Manchmal folgten die Tattage unmittelbar aufeinander, manchmal lagen Tage oder Wochen dazwischen. Staatsanwältin Kroher bezifferte in der Anklage den Diebstahlsschaden auf 523800 Euro. Der Angeklagte hatte für die Boxen etwas mehr als 100 000 Euro bar auf die Hand erhalten.

Masche lief schon seit 2004

Laut dem als Zeugen geladenen Steuerfahnder, der in dem Fall ermittelte, war die Masche des Mannes sogar schon viel länger am Laufen. Seit 2004. Quittungen der Oberpfälzer Firma belegten, dass diese in acht Jahren knapp 600 000 Euro an den 49-Jährigen zahlte. Nur während steuerliche Vergehen erst nach zehn Jahren verjährten, sei dies im Strafrechtlichen bereits nach fünf Jahren der Fall. So seien nun nur die Fälle von 2010 bis 2011 angeklagt.

Während durch alle Taten beim Finanzamt eine Steuerschuld von etwa einer halben Million Euro plus Zinsen aufgelaufen sei, sei es für den hier relevanten Zeitraum eine Steuerschuld samt Zinsen von etwa 58 000 Euro, erklärte der Mitarbeiter des Regensburger Finanzamts die Relationen.

Aufgefallen war das Fehlen von mehr als 5200 Gitterboxen im Konzern erst, als der Leasing-Vertrag für diese ausgelaufen war und die Leasing-Firma die Behälter zurücknehmen wollte, schilderte der Zeuge. Die Inventur sei zentral organisiert gewesen.

„Ich hab’ zuerst gedacht, hier bin ich falsch. Das war der Standard eines HartzIV-Empfängers.“

Der ermittelnde Steuerfahnder über das Zuhause des Angeklagten

Im Verfahren kam dem 49-Jährigen zugute, dass er nach dreiwöchiger U-Haft alles zugab. Als der Steuerfahnder zur Hausdurchsuchung bei ihm angerückt war, habe er beim Anblick des Hauses von außen zuerst gedacht, „dass ich hier falsch bin“. Auch im Inneren habe nichts auf die Riesensumme hingedeutet. „Das war der Standard eines HartzIV-Empfängers“, so der Finanzbeamte. Auch nennenswerte Bargeldbestände wurden nicht gefunden.

Durch andere Ermittlungen waren die Steuerfahnder auf den 49-Jährigen aufmerksam geworden. Foto: Sebastian Willnow/dpa
Durch andere Ermittlungen waren die Steuerfahnder auf den 49-Jährigen aufmerksam geworden. Foto: Sebastian Willnow/dpa

Der 49-Jährige habe ausgesagt, dass er alles für Luxus-Urlaubs- und Fußballreisen im großen Stil verjubelte oder für ausschweifende Feiern am Gillamoos. „Es war für uns unvorstellbar, dass man es schafft, den Betrag so raus zu jagen, aber ich glaub’ ihm das.“

Rückzahlungen an die geschädigte Firma hätten seines Wissens bislang nicht stattgefunden. Der Mann habe jedoch auch nichts in sein Haus investiert und sogar noch einen Bankkredit über 24 000 Euro aufgenommen, „obwohl er genug Geld gehabt hätte.“

„Es war für uns unvorstellbar, dass man es schafft, den Betrag so raus zu jagen, aber ich glaub’ ihm das.“

Der Kommentar des Steuerfahnders zur vollständig verjubelten Riesensumme

„Dass man auf so eine dämliche Idee kommt“, konnte Staatsanwältin Kroher im Plädoyer nicht fassen. Der 49-Jährige habe einen festen Job und das Vertrauen seines Unternehmens für eine führende Tätigkeit aufs Spiel gesetzt. Für so einen hohen Diebstahlsschaden gehe man normalerweise ins Gefängnis, betonte sie.

Obendrein habe er alles verdammt gut geplant. Zugute halten konnte sie dem Mann, dass er alles zugab, er half andere Vergehen aufzudecken und dem Gericht eine langwierige Beweisaufnahme ersparte. Dies waren wohl auch Gründe, warum eingangs in der Verhandlung per Rechtsgespräch ein „Deal“ zustande gekommen war. Hinzu kam ein sehr langer Verlauf des Verfahrens. Seit 2014 wurde ermittelt.

Mittlerweile gehe der Mann einer neuen Beschäftigung nach, kümmere sich um seine Familie, und habe sich weder vor noch nach der Tat etwas zu Schulden kommen lassen.

Kollegen als Tatwerkzeug

Zu seinen Lasten gingen die Taten über einen sehr langen Verlauf, die hohe Zahl der Fälle und des Schadens – am Ende waren es laut Gutachten 268 395,12 Euro (s. Infostück), sowie dass der Mann gewerbsmäßig mit den gestohlenen Boxen handelte, und nichtsahnende Kollegen, die das Diebesgut mit Gabelstaplern verluden, zu Tatwerkzeugen machte. Und natürlich auch, dass er das ganze Geld verprasste.

Die Staatsanwältin forderte eine zweijährige Freiheitsstrafe, die man unter den besonderen Gegebenheiten zur Bewährung aussetzen könne, und 360 Tagessätze à 30 Euro, sprich 10 800 Euro Geldstrafe. Die niedrige Tagessatzsumme richtet sich nach dem jetzigen Einkommen des Mannes, das deutlich geringer ausfallen dürfte, als das, das er zum Tatzeitpunkt bezog.

Corpus delicti

  • Über Umwege

    – bei Ermittlungen gegen einen Beschuldigten aus dem Raum Schwandorf – sei man auf den Angeklagten aufmerksam geworden, schilderte der Steuerfahnder. Da eine Firma aus der Oberpfalz einen sechsstelligen Betrag an ihn zahlte und Quittungen dies belegten. (Foto: Willnow/dpa)
    den Wert der gestohlenen Gitterboxen niedriger. Sie seien in neuwertigem Zustand pro Stück 100 Euro Wert. Jedoch seien die geklauten Behälter durch Gebrauch leicht bis stark beschädigt gewesen. Bei der Annahme dreier Kategorien bezifferte der Experte den Mittelwert auf 51,24 Euro pro Box. Somit reduziere sich die Diebstahlssumme von mehr als 523 000 Euro auf 268 395,12 Euro. (Foto: Karmann/dpa)

Verteidiger Dr. Werner Semmler merkte an, dass man es seinem Mandanten sehr leicht gemacht habe, weil im Unternehmen kein Compliance-System installiert war. Ein Vier-Augen-Prinzip zur Einhaltung von Gesetzen und Regeln habe es nicht gegeben. Er wolle den Schaden nicht kleinreden, doch für den Konzern mit Milliardenumsatz seien das wohl „Peanuts“ gewesen. Im Rahmen des Deals schloss er sich der Forderung der Staatsanwältin an.

„Ich will den Schaden nicht kleinreden. Aber für das Unternehmen sind es wohl Peanuts gewesen.“

Der Verteidiger in seinem Plädoyer

So fiel denn auch das Urteil des Schöffengerichts aus. „Zwei Jahre sind das Höchste, was man zur Bewährung aussetzen kann“, betonte Vorsitzende Richterin Claudia Nißl-Neumann. „Normalerweise wären Sie ein Kandidat fürs Gefängnis gewesen.“ Die Einziehung von Wertersatz könne man ihm nicht ersparen, denn so stehe es im Gesetz. Sprich: Neben der hohen Steuerschuld „wird man auch irgendwann versuchen, die 268 395,12 Euro für die Firma, von ihnen zu holen.“

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