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Schulart

Übertritt: Die Qual der Wahl ist vorbei

An den weiterführenden Schulen im Kreis Kelheim stehen die Einstiegsklassen im Herbst ungefähr fest. Eine Analyse.
Von Martina Hutzler

In welche Schule werden sie nach der vierten Klasse gehen? Foto: Sebastian Kahnert/dpa
In welche Schule werden sie nach der vierten Klasse gehen? Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Gymnasien

G8 – G9: Die Reform der Reform ist durch – aber das hat wohl noch nicht jeder gemerkt

Alle drei Gymnasien im Landkreis hadern mit rückläufigen Anmeldungen aus den vierten Klassen – und können sich keinen Reim drauf machen. Denn der Haupt-Kritikpunkt an diesem Schultyp wäre ja ausgeräumt: Das achtstufige Gymnasium gehört der Vergangenheit an. Es wurde von vielen Eltern und Schülern als zu stressig wahrgenommen, „vor allem der massive Nachmittagsunterricht“, sagt Franz Baumer. Der Vize-Schulleiter des Mainburger Gymnasiums hat bei den „recht gut besuchten“ Elterninfo- und Schnuppertagen offensiv darauf hingewiesen, dass das G9 den Unterricht wieder „entschleunigt“.

Über den richtigen Weg zum Abitur ist in Bayern viele Jahre gestritten worden. Foto:  Tobias Kleinschmidt/dpa
Über den richtigen Weg zum Abitur ist in Bayern viele Jahre gestritten worden. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Aber viele Eltern glauben das wohl erst so richtig, wenn die praktische Umsetzung ein, zwei Jahre läuft, vermutet der Rohrer Schulleiter Franz Lang – bisher überwiege wohl die Unsicherheit, wie das „neue alte G9“ künftig läuft. An seiner Rohrer Schule haben die aktuellen Fünftklässer – die schon neun Jahre bis zum Abi brauchen werden – noch einen Nachmittag wöchentlich Unterricht, „Kelheim und Mainburg haben schon ganz drauf verzichtet“, schildert Lang. Dennoch habe sich „die Hoffnung aller drei Gymnasien, dass die Schulart durch das G9 wieder attraktiver wird, für heuer zerschlagen“, bedauert er. Und bekennt sich selbst eindeutig zum neunjährigen Modell. „Die meisten Lehrer haben das G8 immer abgelehnt“, bei den Eltern habe sich recht bald Ablehnung durchgesetzt.

Das Hin und Her hat allenfalls in einigen Jahren logistische Folgen.

chulen sollten eigentlich allein schon wegen des Auf und Ab’ der Geburtenzahlen mit Gummiwänden gebaut werden. Bereitet nun das Hin und Her zwischen acht und neun Jahrgangsstufen den Gymnasien obendrein Probleme? Frühestens Mitte der 2020er-Jahre – wenn überhaupt. Erst wenn die letzten G8-Absolventen weg sind, erhöht nämlich die Neunjährigkeit des Schultyps die Zahl der unterzubringenden Klassen – theoretisch. In der Praxis kommt es natürlich auch auf die künftige Anmeldezahlen an.

In welche Schule werden sie nach der vierten Klasse gehen? Foto: Sebastian Kahnert/dpa
In welche Schule werden sie nach der vierten Klasse gehen? Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Zudem wurden die drei Gymnasien im Landkreis noch zu G9-Zeiten (aus-)gebaut. Kelheim etwa hätte kein Platzproblem, würden dort wieder rund 960 statt aktuell 860 Schüler lernen, sagt DGK-Leiter Dr. Josef Schmid.

Folgenreicher ist die Reformiererei für die Personalplanung – und für angehende Lehrkräfte. Denn weil das G9 zwar länger, aber eben entzerrter wird, sinkt in den nächsten Jahren der Bedarf an Lehrern erst mal: Gerade in den Unterstufen fallen ja Stunden weg. „Die Beschäftigungsmöglichkeiten gehen im Augenblick eher zurück“, bedauert Schmid mit Blick auf Uni-Absolventen. Weil indes Mitte nächsten Jahrzehnts mit der Klassenzahl der Lehrkraft-Bedarf sprunghaft steigen wird, baue das Kultusministerium vor, z.B. mit Teilzeitangeboten oder der Option, vorübergehend an Grundschulen zu unterrichten: durchaus mal weitsichtig, lobt Mainburgs Vize Baumer.

Im Mainburger Schulzentrum liegen alle drei Schularten nebeneinander: Gymnasium (links), Mittelschule (rechts) und zwischendrin die  neu errichtete Realschule. Foto: Dr. Satzl
Im Mainburger Schulzentrum liegen alle drei Schularten nebeneinander: Gymnasium (links), Mittelschule (rechts) und zwischendrin die neu errichtete Realschule. Foto: Dr. Satzl

Realschulen

Für viele Eltern sind sie die attraktivere Alternative

Den Run auf die Realschulen werten die Schulleiter als Lohn der Mühen, den Schultyp attraktiv zu gestalten. Und als Beweis, dass die bei Arbeitgebern von jeher hohe Akzeptanz für die Realschule von immer mehr Eltern geteilt wird. Die setzen „Mittlere Reife“ längst nicht mehr mit „Mittelmaß“ gleich. Sondern mit einer idealen Startbasis in den Beruf, die aber – dank FOS und BOS – auch die Option Studium offen lässt: Das beobachtet etwa der Direktor der Staatlichen Realschule Riedenburg, Thomas Dachs.

