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Gedenken

Sittling war plötzlich im Granatenhagel

Jährlich wird in Sittling ans Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. 1945 geriet das Dorf zwischen die Fronten.
Von Josef Kastl

US-Truppen suchten im April nach einem Übergang über die Donau. Dabei gerieten neben Sittling u.a. auch Bad Gögging, Heilgenstadt und Neustadt unter Beschuss. Foto: Stadtarchiv
US-Truppen suchten im April nach einem Übergang über die Donau. Dabei gerieten neben Sittling u.a. auch Bad Gögging, Heilgenstadt und Neustadt unter Beschuss. Foto: Stadtarchiv

Sittling. Das Dorf Sittling liegt unscheinbar zwischen den beiden weitaus bekannteren Ortsteilen Bad Gögging und Eining. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 kam es am 27. April 1945 im kleinen Ort Sittling aufgrund seiner geografischen Lage an der Donau zu verheerenden Ereignissen. Dies ist der Anlass für die beiden ortsansässigen Vereine Jagdgenossenschaft und Freiwillige Feuerwehr alljährlich einen Gedenkgottesdienst in der Sittlinger Dorfkirche zu feiern.

Jedes Jahr trifft sich deshalb die Bevölkerung am Sonntag, der dem 27. April folgt, in der kleinen Kirche St. Ulrich und anschließend am Mahnmal vor der Kirche, um der Gefallenen, Vermissten und auch den zivilen Opfer zu gedenken. Der feierliche Gottesdienst mit Monsignore Dr. Johann Tauer wurde in diesem Jahr musikalisch vom Kirchenchor Bad Gögging umrahmt.

Mit einem Gottesdienst wurde wieder an die Opfer unter der Sittlinger Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg gedacht.  Foto: Kastl
Mit einem Gottesdienst wurde wieder an die Opfer unter der Sittlinger Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg gedacht. Foto: Kastl

Was genau beim „Übergang der Amerikaner über die Donau“ geschah, hat der Lehrer Josef Pfisterhammer – er war von 1921 bis 1950 Lehrer an der Schule in Bad Gögging – in seinen Erinnerungen niedergeschrieben. Er beschreibt die Situation: Am 26. April 1945 kreisten die ersten amerikanischen Flieger über Neustadt und Bad Gögging. Um die Donauüberquerung zur verhindern, sprengte die SS mittags um circa 1 Uhr die Donaubrücke in Neustadt in die Luft. In der darauf folgenden Nacht begann der Beschuss von Bad Gögging durch die Amerikaner.

Gefechtsstand vermutet

Da die Amerikaner in der Nähe von Sittling einen Gefechtsstand der SS vermuteten, gab es am 27. April 1945 ein Sturmfeuer, in dem Sittling mit Granaten beschossen wurde. Die Sittlinger hatten sich in ihren Häusern verschanzt. Im oberen Ortsteil wollte um 18 Uhr Franz Stadler nach einem Bombeneinschlag nach seinem Hof sehen und wurde tödlich getroffen. Auch der siebenjährige Martin Konrad wurde zur gleichen Zeit durch einen Granatsplitter, der durch das Fenster in das Hirthaus eindrang, getötet. „Im unteren Ortsteil wurde Frau Zehentner, am Gartenzaun stehend, ebenfalls tödlich verletzt und auch ihr Vater Andreas Pollinger, der sie ins Haus tragen wollte, wurde von der nächsten Granate getroffen“, schreibt Pfisterhammer. Auch Anna Karl ereilte das gleiche Schicksal, ebenso ihre Tochter Rosa, als sie Ausschau nach ihrer Mutter hielt.

Die Teilnehmer an der Gedenkfeier marschierten gemeinsam mit der Feuerwehr zum Feuerwehrhaus. Foto: Kastl
Die Teilnehmer an der Gedenkfeier marschierten gemeinsam mit der Feuerwehr zum Feuerwehrhaus. Foto: Kastl

„Sittling bot nach der Beschießung ein trostloses Bild. Granattrichter in Gärten und auf der Straße“, schreibt Pfisterhammer. Die meisten Häuser waren beschädigt, kein Gartenzaun mehr ganz und das Stadler-Anwesen brannte.

Um 8.30 Uhr abends ging ein schweres Gewitter nieder und tötete zwei SS-Leute, die unter der Abensbrücke unweit von Sittling Schutz gesucht hatten. Dabei wurde auch eine Sprengladung gezündet und die Abensbrücke zerstört.

Neben dem Kriegsgeschehen gab es am 27. April 1945 noch eine weitere Aufregung um ein Todesurteil über den Sittlinger Mesner Peter Pfeiffer. Er wurde angeblich von SS-Soldaten erwischt, als er es einigen Personen ermöglichen wollte, am Kirchturm eine weiße Fahne zu hießen. Er wurde im Keller eines Privathauses eingesperrt und mit vorgehaltenem Gewehr ständig bedroht. Dem Bad Gögginger Bürgermeister Necker wurde vom SS-Führer ein Schreiben mit dem Todesurteil und dem Befehl zur Beschaffung eines Sarges und des Aushebens eines Grabes übermittelt.

Nachdem der Bürgermeister dies veranlasst hatte, machte er sich mit einem Gnadengesuch auf nach Sittling. Gemeinsam mit dem Ortsgruppenleiter fuhr er in das nächstgelegene Hauptquartier und versuchte den SS-Truppenführer von der Unschuld Peter Pfeiffers zu überzeugen. Nach stundenlanger Diskussion wurde das Todesurteil aufgehoben und Peter Pfeiffer wurde um am Abend freigelassen. Der bereits angefertigte Sarg und das bereits begonnene Grab wurden für die anderen Todesopfer benötigt.

Zusammen mit einem weiteren gefallenen Soldaten wurden am 1. Mai 1945 sieben Personen beerdigt. Der Zweite Weltkrieg forderte insgesamt 29 Opfer in den Jahren 1941 bis 1945 aus der Ortschaft Sittling.

Nur noch ein Zeitzeuge

Mit dem alljährlichen Gedenktag an die Opfer der Kriege, vor allem der zivilen Opfer vom Donauübergang am 27. April 1945 wollen der Vorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr Sittling Anton Stadler und der Vorsitzende der Jagdgenossenschaft Johann Kolb jun. die Erinnerung wach halten.

Dies wird leider immer schwieriger, da auch in Sittling die „Zeitzeugen“ und Kriegsteilnehmer immer weniger werden. Bei den Feierlichkeiten heuer war als einziger und einer der ältesten Sittlinger, Johann Kolb sen., dabei, der als 17-jähriger Junge im Zweiten Weltkrieg aktiv mit dabei war.

Die Teilnehmer an der Gedenkfeier marschierten gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr zum Feuerwehr-Gerätehaus, wo traditionell ein Mittagessen von den organisierenden Vereinen spendiert wird. Bei dem gemütlichen Beisammensein wurden die geschichtlichen Ereignisse erzählt und dafür gesorgt, dass sie möglichst lange „weiter leben“.

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