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Stewens zu Besuch in der Geschichte

CSU-Fraktionsvorsitzende Christa Stewens unterstützte Landtagskandidaten Martin Neumeyer, den Babonen, in Riedenburg, der wahren Babonenstadt.
Von WaltEr Dennstedt, MZ

Aufgemerkt: Gunther der Gebartete führt Stewens und Neumeyer samt Gefolge durch die Stadt. Foto: Dennstedt

RIEDENBURG. Als die Turmuhr 19 Uhr schlägt, richtet Gunther der Gebartete am Marktplatz, wo sich ein illustres Völkchen versammelt hat, um „Ihro Ehrengast“ zu begrüßen, seinen Kettenhandschuh. CSU-Ortsvorsitzender Siegfried Lösch und CSU-Kreisvorsitzender, Integrationsbeauftrager der bayerischen Staatsregierung, Landtagsabgeordneter, Spargelverbandsvorsitzender, Kreisrat und nicht zuletzt Babone, Martin Neumeyer, stürmen der Frau entgegen, die es in den vergangenen drei Monaten geschafft hat, aus einem doch etwas angeschlagenen Haufen CSU-Abgeordneter wieder eine Fraktion mit Selbstbewusstsein zu machen: Christa Stewens.

Minne statt Massaker

Freilich, in Bayern am Selbstbewusstsein eines CSU-Abgeordneten zu zweifeln, das wäre, als hätte man im Mittelalter bezweifelt, dass die Babonen aus Riedenburg kommen. Denn Abensberg nenne sich zwar die Babonenstadt, das regierende Geschlecht indes sei in Riedenburg ansässig gewesen, mithin der Babone in Abensberg ein nicht erbberechtigter Spross, sagte der Burgvogt beim Stadtrundgang mit der hochwürdigen Frouwe, wie es im Mittelalter wohl geheißen hätte. Gunther Wagner erzählt vom Ort, der Geschichte und eben auch von den Babonen, die lieber zur Feder griffen, um Minnegesänge zu schreiben, statt zum Schwert, um zu kämpfen.

Tja, und dann greift Christa Stewens, die seit 1974 in der Politik aktiv ist, im Kabinett Stoibers erst Staatssekretärin, dann Ministerin war, doch noch zum Schwert, wenngleich ihr zumindest die männlichen Besucher mit Riedenburger Rose (Lösch zum Abschied) und Minnelied (Gunther der Gebartete) eher minniglich denn politisch kommen.

Eine Ausnahme freilich ist der Hochwürdige Herr Stadtpfarrer Karl-Heinz Memminger, denn der fragt die Position der CSU zu Asylpolitik und Kindergartenförderung ab. Die CSU Riedenburg, so begrüßt Siegfried Lösch, wolle neue Wege der Begegnung gehen, und so schaltete sie eine Stadtführung mit der Politikerin vor, zu der knapp 25 Anhänger der CSU gekommen waren, bevor man dann im Gasthaus „Zum Kini“ im Vorgarten zu kühlem Bier, respektive Wasser, wie es die Fraktionsvorsitzende orderte, zu politisieren begann.

Als am 26. April diesen Jahres der mediale Druck auf den bis dahin regierenden CSU-Fraktionsvorsitzenden Georg Schmid wegen seiner Verstrickung in die Verwandtenaffäre zu groß geworden war, wurde Christa Stewens zum Aufräumen gewählt. Kaum hatte sie erfahren, dass sie gewählt worden ist, da piepste ihr Handy mit einer SMS. Türken-Martin – pardon – Integrationsbeauftrager Martin Neumeyer, verband die Gratulation mit einer Einladung in den Wahlkreis, und am Mittwochabend war’s so weit.

