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Steinkrug-Verordnung ist eine Posse

Weil man in einen Steinkrug nicht reinsieht, könnte der Wirte zum Betrügen verleiten – das steht im deutschen Gesetz.
Von Benjamin Neumaier

Georg Zierer schenkt probehalber um – vom Stein- in den Glaskrug uns zurück. Eine EU-Richtlinie gibt den Anlass dazu. Foto: Neumaier
Georg Zierer schenkt probehalber um – vom Stein- in den Glaskrug uns zurück. Eine EU-Richtlinie gibt den Anlass dazu. Foto: Neumaier

Ratzenhofen.Für Georg Zierer vom Biergarten in Ratzenhofen ist es „der Witz des Jahres. Als Sie mich angerufen haben, hab’ ich auf den Kalender geschaut, ob Sie mich in den April schicken wollen“, sagt er zum Reporter unseres Medienhauses. „Es ist paradox, zu verbieten, in einem Krug, der für Bier gemacht ist, Bier auszuschenken – weil er sich als Messgerät nicht eignet. Das kann sich nur ein Bürokrat ausdenken, der in seinem Leben noch kein Bier getrunken hat.“

Warum einfach, wenn’s...

Was zum Start der Biergartensaison im Landkreis wie ein Scherz klingt, ist aber Realität. Denn laut der EU-Richtlinie mit dem nichtssagenden Titel „2004/22 EG“ muss auf Steinkrügen nun ein Warnhinweis gedruckt werden: „Nicht für schäumende Getränke verwenden.“ Die Richtlinie stammt aus dem Jahr 2004 und regelt die Verwendung von Messgeräten: Uhren, Geodreiecke und im Anhang „MI-008 Kapitel II“ beschäftigt sie sich auch mit dem Steinkrug, dem sogenannten Keferloher. Weil der auch einen „Messgerätecharakter“ habe. Neue Krüge müssen seit dem 30. Oktober 2016 eben diesen Warnhinweis tragen.

Denn: An einem geeichten Bierglas ist der Messstrich außen deutlich sichtbar, bei einem Glasbehältnis also sofort ersichtlich, ob der Wirt gut oder schlecht eingeschenkt hat. Beim Steinkrug aber sei das nicht möglich, verhindere doch der Schaum, der beim Zapfen des Biers naturgemäß entsteht, eine Kontrolle – sowohl vonseiten des Schankkellners als auch vonseiten des Gasts. Der Konsument hat also keine Kontrolle über die korrekte Menge des erworbenen Getränks, der Wirt laut Justiz-Deutsch „ein Messgerät, das eine Benutzung in betrügerischer Absicht erleichtert“.

Glosse

Expertenwissen

Der Keferloher ist für mich Inbegriff der bajuwarischen Gemütlichkeit. Ein erquickendes Bierchen aus besagtem Krug unter schattenspendenden Kastanien in...

Für Georg Zierer, der im Biergarten seit 45 Jahren nur Steinkrüge verwendet, „eine Lachnummer. Wir haben uns einen Spaß daraus gemacht, am vergangenen Wochenende, als wir erstmals geöffnet haben, einen Messkrug an die Schenke gestellt – um Frotzeleien auf humorvolle Weise zu lösen. Grundsätzlich schenken wir gerne nach, wenn es einem Gast nicht passt, aber Beschwerden gibt es nur selten. Wir schenken gut ein – und unsere Gäste vertrauen uns“, sagt er.

