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Zertifizierung

Ungehindert unterwegs in den Urlaub

Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen: Viele Menschen schätzen barrierefreies Reisen. Wir waren beim Test in Riedenburg dabei.
Von Martina Hutzler

Alles will vermessen sein: Michael Schwägerl prüft, ob das Behinderten-WC der Fasslwirtschaft alle Kriterien erfüllt. Foto: Hutzler
Alles will vermessen sein: Michael Schwägerl prüft, ob das Behinderten-WC der Fasslwirtschaft alle Kriterien erfüllt. Foto: Hutzler

Riedenburg.Der Tourismusverband im Landkreis Kelheim hat eine Förderung für ein Pilotprojekt ergattert: Damit können sich heuer 16 gastronomische und touristische Einrichtungen auf Barrierefreiheit testen lassen. Bei einer waren wir dabei: Wir sind den Prüfern Patricia und Michael Schwägerl quer durch das Riedenburger Kristallmuseum und die zugehörige „Fasslwirtschaft“ gefolgt.

Hören, wenn lesen nicht geht: Sabine Scholz-Veits zeigt, wie man sich im Museum per QR-Codes und Smartphones Erklär-Texte vorlesen lässt.  Foto: Hutzler
Hören, wenn lesen nicht geht: Sabine Scholz-Veits zeigt, wie man sich im Museum per QR-Codes und Smartphones Erklär-Texte vorlesen lässt. Foto: Hutzler

Die Testerin: Selbst sensibler geworden

Patricia Schwägerl stammt aus einem Pensions-Betrieb in Cham und arbeitet mit ihrer „Touristik-Agentur Ostbayern“ schon länger in der Zertifizierung: Sie begutachtete Ferienwohnungen. Touristische Betriebe auf Barrierefreiheit hin zu untersuchen, war aber Neuland für sie.

„Warum nicht,“ dachte sie sich, als man ihr vorschlug, sich beim Verband „Deutsches Seminar für Tourismus (DSFT) e. V.“ dafür zu qualifizieren.

Dazu belegte sie ein dreitägiges Seminar in Frankfurt. Die Teilnehmer lernten kennen, welche Arten von Handicaps es überhaupt gibt und welche Barrieren sich für jeweils Betroffene auftun. „Seither bin ich selbst viel sensibler“, sagt Patricia Schwägerl: Steile Treppen oder fehlende Markierungen von Absätzen oder Abgängen etwa stechen ihr jetzt gleich ins Auge.

Im Seminar lernte sie auch den Fragebogen von „Reisen für Alle“ kennen, mit dem sie nun in touristischen Betrieben alle Info erhebt, die für Menschen mit Handicap relevant sind. Ihr Bruder Michael will sich demnächst auch als Prüfer qualifizieren.

 Michael Schwägerl vermisst hier die Info-Tafeln der Minigolf-Anlage – seine Schwester Patricia dokumentiert jedes Detail per  Foto: Hutzler
Michael Schwägerl vermisst hier die Info-Tafeln der Minigolf-Anlage – seine Schwester Patricia dokumentiert jedes Detail per Foto: Hutzler

Die Getestete: Zielgruppen werden mehr und größer

„Wir haben sehr viele Behinderten-Gruppen zu Gast, und auch immer mehr Senioren-Gruppen“, berichtet Sabine Scholz-Veits. Die Unternehmerin achtet daher schon aus wirtschaftlichen Gründen auf Barrierefreiheit in ihrem Riedenburger Kristallmuseum, der zugehörigen Fasslwirtschaft und dem Minigolf-Platz.

Ein rollstuhl-befahrbares WC gibt es; Ebenerdige Türen und Rampen als Treppen-Alternative hat sie, wo möglich, umgesetzt. Jüngste Neuerung: Per QR-Code können sich Besucher Infos via Smartphone vorlesen lassen.

Hier sehen Sie ein Video zum Ablauf der Zertifizierung!

So werden Tourismus-Angebote auf Barrierefreiheit getestet. Video: Hutzler

Sie weiß aber auch, dass es noch zu tun gibt: „Wir arbeiten grad an einer barrierefreien Homepage“ und an einer Speisekarte für Menschen, die sich mit Lesen schwerer tun: also in größerer Schrift, mit mehr Erklär-Fotos. Schwierig werde es bei baulich bedingten Hürden und Schwellen, räumt Sabine Scholz-Veits ein. Mit der vom Kelheimer Tourismusverband angebotenen Zertifizierung will sie testen, wie weit ihr Betrieb schon barrierefrei ist.

Auch die „mittendrin!“-Reporter haben im Herbst für die „Mittelbayerische“ das Kristallmuseum unter die Lupe genommen: Hier geht’s zu deren Bericht in Einfacher Sprache:

Nachgeschaut

Ein glitzerndes Ausflugsziel beleuchtet

Die mittendrin!-Reporter haben das Kristallmuseum Riedenburg untersucht. Darüber berichten sie wieder in „Einfacher Sprache“.