Ein wichtiger Baustein sei, dass Realschüler jetzt eine zweite Fremdsprache wählen können, was später beim FOS-Abi hilft, ergänzt Alfred Henneberger. Der Konrektor der Mädchenrealschule Riedenburg hört von immer mehr Eltern, die Realschule sei die attraktivere Alternative zum Gymnasium: weniger stressig und obendrein technisch und im IT-Bereich oft moderner. In Mainburg etwa haben 33 Viertklässler mit gymnasialer Eignung lieber die dortige Realschule gewählt – für Direktor Markus Bayerl auch ein Beleg für den guten Ruf seiner Schule.

Speziell an der Mädchenrealschule St. Anna hat heuer das satte Übertritts-Plus von 28 auch biologische Gründe, ergänzt Konrektor Henneberger: Ein Jahr zuvor waren überdurchschnittlich viele Buben in den vierten Klassen.

Die Staatlichen in Abensberg und Riedenburg bleiben bei fünf fünften Klassen, St. Anna hat im Herbst drei.

Mainburg registriert eine „Eignungslücke“ und rätselt

Die Realschule Mainburg hat wieder zwei Fünfte – nur sind sie nicht mehr proppevoll wie bisher. Vom Tisch sei damit immerhin die leidige Debatte, ob die Realschule dreizügig werden soll, freut sich Direktor Markus Bayerl. Ratlos indes ist er, warum in Mainburg gerade die Anmeldungen von Schülern mit expliziter Realschul-Eignung so einbrachen, von 28 auf 13. Bayerl schätzt das „Reservoir“ an Viertklässlern im Raum Mainburg auf etwa 160 – dass so wenige von ihnen die Realschuleignung im Übertrittszeugnis erreichten, ist ihm unerklärlich.

FOS/BOS

Arbeiten statt lernen nach der Ausbildung macht der BOS zu schaffen

Die gute Wirtschaftslage vermutet Studiendirektor Jürgen Lichtlein als Grund für weiter rückläufige Anmeldezahlen an der Berufsoberschule Kelheim: Auszubildende werden meist übernommen und haben oft keine Lust, noch länger zur Schule zu gehen, erklärt Lichtlein, einer der Vertreter des Schulleiters am Beruflichen Schulzentrum Kelheim. Für die BOS könne das existenzbedrohend werden; man bemühe sich daher, zusätzlich den Gesundheitsbereich anbieten zu dürfen, zunächst einmal über den Weg einer Probe-Einschreibung. An der FOS sind die Zahlen weitgehend stabil. Das Berufliche Schulzentrum wird in den nächsten Jahren per Generalsanierung modernisiert.

Mittelschulen

Bei den Betrieben längst weitaus gefragter als bei den Eltern

Je breiter das Angebot, desto besser wird die Mittelschule angenommen: Davon ist Heiner Bruckmüller überzeugt. In Bad Abbach sei der M-Zug das Zugpferd, erklärt der Rektor der Angrüner-Mittelschule: Aktuell 18, im Herbst sogar 25 Kinder starten so Richtung Mittlere Reife. Dank der „sehr positiven“ Anmeldezahl von 45 Fünftklässlern kann die Schule obendrein wieder je eine „normale“ und eine „Gelenk-“ Fünfte anbieten. Letztere ist eine Hinführungsklasse zum späteren M-Zug, stellt erhöhte Anforderungen. Immer mehr Kinder nutzen auch die Ganztagsbetreuung.

Die Ganztagsbetreuung, bei der die Kinder mittags auch verpflegt werden, wird von immer mehr Eltern in Anspruch genommen. Foto:  Alexander Körner/dpa
Die Ganztagsbetreuung, bei der die Kinder mittags auch verpflegt werden, wird von immer mehr Eltern in Anspruch genommen. Foto: Alexander Körner/dpa

Von der Schulart ist Bruckmüller mehr denn je überzeugt. Der Koordinator des Mittelschul-Verbunds Nord bekommt mit, wie händeringend gerade Handwerks- und andere Mittelstandsbetriebe nach Azubis suchen. Nur bei den Eltern müsse sich noch mehr die Erkenntnis durchsetzen, „dass die Mittelschule für ganz viele Kinder die richtige Schulart ist“: für die, die unter dem Leistungsdruck an Gymnasien und Realschulen leiden; für die, denen das Klasslehrer-Prinzip der Mittelschulen bei ihrer Entwicklung weit besser bekäme.

Im Verbund Nord sind für Herbst 1051 Fünftklässler angemeldet, 21 mehr als im jetzigen Schuljahr. Damit seien alle Standorte – Abbach, Kelheim, Ihrlerstein, Riedenburg, Langquaid und Saal – im Bestand gesichert. Nur der Lehrkräfte-Bedarf übersteigt das aktuelle Angebot, bedauert Bruckmüller.

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