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Umwelt

Umweltgutachter: Merkel ist kurzsichtig

Der Bad Abbacher Thorsten Grantner überprüft den Weltklimagipfel auf Nachhaltigkeit – und kritisiert Merkels „vage Rede“.
von Benjamin Neumaier

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach auf der Weltklimakonferenz – und enttäuschte dabei wohl viele Teilnehmer. Foto: Oliver Berg/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach auf der Weltklimakonferenz – und enttäuschte dabei wohl viele Teilnehmer. Foto: Oliver Berg/dpa

Kelheim.Seit Sonntag ist Thorsten Grantner in Bonn bei der Weltklimakonferenz. Der Bad Abbacher Umweltgutachter ist dort aber nicht nur Gast und hört sich die Reden von Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Premierminister Emmanuel Macron oder Umweltministerin Barbara Hendricks an, sondern hat einen kurios klingenden Auftrag: Er soll den Weltklimagipfel auf Klimaverträglichkeit überprüfen. Grantners Unternehmen OmniCert erhielt von den Vereinten Nationen (UN) den offiziellen Auftrag, „die nachhaltige Gestaltung der Konferenz sicherzustellen“, sagt Grantner. Ganz nebenbei nimmt er noch Anregungen für den Landkreis Kelheim mit.

Umwelteinflüsse klein halten

„Großveranstaltungen haben natürlich einen großen Einfluss auf die Umwelt“, sagt Grantner. „Die UN ist als Ausrichter der Konferenz aber bestrebt, diese von Anfang an möglichst klein zu halten“ Dafür wurden viele Hebel in Bewegung gesetzt: So werden die knapp 25 000 Teilnehmer aus 198 Ländern mit Elektro-Shuttlebussen – unter anderem „Emil“ aus Regensburg – über das Gelände kutschiert.

Das Zertifizierungssystem EMAS erklärt:

Die Teilnehmer erhalten zudem auch Trinkflaschen aus recyceltem Material und können sich während der Konferenz an den Wasserspendern mit Bonner Wasser versorgen. Damit soll der Einsatz von Einwegbechern vermieden werden. „Eine grandiose Idee und zudem sehen die Dinger absolut stylisch aus. So eine Flasche hat jeder – vom UN-Sonderbeauftragten bis zum freiwilligen Helfer – mit einem Karabiner am Gürtel hänge“, sagt Grantner. Auch die Verköstigung der Konferenz-Teilnehmer mit 60 Prozent vegetarischem und 100 Prozent Bio-Lebensmitteln lobt Grantner. „Das sollte auch jeder privat für sich überlegen. Das bewirkt schon sehr viel.“

Thorsten Grantner übergibt die Nachhaltigkeitszertifikate an Umweltministerin Barbara Hendricks und den Stellvertretender Leiter des Klimasekretariats der Vereinten Nationen Orvais Sarmad (v. r.) Foto: Dominik Ketz
Thorsten Grantner übergibt die Nachhaltigkeitszertifikate an Umweltministerin Barbara Hendricks und den Stellvertretender Leiter des Klimasekretariats der Vereinten Nationen Orvais Sarmad (v. r.) Foto: Dominik Ketz

Seine Beurteilung des Weltklimagipfels – inklusive Zertifikatsübergabe an Umweltministerin Hendricks und Orvaid Samrad, den Stellvertretenden Leiter des UN-Klimasekretariats – fällt deshalb durchaus positiv aus. „Klar gibt es aber auch ein paar Dinge zu optimieren“, sagt Grantner. „So etwa Recycling-Kaffeebecher, die eigentlich keine sind, weil sie viel zu langsam verrotten. Lägen die beispielsweise in der Kompostieranlage Blümel in Teugn, dann würden die aussortiert.“

