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Prozess

Streit beim Fußballmatch eskaliert

Kopfstoß, Faustschlag, Gesichtsfraktur – schwerverletzt beim Benefiz-Turnier.Was genaue passierte, bleibt vor Gericht unklar.
von Benjamin Neumaier

Vor dem Amtsgericht Kelheim geht es in einem Prozess um Ggfährliche Körperverletzung „mit einer das Leben gefährdenden Behandlung“. Foto: Neumaier
Vor dem Amtsgericht Kelheim geht es in einem Prozess um Ggfährliche Körperverletzung „mit einer das Leben gefährdenden Behandlung“. Foto: Neumaier

Kelheim.Eine multiple Gesichtsfraktur, ein mehrmonatiger Sehkraftverlust auf dem linken Auge, eine Gehirnerschütterung, Hämatome und zwei Operationen an der Uni-Klinik Regensburg – das blieb einem 25-Jährigen Fußballer aus Abensberg von einem Benefiz-Hallenturnier im Dezember 2015 in der Sporthalle der Mainburger Mittelschule. Nun landete der Fall vor dem Amtsgericht Kelheim. Tatbestand: „Gefährliche Körperverletzung mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung“.

Die Ursache der Verletzung und ihrer Folgen ist klar und wurde auch vom Angeklagten mittels einer Erklärung seines Anwalts Michael Haizmann eingeräumt: ein Faustschlag ins Gesicht. „Den Faustschlag wollen wir nicht in Frage stellen. Wie und warum mein Mandant zugeschlagen hat, das wollen wir klarstellen. Gefährliche Körperverletzung ist aber zu hoch gegriffen.“

Viel Emotion

Der Angeklagte und dessen Zeugen sowie das Opfer und dessen Zeugen widersprachen sich anschließend in ihren Aussagen gravierend.

Die Stimmung sei aufgeheizt gewesen an diesem Samstag im Dezember in der Mainburger Mittelschulhalle, wo eigentlich für den guten Zweck – gesammelt wurde für eine kosovarische Familie – gekickt wurde. „Es waren Mannschaften mit hauptsächlich Ausländern. Da ging es schon sehr emotional zu“, sagte einer der Zeugen. Das Halbfinale des Turniers eskalierte dann. Als das Team des Angeklagten das 3:0 erzielte, habe dieser provokativ vor dem Opfer gejubelt. Es gab ein Wortgefecht.

„Ich habe ihn dann mit der Hand leicht weggestoßen und wollte den Anstoß machen. Als ich mich weggedreht habe, habe ich einen Faustschlag bekommen und nur noch Sternchen gesehen“, sagte der 25-Jährige aus Abensberg unter Tränen. Er kippte damals um, blieb liegen. Ob er nun kurzzeitig bewusstlos war oder nicht, darin widersprachen sich die Aussagen der Zeugen. Auch das türkische Opfer selbst konnte es nicht mehr rekonstruieren.

Ein Zeuge aus Neustadt, Teammitglied des Opfers, spricht sogar davon, „dass der Angeklagte zwei Schritte Anlauf nahm, hochsprang und nach einer Ausholbewegung voll zuschlug. Ich spiele schon lange Fußball, auch höherklassig, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Nicht einmal bei einer Schlägerei auf der Straße.“

Probetraining in 2. Liga verpasst

  • Folgen für das Opfer:

    Der Faustschlag gegen ihn beim Fußballturnier am 12. Dezember 2015 in Mainburg hatte für den 25-jährigen Türken Folgen. Er wurde noch am selben Tag in der Uni-Klinik am gebrochenen Jochbein operiert. Die dabei eingesetzte Metallplatte wurde nach einem halben Jahr in einer weiteren OP wieder entfernt. „Außerdem habe ich drei Monate mit dem linken Auge nicht mehr richtig gesehen“, sagte er unter Tränen. Dadurch habe er ein Probetraining bei einem Fußball-Zweitligisten in der Schweiz verpasst. „Ich konnte ein halbes Jahr keinen Sport machen, nahm sechs Kilo ab. Mit Profifußball sieht es jetzt schlecht aus“, sagt er. Der 25-Jährige spielte laut eigener Aussage bereits in der 2. Liga in der Türkei und in der 1. Liga auf Zypern, war zudem im Juniorenbereich in der Bundesliga aktiv. Mittlerweile spielt er im höheren Amateurbereich. „Er hat mein Leben zerstört“, sagte er in Richtung des Angeklagten. „Und er hat sich nicht bei mir entschuldigt.“

