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Medizin

Therapeuten zeigen Spahn Rot

Sie sind wichtig, ihre Terminbücher voll. Aber sie sind unterbezahlt. Ein Berufsstand wehrt sich – auch im Landkreis Kelheim.
von Benjamin Neumaier

Daniela Krammel-Schmiofski, Stephan Meier und Gertraud Deubzer klagen über die Arbeitsbedingungen der Heilmittelerbringer. Foto: Neumaier
Daniela Krammel-Schmiofski, Stephan Meier und Gertraud Deubzer klagen über die Arbeitsbedingungen der Heilmittelerbringer. Foto: Neumaier

Abensberg.Wer kurzfristig einen Termin bei einem Physio- oder Ergotherapeuten, Logopäden oder Podologen braucht, hat schlechte Karten. Die Wartelisten der sogenannten Heilmittelerbringer im Landkreis Kelheim sind rappelvoll.

„Wir sind mittlerweile schon im Oktober und November im Praxisbuch, sagt Stephan Meier, Physiotherapeut aus Offenstetten. Ähnlich illusorisch schildern die Ergotherapeutin Daniela Krammel-Schmiofski und Logopädin Gertraud Deubzer den Wunsch der Patienten nach schneller Hilfe. Eine Situation, die für die drei „nicht mehr hinnehmbar ist“, sagen sie einhellig – und zeigen Gesundheitsminister Jens Spahn die Rote Karte. Aber nicht nur sie. Hunderte Rote Karten liegen deutschlandweit in Praxen aus, werden gesammelt und am 30. August an Spahn geschickt.

Ausbildung kostet 15 000 Euro

Organisator der Aktion ist das Bündnis „Therapeuten am Limit“, dem sich Krammel-Schmiofski, Deubzer und Meier „eng verbunden und zu Dank verpflichtet“ fühlen. „Weil endlich jemand auf unsere Probleme aufmerksam macht“, sagt Meier.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, wird von den Heilmittelerbringern mit Briefen und Nachrichten regelrecht bombardiert. Foto: Michael Kappeler/dpa
Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, wird von den Heilmittelerbringern mit Briefen und Nachrichten regelrecht bombardiert. Foto: Michael Kappeler/dpa

Neben unzumutbaren Wartezeiten sind dies hoher bürokratischer Aufwand, teure Ausbildung sowie verpflichtende Fortbildungen, aber vor allem schlechte Vergütung und damit verbunden drohende Altersarmut und extremer Nachwuchsmangel.

2300 Euro brutto verdiene ein Physiotherapeut im Schnitt, bei einer knapp 15 000 Euro teuren dreijährigen Ausbildung exklusive Fortbildungen, die teils mehrere Tausend Euro kosten, schildert Meier die Situation. Auch immer weniger Logopäden stoßen in der Branche dazu. Die Ausbildung über drei Jahre muss in Privatschulen selber finanziert werden. „Wer da durchhält, geht meistens schon mit Schulden in den Arbeitsalltag. Oder man braucht ein starkes Elternhaus im Hintergrund, das das Ganze mitfinanziert“, weiß Deubzer. Sie selbst könne ihren fünf Angestellten nur wenig mehr als den Mindestlohn zahlen, „obwohl alle Hochschulreife oder -abschluss haben“.

Miese Bezahlung - Therapeuten geben Job auf:

Schuld daran ist laut Krammel-Schmiofski vor allem die Abrechnungspraxis der Krankenkassen. „Bei vielen Diagnosen können wir die Patienten nicht kostendeckend behandeln, zahlen drauf.“ Teilweise werden Rezepte von Krankenkassen nicht anerkannt, weil ein minimaler Fehler in den rund 25 Punkten ist, die man ausfüllen muss.“ So habe ihr eine Krankenkasse schon einmal eine Zahlung verweigert, weil wegen einer Umleitung die Anfahrt zu einer Dauerpatientin länger ausfiel also sonst. „Das wurde als Fehler ausgelegt. Das Einspruchsformular auszufüllen, hätte mich mehr Zeit gekostet, als ich letztlich durch das Rezept bekommen hätte.“

Seit 20 Jahren meist Nullrunden

Und die kürzliche Anhebung der Vergütung der Krankenkasse – seit 20 Jahren gab es meist Nullrunden und wenn dann sehr geringfügige Anpassungen – sei weder geeignet, das Einkommensloch der vergangenen Jahre aufzufüllen, noch hilft sie den Therapeuten aus ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Not. Sie ist damit auch weder geeignet noch in der Lage, die Gerechtigkeitslücke zwischen den tariflich abgesicherten Therapeuten in Krankenhäusern und anderen Instituten gegenüber den freiberuflich tätigen und ihren angestellten Therapeuten zu schließen.