Während Stewens wie eine Touristin dem Häuflein um Gunther den Gebarteten folgt und den Ausführungen aufmerksam lauscht, schaltet sie im Hof des Kini, gestärkt durch Mineralwasser und ein paar Radieschen, in den Wahlkampfmodus. In knapp einstündiger Rede gibt sie einen Abriss über das, was in Bayern gut sei, was die CSU gemacht hatte. Und sie spart nicht mit Selbstkritik, weil sie es war, die im „Freibierparlament“, wie böse Zungen noch im April den Landtag im Zuge der Verwandtenaffäre nannten, aufräumte. Jetzt hat Bayern das schärfste Abgeordnetengesetz in Deutschland, wenn nicht gar in Europa.

Während Neumeyer den alten Spruch beherzigt, man könne über alles, bloß nicht über fünf Minuten reden, holte Stewens aus. Von der Verwandtenaffäre und deren Lösung kommt sie aufs Hochwasser, ist sich hier mit Neumeyer einig, dass die Hilfsbereitschaft, die in Bayern gezeigt worden war, eben die Lebensqualität ausmache, was sie wiederum nicht zuletzt auf die Politik der CSU zurückführt, listet die Reihe der Ministerpräsidenten von Goppel über Strauß, Stoiber und Beckstein bis Seehofer und deren Verdienste auf, wobei sie wohl bewusst Max Streibl („Saludos, Amigos“) ausspart, und berichtet über Hochwasserschutz, Sozialpolitik, Bildungspolitik (hier habe man, leider, Fehler gemacht, aber es müsse jetzt endlich Ruhe einkehren, für Schüler, Eltern und Lehrer, also bittschön nichts mehr ändern!) und kommt schließlich auf den Hungerstreik der Asylbewerber zu sprechen, der in München fast Tote gefordert hätte, wäre nicht das Innenministerium im Schulterschluss mit Christian Ude, also der Stadt, eingeschritten. Freilich, als ein junger Mann da recht menschenverachtend sagt, dann wären die halt gestorben, da widerspricht Stewens heftig, ohne dass ihre Stimme lauter wird, aber klar und unmissverständlich. Der junge Mann kennt sich aus.

Das ist eine Qualität von Stewens, die auch Neumeyer lobt und schätzt. In der Verwandtenaffäre schaffte sie es, Ruhe in die CSU-Parlamentarier zu bringen. Und sie schaffte es zudem, die anderen vier Landtagsfraktionen ins Boot zu holen. Über den politischen Gegner verliert sie kein schlechtes Wort, kritisiert nur die Steuerpläne der Bündnis-Grünen („mit uns wird es keine Steuererhöhungen geben, das wäre in Zeiten sprudelnder Staatseinnahmen ein fatales Signal“) und redet sich immer mehr in Details. Vom Hochwasserschutz kommt sie zum Elterngeld und zur Finanzpolitik und dem Schuldenabbau und zur Ablehnung von Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare in Bayern.

Bis zum Schluss werben

Stewens, die auch stellvertretende Ministerpräsidentin war, wird ab Oktober nur mehr zu Hause sein – bei den sechs Kindern und den über 20 Enkeln. Denn mit der Konstitution des Landtags nach der Wahl am 15. September ist für sie Schluss mit der „großen“ Politik. Aber bis zum 22. September wird sie noch kämpfen. Für Neumeyer und für alle anderen CSU-Kandidaten, egal ob Land- oder Bundestag. Denn dass der Wahlausgang so klar ist, wie es Umfragen voraussagen, da will die Oberbayerin lieber nicht so ganz darauf vertrauen.

Und da unterscheidet sie sich eklatant von den Babonen in Riedenburg, die ja mehr minniglich unterwegs waren. Und ebenso eklatant von Franz-Josef Strauß, der einmal sagte. „Sicher ist ihnen das Wort Schumpeters bekannt, dass sich eher ein Mops einen Wurstvorrat halten kann, als dass ein Parlament darauf verzichtet, vorhandenes Geld auszugeben!“. Das Land baue Schulden ab, die Landesbank arbeite wieder profitabel, der Länderfinanzausgleich müsse ... da schlägt die Turmuhr halb zehn.

Zeit für den Nachtwächter.

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