  • Rechtsmedizin:

    Prof Dr. Peter Betz war als Rechtsmediziner zur Verhandlung in Kelheim geladen. Seine Einschätzung „fällt nicht anders aus, als mein schriftlicher Bericht“, sagte er: Er sprach von „einer erheblichen Intensität der Gewalteinwirkung“, was alleine schon die Knochenbrüche im Gesicht nahelegen würden. Laut ihm war es eine gefährliche Körperverletzung mit lebensgefährdender Handlung. Schon alleine die Wucht des Faustschlages hätten sogenannte Brückenvenen, zarte Blutgefäße, verletzen können und zu einer Blutung im Gehirn führen können. Zudem hätte dies auch der Sturz, der ein Schädel-Hirn-Trauma zur Folge hatte, auslösen können. „Eine Todesfolge war in diesem Fall möglich“, sagte Betz. Ob der Schlag mit einer Ausholbewegung geführt wurde, gerade oder von der Seite kam oder wie Angeklagter und Opfer beim Schlag zueinander standen, das konnte Betz aus der Beurteilung der Verletzung nicht erörtern.

Gänzlich anders beschreibt der im Irak geborene Mainburger Angeklagte die Szene: „Ich habe ganz normal nach dem Tor gejubelt, er kam zu mir und hat mir einen Kopfstoß auf die Brust verpasst. Dann habe ich zurückgeschlagen. Ohne groß auszuholen. Es war ein Reflex.“ Sein Verteidiger fügte hinzu: „Das ist im Eifer des Gefechts passiert. So etwas kommt doch im Fußball jede Woche vor.“

Den Kopfstoß verneinten wiederum das Opfer und dessen Mannschaftsmitglied im Zeugenstand; dagegen beschrieben ihn weitere Zeugen: Mannschaftsmitglieder und Freunde des Angeklagten, ein Spiel-Zuschauer (der mit dem Angeklagten befreundet ist) sowie ein Schiedsrichter. Ob der Kopfstoß nun die Brust oder das Gesicht getroffen habe, darin wurden sich die Zeugen, die „zugunsten“ des Angeklagten aussagten, in ihrer Erinnerung nicht einig – der Vorfall liege zu lange zurück. Alle benutzten in ihren Aussagen aber mehr oder weniger den Begriff „Reflex“, um den Schlag des Angeklagten zu beschreiben.

Unterschiedliche Wahrnehmungen gab es auch im Bezug auf Drohungen: Einerseits soll das Opfer beim Verlassen der Halle in Richtung des Angeklagten gerufen haben: „Ich muss ihn töten“. Andererseits sollen Zuschauer aus Mainburg versucht haben, das Opfer mit Drohungen von einer Anzeige bei der Polizei abzuhalten.

Zeugenaussagen weitergegeben

Für Aufsehen bei Richterin Claudia Nißl-Neumann sorgte der Schiedsrichter aus Mainburg, der im Zeugenstand davon sprach, dass er sich seine polizeiliche Aussage als Kopie aus der Strafakte kurz vor der Gerichtsverhandlung vom Angeklagten habe bringen lassen. „Ich wollte mein Gedächtnis auffrischen. Es ist schließlich lange her.“ Auch ein weiterer Zeuge, der zugunsten des Angeklagten aussagte, habe von diesem seine polizeiliche Aussage vorab erhalten.

Vor dem Amtsgericht Kelheim geht es in einem Prozess um Ggfährliche Körperverletzung „mit einer das Leben gefährdenden Behandlung“. Foto: Neumaier
Vor dem Amtsgericht Kelheim geht es in einem Prozess um Ggfährliche Körperverletzung „mit einer das Leben gefährdenden Behandlung“. Foto: Neumaier

Richterin und Staatsanwaltschaft bohrten daraufhin bei sämtlichen Zeugen nach, ob es bei ihnen ebenso gewesen sei oder ob man sich anderweitig abgesprochen habe. Das verneinten, nach nochmaligem Hinweis auf die Folge von Falschaussagen, alle weiteren Zeugen. Für den Anwalt des Opfers, Wolfgang Hofmann, „ist diese Art der Zeugenvorbereitung ein Unding. Aber die Richterin wird das richtig einordnen“. Verteidiger Haizmann hingegen sah es „als völlig normal an. Jeder Polizist wird sogar darum gebeten, sich so vorzubereiten.“

Zu einem Urteil kam es noch nicht; auch ein Rechtsgespräch blieb erfolglos. Die Verhandlung wird mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

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