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Region Kelheim
Samstag, 23. Juni 2018 18° 4

„Frühjahrsforum“

Rosskur als Kassenleistung

Fritz Schösser zu Gast bei der AOK Kelheim: Der Ex-Funktionär und Politiker übt teils harsche Kritik am Gesundheitssystem.
Von Martina Hutzler

  • Zu viele zu kleine Krankenhäuser: In Bayerns Klinik-Landschaft sind nach Ansicht von Fritz Schösser „Konzentrationen mittelfristig unvermeidlich“. Foto: Patrick Seeger/dpa
  • Ein literarisches und ein kulinarisches Dankeschön gab es für Fritz Schösser (3.v.re.) von den alternierende AOK-Beiratsvorsitzenden Wolfgang Gural und Franz Sichler. Mit im Bild AOK-Direktor Jürgen Eixner (re.), Bundestagsabgeordneter Florian Oßner (li.) und seine Landtags-Kollegin Johanna Werner-Muggendorfer. Foto: Hutzler

Kelheim.Einen unbequemen Gast hat sich die Kelheimer AOK zu ihrem „Frühjahrsforum“ eingeladen. Fritz Schösser, Ex-DGB-Vorsitzender in Bayern und seit pränatalen Zeiten ein AOK-Mitglied, das bis heute gerne seinen „kreativen Zorn über die Nachlässigkeiten in der Gesundheitspolitik“ loswird. So auch beim „Schofara“ in Siegenburg, wo der 70-Jährige im MZ-Gespräch und im Vortrag auch das heiße Eisen „Krankenhäuser“ anfasste. Mit dicken Handschuhen freilich.

Der (bis 2017) Aufsichtsrats-Vorsitzende im AOK-Bundesverband und Verwaltungsrat der gesetzlichen Krankenversicherung verweist auf Zahlen, die aus Kassen-Sicht die kränkliche Lage der Krankenhäuser widerspiegeln, gerade in Bayern. Der Ex-SPD-Bundes- und Landtagsabgeordnete indes weiß, wie toxisch Krankenhaus-Debatten gerade für Kommunalpolitiker sind.

„Qualität erst ab 200 Betten“

Als Fürsprecher der AOK-Versicherten kritisiert Schösser, dass die meisten der 400 Krankenhäuser in Bayern weniger als 200 Betten habe und gut ein Drittel aller Häuser defizitär arbeite. Besser wären „größere Einheiten, in denen speziell geschulte Mediziner und Pfleger komplexe Eingriffe vornehmen und durch hohe Fallzahlen Routine und Qualität erlangen“. Diese Qualität, das belegten langjährige Statistiken, „gibt es nur in Häuser mit mindestens 200 Betten“. Kleinere – ohne Kooperationspartner – krankten an „medizinisch wie ökonomisch nicht zu verantwortenden niedrigen Fallzahlen“.

An anderer Stelle indes beklagt er, dass die staatliche Aufgabe Gesundheitsversorgung „immer stärker ökonomisiert“ werde. Sei es durch gewinnbestrebte private Kranken- und Zusatzversicherer; sei es sogar in der AOK, die ihre Mitglieder jetzt betriebswirtschaftlich geschmeidig „Kunden“ nennt; Sei es bei privaten Klinik-Konzerne: Sie zögen immer mehr planbare Operationen an sich – was „Versorgungskrankenhäuser finanziell austrocknet“. (Dass Letztere aber auch den Krankenkassen Knausrigkeit vorwerfen, lässt er unerwähnt.)

Wohl aber gesteht er zu, dass diese Grundversorger, also konkret bei uns die Goldberg-Klinik (200 Planbetten) und die Ilmtalklinik Mainburg (100), vielen Bürgern als unverzichtbare Infrastruktur gelten. „Aus zwei mach’ eins“, die zu Jahresanfang diskutierte Option für ein neues Haus in Landkreis-Mitte? Hätte schon Charme für den AOK-Mann, aber dieser Option mag er trotzdem nicht das Wort reden. Sein Kompromissvorschlag: an den bestehenden Standorten definieren, welche Bereiche der Landkreis als Träger dort künftig abdecken und entsprechend „vollwertig ausstatten“ will.