Kreideaktion von „Therapeuten am Limit“:

„Es ist zumindest ein Anfang, holt uns aber nicht aus dem Sumpf heraus“, sagt Stephan Meier. „Aktuell kann ich aber trotzdem niemandem guten Gewissens empfehlen, in unserer Branche einzusteigen.“ Denn man sei wohl „weiterhin ein Spielball der Politik“, sagt Deubzer. „Wir sind eine kleine Gruppe, haben keine Lobby wie die Kräfte des Pflegepersonals und keinen gewerkschaftlichen Vertreter. Da ist es schwierig, etwas zu erreichen.“ Dabei seien es gerade sie, „die den Krankenkassen durch Behandlungen oft hohe Folge- oder auch Operationskosten sparen oder Menschen wieder für den Arbeitsmarkt vermittelbar machen“, sagt Krammel-Schmiofski.

Dennoch sind die drei guter Hoffnung, denn erstmals seit sie in ihren Berufen arbeiten, bewege sich etwas. Und das ist auch nötig, denn durch den demografischen Wandel kommen immer mehr ältere Klienten – und denen möchten die Therapeuten möglichst nicht die Rote Karte zeigen.

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Therapeuten am Limit

  • Gründer:

    Ins Leben gerufen hat die Aktion „Therapeuten am Limit“ der Frankfurter Physiotherapeut Heiko Schneider mit einem Brandbrief an das Gesundheitsministerium in Berlin. Damit löste der 42-Jährige eine Welle der Empörung und Solidarität in ganz Deutschland aus. Unter www.therapeuten-am-limit.de oder der gleichnamigen Facebookseite, gibt es Informationen.

  • Situation:

    „Die Situation der Heilmittelerbringer in Deutschland ist mehr als schlecht. Fachkräftemangel, veraltete Ausbildungsinhalte, zu geringe Vergütung durch die Krankenkassen und fehlende Wertschätzung lassen Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen im internationalen Vergleich ganz alt aussehen. Eine flächendeckende Versorgung von Patienten ist ernsthaft gefährdet“, schreibt Schneider auf therapeuten-am-limit.de. Er hat mit seinem Brandbrief und einer Fahrradtour von Frankfurt am Main nach Berlin zum Gesundheitsministerium dem Protest der Heilmittelerbringer ein Gesicht gegeben. Tausende Therapeuten folgen seinem Beispiel und protestieren auf unterschiedliche Art.

  • Protestfahrt:

    Gemeinsam mit Kollegen radelte Heiko Schneider bis nach Berlin. Die Kernaussage dahinter: Wir können uns eigentlich nicht einmal ein teures Bahn-Ticket leisten. Am 5. Juni gab es eine Demonstration mit Hunderten Therapeuten vor dem Gesundheitsministerium. Gesundheitsminister Jens Spahn nahm davon zumindest nicht persönlich Notiz und blieb der Veranstaltung fern.

  • Ziele:

    Bei der Aktion geht es nicht nur um die zu geringe Vergütung durch die Krankenkassen: Ebenfalls gefordert werden eine kostenlose Ausbildung, die bisher rund 15 000 Euro kostet. 85 Prozent erwartet die Altersarmut, kaum einer der Selbstständigen kann vorsorgen.

  • Aktionen:

    Weiter gekämpft wird mit allen Mitteln: In der wöchentlichen Live-Schaltung von Minister Spahn gehen Hunderte Therapeuten in die Offensive und bombardieren ihn mit Fragen. Außerdem gibt es über 1000 Brandbriefe ans Ministerium. Auch die Aktion Rote Karte, bei der ein Stimmungsbild von Therapeuten und Patienten erfasst wird, gehört dazu. (Quelle: therapeuten-am-limit.de)

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