Auch die Anreise der meisten Teilnehmer ist für die CO2-Bilanz nicht gerade förderlich. Die wurden zwar vom Flughafen mit einem Sonderzug, der mit Biostrom fährt, abgeholt, „aber sie kommen natürlich erstmal per Flugzeug nach Bonn“. Das sei nicht zu verhindern „und außerdem werden diese Emissionen von der UN dreifach überkompensiert“ – mit Maßnahmen wie Wiederaufforstung oder der Einführung erneuerbarer Energien auf den Fidschi-Inseln, die diesmal die Präsidentschaft der Weltklimakonferenz innehaben. „Außerdem steigen diese Menschen in ein Flugzeug, um sich über Lösungen des Klimawandels zu unterhalten. Sie steigen nicht in den Flieger, um für 39 Euro übers Wochenende nach Mallorca zu fliegen. Das ist doch der Killer.“ Als „Killer“ empfand der in Teugn lebende Grantner auch die Rede von Kanzlerin Angela Merkel. Das was sie sagte, habe laut Grantner auch unmittelbare Auswirkungen auf den Landkreis Kelheim.

Die Rede der Bundeskanzlerin

„Es war mucksmäuschenstill im Saal, als Angela Merkel ans Rednerpult trat. Alle erwarteten eine Impulsrede, eine klare Richtungsvorgabe, aber alle wurden enttäuscht. Sie blieb in vielen Positionen vage, sprach von Bemühungen und einer Schicksalsfrage – aber es war keine klare Strategie zu erkennen“, sagt Grantner. Für ihn entscheidend: „Dazu kam erschwerend, dass die Kanzlerin sich nicht klar zum Kohleausstieg positionierte und der Anti-Kohle-Koalition von 19 Staaten nicht beitrat. Damit hat Deutschland seine Führungsrolle abgegeben. Merkel plant viel zu kurzsichtig.“

Trifft auch den Landkreis Kelheim

Diese fehlende Richtungsvorgabe der Kanzlerin betreffe auch den Landkreis Kelheim, sagt Grantner: Firmen wie Gammel Engineering oder auch den Stadtwerken Kelheim fehlen dadurch wichtige Anreize, um weiter in die Entwicklung erneuerbarer Energien zu investieren. Sie werden ausgebremst – und das liegt nicht an fehlenden Fördermitteln, sondern vor allem an fehlender Wertschätzung durch die Bundesregierung.“

Doch nicht nur Unternehmen sieht Grantner ausgebremst, es zieht für ihn weite Kreise: „Eine Zertifizierung auf Nachhaltigkeit wäre für viele Unternehmen im Landkreis anwendbar und auch auf Kindergärten, Schulen, Stadtverwaltungen oder das Landratsamt. Wären Letzere EMAS-zertifiziert, würden automatisch auch deren Großveranstaltungen wie Bürger- und Volksfeste oder die Regional- und Umwelttage auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und überprüft. Das alles wird aber durch eine fehlende klare politische Botschaft behindert.“

In Zertifizierungen sieht Grantner „die Zukunft. Wenn sich die Bundesregierung nicht zu einer klaren Lösung durchringen kann, dann muss der Klimaschutz eben im Kleinen umgesetzt werden – zum Beispiel bei Unternehmen, Behörden und Privathaushalten im Landkreis Kelheim“.

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Nachhaltige Entwicklung

  • Auftrag:

    Thorsten Grantners Unternehmen OmniCert erhielt von den Vereinten Nationen den Auftrag, die vom 6. bis 17. November stattfindende 23. Weltklimakonferenz in Bonn auf Einhaltung des Umweltmanagementsystem EMAS zu überprüfen. „Ziel ist es, die nachhaltige Gestaltung der Konferenz sicherzustellen. Das Bundesumweltministerium verfasst zur Konferenz eine Umwelterklärung, in der alle wesentlichen Umweltaspekte und Daten ermittelt werden“, sagt Grantner.

  • Zertifizierung:

    EMAS ist die Kurzbezeichnung für Eco-Management and Audit Scheme, auch bekannt als Öko-Audit. EMAS wurde von der EU entwickelt und ist ein Gemeinschaftssystem aus Umweltmanagement und Umweltbetriebsprüfung. Die große Stärke der EMAS liegt in der Messung und Veröffentlichung der Umweltauswirkungen des Unternehmens/der Veranstaltung, um diese im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung und Öko-Effizienz zu verbessern. (Quelle: www.emas.de)

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