Kompromiss für zwei Standorte
Kelheim als die größere Klinik könnte die „Mittel-Zentrale“ sein, von Ausstattung und Fallzahlen her ein qualitativ hochwertiger Grundversorger. Mainburg könne „stationäre Erstbehandlung, fachärztliche Grundversorgung, Hausarztpraxen und ambulante Pflegedienste“ verzahnen. Solche „dezentralen Gesundheitszentren“ müsse die Politik endlich ermöglichen – was nebenbei ein Mittel gegen den „Landarzt“-Mangel wäre, findet Schösser.

Im MZ-Interview geht Fritz Schösser auf die Standortfrage näher ein:

Herr Schösser, Sie kritisieren, Bayern habe zu viele kleine Krankenhäuser – wollen aber „regionale Lösungen“ für die Gesundheitsversorgung. Wie geht das, konkret im Landkreis Kelheim, zusammen?

Ortsnahe Versorgung darf nicht heißen: „ins erstbeste Krankenhaus“, sondern: „ins beste“. Kirchturm-Denken ist fehl am Platz. Stattdessen muss der Qualität, in einem Umkreis von 70 bis 80 Kilometern, alles andere untergeordnet werden! Im Landkreis sollte man festlegen, an welchem Standort welche Fachbereiche nötig sind, und die dann fachlich und technisch auf höchstem Niveau ausstatten. Aber dass da vor Ort die Meinungen auseinandergehen, ist klar. Das ist wie in der Gesundheitspolitik allgemein: Die einen reden von Über-, die anderen von Unterversorgung, die Dritten von Fehlversorgung – und alle haben irgendwie Recht.

Unterschiedliche Ansichten gibt es oft auch zu dem, was die gesetzlichen Kassen zahlen – und was nicht. Steht man da als Versicherter von AOK und Co. nicht oft auf verlorenem Posten?

Wieso? Gegen eine Entscheidung meiner Kasse kann ich Widerspruch einlegen – bei einem Ausschuss aus Mitgliedern der regionalen Selbstverwaltung. Danach kann ich ans Sozialgericht gehen, wo das Verfahren für Versicherte kostenlos ist. Die Privaten haben übrigens keine ehrenamtliche Instanz! Überhaupt sind sie in Versorgungsfragen mittlerweile oft viel schlechter als die Gesetzlichen – vor allem in den Basistarifen.

Mit einer Einheits-Bürgerversicherung wären Sie aber auch nicht recht glücklich, oder?

Sie ist kein Mittel gegen die so genannte Zwei-Klassen-Medizin. Sie kann ein Finanzierungsmodell für die Zukunft sein, um neben den Lohnsummen auch Kapitalerträge zur Gewinnung von Versicherungsbeiträgen zu generieren. Aber dazu braucht es ein durchdachtes System – keinen faulen Kuhhandel per Koalitionsvertrag.

Viele weitere politische Baustellen


Politisch sieht er viele Baustellen: etwa die Aufwertung der Pflegeberufe, über die seit 20 Jahren geredet werde. Oder das SPD-Wunschprojekt Bürgerversicherung: Es als Abhilfe gegen „Zwei-Klassen-Medizin“ zu verkaufen, sei „politische Dummheit“, wettert der SPD-Mann; denn dadurch würden die privaten Zusatzversicherungen erst recht „wie Pilze aus dem Boden schießen“. Bayerns Staatsregierung haut er Geldverteilung nach dem Prinzip Gießkanne um die Ohren, bei Hebammen wie beim Landes-Pflegegeld.


Seine Zuhörer – aus Politik, Wirtschaft und AOK – lässt er nach diesem Parforce-Ritt durch die Gesundheitspolitik reichlich erschlagen zurück; die Diskussion fällt kurz aus. Vize-Landrat und AOK-Beiratsvorsitzender Wolfgang Gural verteidigt das Festhalten an zwei Krankenhäusern, auch wenn das in Mainburg „schwierig“ und nur im ITK-Verbund machbar sei; MdB Florian Oßner verteidigt CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn und die wohnortnahe Krankenhausversorgung. Dann geht’s, nach Dankesworten von AOK-Direktor Jürgen Eixner und Beiratsvorsitzendem Franz Peter Sichler, zum Spargelessen – eine kalorien- wie konfliktarme Kur.

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