Der Einstieg: ein Fragebogen

Vorm Prüftag hat Museums-Chefin Sabine Scholz-Veits eine 2,5-stündige Online-Schulung bei „Reisen für Alle“ mitgemacht. Videos vermitteln unter anderem, was Menschen mit Handicap behindert und welche Abhilfen es gibt. So erfuhr die Riedenburgerin zum Beispiel, dass gerilltes Pflaster auf Bahnsteigen ein tastbares Leitsystem für Sehbehinderte ist. „Ich dachte zuvor, das sei halt Deko.“

Am „Prüftag“ geht sie mit Patricia Schwägerl erst mal einen langen Fragebogen durch. Er klopft auch Aspekte ab, an die man nicht gleich denkt: Gibt es in der „Fasslwirtschaft“ gluten-freies und vegetarisches Essen, eine Tabelle für Diabetiker? „Vorhanden“, „nicht vorhanden“ oder „lückenhaft“ wird angekreuzt. Anhand solcher Infos kann später jeder Reiselustige selbst entscheiden, ob ein Ausflugsziel, eine Unterkunft etc. für seine Bedürfnisse geeignet ist. Maximale Information ist das Ziel der Zertifizierung – maximale Barrierefreiheit wird bei teilnehmenden Betrieben gar nicht vorausgesetzt.

Mit Geschäftsführerin Sabine Scholz-Veits geht Patricia Schwägerl den umfangreichen Fragebogen durch.  Foto: Hutzler
Mit Geschäftsführerin Sabine Scholz-Veits geht Patricia Schwägerl den umfangreichen Fragebogen durch. Foto: Hutzler

Der Check: Maßstab und Fotoapparat

Nach dem Online-Fragebogen gehen Patricia und Michael Schwägerl „in echt“ ans Prüfen, Vermessen, Dokumentieren: Wie hoch sind Treppenstufen? Sind die Wege zu den Minigolf-Stationen breit genug für Rollis, und sind sie farblich oder durch die Pflaster-Struktur ausreichend abgehoben von den angrenzenden Beeten? Wie lässt sich die Tür zum Notausgang öffnen – auch vom Rollstuhl aus? Ist die Toilette wirklich behinderten-gerecht, und kann man bei einem Notfall Hilfe rufen? Wie steil ist die Rampe zum Eingang? Die optimalen sechs Prozent hält sie nicht ein, „denn dann wäre sie 14 Meter lang“, bedauert Sabine Scholz-Veits.

Unterwegs gibt Patricia Schwägerl einfache, aber hilfreiche Tipps: Wie wär’ s mit Lesebrillen zum Ausleihen im Restaurant, für die Speisekarte? Oder mit kleinen Halterungen an Tischen oder der Museumskasse, an denen man Krücken „parken“ kann?

Wie lässt sich der Notausgang öffnen? Auch das wird geprüft.  Foto: Hutzler
Wie lässt sich der Notausgang öffnen? Auch das wird geprüft. Foto: Hutzler

Die Kriterien: Die Perspektive zählt

Handicap ist nicht gleich Handicap. Mitunter hilft sogar dem einen, was den anderen hindert: eine Bordstein-Kante etwa können Blinde gut ertasten, aber Rollator-Nutzer kaum überwinden.

Daher bewertet „Reisen für Alle“ die geprüften Objekte aus sieben Perspektiven: Rollstuhlfahrer, Menschen mit Gehbehinderung, Gehörlose, Menschen mit Hörbehinderung, Blinde, Menschen mit Sehbehinderung und Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Unter jedem dieser Blickwinkel wird ein Objekt jeweils eingestuft als „barrierefrei“ oder als „teilweise barrierefrei“.

Eine Speisekarte in Blindenschrift – das ist für Blinde optimal. Wer „nur“ ein eingeschränktes Sehvermögen hat, dem hilft auch schon, wenn der Schweinsbraten in großer Schrift und mit Foto abgebildet ist.  Foto: Armin Weigel/dpa
Eine Speisekarte in Blindenschrift – das ist für Blinde optimal. Wer „nur“ ein eingeschränktes Sehvermögen hat, dem hilft auch schon, wenn der Schweinsbraten in großer Schrift und mit Foto abgebildet ist. Foto: Armin Weigel/dpa

Das Ergebnis: ein Online-Ratgeber

Patricia Schwägerl schickt die Ergebnisse ihrer Erhebungen an „Reisen für Alle“. Daraus ermittelt die Prüfstelle die zutreffende Kennzeichnung des Betriebs: „Information zur Barrierefreiheit“ signalisiert, dass für alle Handicap-Arten jeweils detaillierte, geprüfte Infos vorliegen. Erhält ein Betrieb zusätzlich das Zeichen „Barrierefreiheit geprüft“, heißt dies: Dort sind tatsächlich auch die Anforderungen für bestimmte Handicap-Arten teilweise oder vollständig erfüllt. Auf der Homepage von „Reisen für Alle“ kann man die Ergebnisse und detaillierte Erläuterungen einsehen.

Bereits abgeschlossen ist die „Barrierefrei“-Prüfung bei der Limes-Therme Bad Gögging. Das Ergebnis in der Übersicht und dazu erklärende Details kann man auf der Homepage www.reisen-fuer-alle.de nachlesen.  Foto: Hutzler
Bereits abgeschlossen ist die „Barrierefrei“-Prüfung bei der Limes-Therme Bad Gögging. Das Ergebnis in der Übersicht und dazu erklärende Details kann man auf der Homepage www.reisen-fuer-alle.de nachlesen. Foto: Hutzler

Die Zertifizierung

  • Ablauf:

    Geschulte Erheber besuchen die Betriebe und Orte und ermitteln Daten zur Barrierefreiheit. Aus dem (bundesweit einheitlichen) Erhebungsbogen ermittelt die Prüfstelle von „Reisen für Alle“ eine Kennzeichnung.

  • Ergebnis

    : Ist ein Angebot oder Betrieb eingeschränkt barrierefrei, erhält er das Zeichen „Information zur Barrierefreiheit“. Ist er barrierefrei, erhält er das Zeichen „Barrierefreiheit geprüft“. Beides gilt drei Jahre lang.

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