Bayerns Brauer liefen Sturm

Dieses Vertrauen will der Gesetzgeber wohl allerdings nicht überstrapazieren und hat deshalb die EU-Richtlinie bereits am 1. Januar 2015 in deutsches Recht übernommen. Es soll schließlich kein Biertrinker über die Theke gezogen werden. Damit nun aber in Ratzenhofen – und überall wo es Steinkrüge im Offenausschank gibt – weiter daraus gebechert werden kann, hat sich der Bayerische Brauerbund stark gemacht. „Bei der EU habe man wohl nicht an den Keferloher gedacht“, sagte Hauptgeschäftsführer Lothar Ebbertz. Deshalb habe man auch einschreiten müssen. Und so hat der Brauerbund für eine Regelung gekämpft und dafür gesorgt, dass der Steinkrug zumindest halblegal bleibt. So muss der Warnhinweis auf neuen Krügen gedruckt werden, was den Keferloher aber noch nicht zurück in die „Legalität“ bringt. Denn welcher Biertrinker besieht sich den Boden des Trinkgefäßes. Deshalb muss der Wirt in einem zweiten Schritt den Konsumenten auf sein Recht auf ein geeichtes Bier hinweisen. Der Brauerbund rät zu einem Aushang in Thekennähe. „Lassen Sie bei Zweifeln an der korrekten Befüllung von Steinkrügen die Füllmenge unverzüglich überprüfen“, solle dort zu lesen sein. Empfehlenswert sei dazu ein durchsichtiges Messgerät – etwa ein gläserner Maßkrug – in den der Konsument sein Bier umfüllen könne, um den Füllstand zu überprüfen.

Georg Zierer schenkt probehalber um – vom Stein- in den Glaskrug uns zurück. Eine EU-Richtlinie gibt den Anlass dazu. Foto: Neumaier
Georg Zierer schenkt probehalber um – vom Stein- in den Glaskrug uns zurück. Eine EU-Richtlinie gibt den Anlass dazu. Foto: Neumaier

Georg Zierer hat deshalb einen Messbecher an der Schenke aufgestellt, seinen „Biermeßkrug“ – auch wenn er nicht glaubt, „dass den jemand nutzt, außer aus Gaudi. Beim Umfüllen entsteht ja wieder mehr Schaum und er müsste mindestens fünf Minuten warten, bis sich der gesetzt hat – es ist einfach ein Schmarrn“. Das sieht auch Brauerpräsident Georg Schneider so: „Grundsätzlich hat die EU an den Verbraucher gedacht, aber man kann in einem Europa mit vielen unterschiedlichen Kulturen, nicht alles über einen Kamm scheren. Da fällt leider auch mal eine Tradition hinten runter. Jetzt ist es ein Gesetz – Schade.“

Mit dem Gedanken, nicht mehr auf Steinkrüge zu setzen, hat Zierer nie gespielt: „ Wir haben etwa 2000 Steinkrüge, darunter 330 Stammgastkrüge – unsere Gäste wollen das so. Außerdem bleibt das Bier qualitativ besser und kühler. Der Steinkrug steht für Gemütlichkeit. Es würde eher einen Aufstand geben, wenn wir den Steinkrug abschaffen.“ In Ratzenhofen werde es trotz EU-Richtline „2004/22 EG“ keine Probleme geben. „Ich glaube auch nicht, dass das Landratsamt deswegen kontrolliert“, sagt Zierer. „Aber auszuschließen ist das heutzutage auch nicht.“

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Mit Umfüllmass kontrollieren

  • Richtlinie 2004/22-EG:

    Maßverkörperungen sind Lehren, Messgeräte oder Bestandteile derselben, die bestimmte einzelne Werte einer Messgröße oder einer Abfolge von Werten einer Messgröße darstellen. Sie werden verwendet, um als Prototyp die Einheit einer physikalischen Größe zu definieren, als Normal zum Kalibrieren oder Eichen von Messmitteln oder als Hilfe zum Messen.

  • Bierkrug:

    Ein Bierkrug ist demnach ein „Ausschankmaß“. Das definiert sich als „ein Hohlmaß, das für die Bestimmung eines festgelegten Volumens einer zum sofortigen Verbrauch verkauften Flüssigkeit ausgelegt ist“. Damit es korrekt ist, muss es „unter Berücksichtigung der praktischen Einsatzbedingungen für die beabsichtigte Benutzung geeignet sein“, heißt es weiter.

  • Korrektheit:

    Damit der Steinkrug, dessen Füllmenge bei schäumenden Getränken nicht mit dem Eichstrich zu vergleichen ist, korrekt bleibt, muss ein „Umfüllmaß“ an der Schenke stehen. Zur Überprüfung des Inhalts. Denn der Steinkrug darf an den „Benutzer keine unangemessen hohen Ansprüche stellen, um ein korrektes Messergebnis zu erhalten“. (Quelle: www.ptb.de)

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