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Region Kelheim
Donnerstag, 20. September 2018 27° 1

Naturgewalt

Unwetter: Das neue Unheil über Kelheim

Riesige Schäden, Menschen in Angst, Einsatzkräfte am Limit: Die Ereignisse erinnern an Hochwasser – und die Ohnmacht.
Von Renate Beck und Martin Rutrecht

Wie hier im Rohrer Ortsteil Ursbach bahnten sich die Wassermengen unaufhaltsam ihren Weg. Foto: Bösl
Wie hier im Rohrer Ortsteil Ursbach bahnten sich die Wassermengen unaufhaltsam ihren Weg. Foto: Bösl

Kelheim.Der Langquaider Feuerwehrmann war auf dem Weg zum Einsatz. Die Anfahrt wird er nicht mehr vergessen: Als er die Kelheimer Straße passierte, krachte vor ihm ein Baum auf die Fahrbahn. „Er konnte gerade noch bremsen und ausweichen. Der Baum hat Motorhaube und Kotflügel gestreift“, berichtet sein Kommandant Rainer Wocheslander. „Man mag sich nicht ausdenken, was passiert wäre, hätte es seinen Wagen voll erwischt.“

„Nach dem Aufräumen kommt die Sorge: Was passiert beim nächsten Mal?“

Ingmar Stöckel

Leib und Leben blieben unversehrt bei den fünf Unwetterereignissen im Landkreis Kelheim innerhalb von nicht einmal 14 Tagen. Aber das ist die einzige gute Nachricht nach lokal heftigen Starkregenfällen, die Rinnsale in Sturzbäche verwandelten, das Wasser über Felder und Wiesen in Wohngebiete und Höfe schießen ließ und Straßen flutete. Laut Landratsamt Kelheim verzeichneten die Feuerwehren von 31. Mai bis 12. Juni 317 Einsätze.

Zahlreiche Keller wurden überflutet. Die Schäden gehen in Einzelfällen bis zu 100 000 Euro. Foto: Privat
Zahlreiche Keller wurden überflutet. Die Schäden gehen in Einzelfällen bis zu 100 000 Euro. Foto: Privat

Nach dem Aufräumen wird das Ausmaß der Schäden sichtbar – auch in den Seelen der Betroffenen. „Wir haben acht Anhänger voll kaputter Sachen aus dem Keller geschafft, von Schuhen bis zu Waschmaschine und Gefrierschrank. Nach dieser ersten Arbeit kommen die Sorgen hoch – was passiert beim nächsten Unwetter?“, sagt Ingmar Stöckel aus Maierhofen.

150 Liter Regen in drei Stunden

Auf sein Haus – eine frühere Gärtnerei – im Paintner Ortsteil schossen die Wassermassen „wie ein reißender Bach“ zu, als die über dem Anwesen gelegene Oberflächendoline überlief. „Mit acht Pumpen haben die Feuerwehren versucht, die Doline auszupumpen. Aber bei 150 Litern in drei Stunden gab es kein Halten mehr.“ Einen Meter hoch stand das Wasser im Keller, die Flut riss teilweise die Erde des Grundstücks mit. „Ich rechne mit einem Schaden von 100 000 Euro.“

Hier sehen Sie ein Video zum Unwetter in Rohr, Niederumelsdorf und Wildenberg:

Unwetter im südlichen Landkreis Kelheim

Wie Paintens Bürgermeister Michael Raßhofer sagt, versanken in Maierhofen zwei Drittel der Keller. Das Gemeindeoberhaupt registriert die Besorgnis der Bürger: „Den Menschen wird bewusst, dass solche Ereignisse schlimmer und häufiger werden.“ Painten will über ein „Sonderprogramm Sturzfluten“ neuralgische Punkte ausloten lassen. Auch andernorts wie in Essing reagiert man mit solchen Plänen. Dort war die Straße von Sausthal Richtung KEH 5 („Panzerstraße“) stark betroffen. Bürgermeister Jörg Nowy geht von Kosten von bis zu 35 000 Euro aus.

Hier finden Sie ein Video zu Starkregenfällen in Aiglsbach und Mainburg:

Kelheim: Unwetter sorgen für Überschwemmungen

Immens ist der Schaden an der abgebrochenen Straße Keilsdorf-Felsenhäusl, die zur Kommune Riedenburg zählt. Stadtoberhaupt Siegfried Lösch taxiert eine Million Euro für die Instandsetzung. Nirgends ließ sich das Wasser aufhalten: Auf den Rohrer Ortsteil Ursbach schoss das Wasser „von drei Seiten zu“, wie Feuerwehr-Kommandant Michael Bösl erzählt. Bei einem Keller barsten die Fenster, der Laminatboden wurde aufgeschwemmt.

Autofahrer ignorieren Sperren

In Niederumelsdorf füllte sich ein Rückhaltebecken rasend schnell, „das Wasser stürzte aufs Dorf zu“, so FFW-Kommandant Johannes Datzmann. Auch dort: Keller und Bauernhöfe bis zu einem halben Meter unter Wasser. Mit neun Traktoren und einem Bagger kämpfte die Wehr samt Bewohnern gegen die Flut an.

Es gab auch nette Momente: Die Feuerwehr Niederumelsdorf rettete zwei Enten, die in einem Holzverschlag eingeschlossen waren. Foto: FFW Niederumelsdorf
Es gab auch nette Momente: Die Feuerwehr Niederumelsdorf rettete zwei Enten, die in einem Holzverschlag eingeschlossen waren. Foto: FFW Niederumelsdorf

In Mainburg stand das Wasser laut Feuerwehrchef Gerhard Müller in der Ebrantshauser Straße „bis an die Eingangstür“. Unvernunft erschwerte die Arbeit: „Autofahrer ignorierten Sperrungen, probierten es durchs Wasser – und landeten im Straßengraben. Da denkt man sich seinen Teil, wenn man den Pkw auch noch rausziehen muss“, so Müller angesichts von 62 Einsatzstellen.

Die Feuerwehrkameraden kamen an ihre Grenzen. „Wir waren zunächst bei uns sieben Stunden lang gefordert, hatten dann die Nacharbeit und wurden tags darauf für Mainburg alarmiert – da bist du irgendwann fertig“, schildert Wocheslander von der Langquaider Feuerwehr, der auch ein Stromausfall zu schaffen machte.

Landrat ruft zu Selbstschutz auf

„Die Einsatzkräfte müssen in die Arbeit, haben Familie. Ohne die Hilfe von anderen Wehren geht es bei solchen Unwettern sowieso nicht mehr“, ergänzt Tobias Pritsch, Kreisbrandmeister Landkreis-Mitte aus Langquaid. Ähnlich wie bei Hochwasser sei die Solidarität groß, bemerkt Pritsch. „Die Menschen helfen sich selbst.“

Auch in Pürkwang kämpften die Menschen gegen das Wasser an, wie ein Video zeigt:

Die Frage, wie man sich gegen diese Naturgewalt rüsten kann, treibt Bürger, Einsatzkräfte und Kommunen gleichermaßen um. Umelsdorfs Kommandant Datzmann möchte als Sofortmaßnahme „3000 Sandsäcke vorhalten, um das Wasser ein wenig lenken zu können“. Andere Wehren wollen ihre Ausrüstung überprüfen.

„Der Klimawandel wirkt sich spürbar aus.“

Martin Neumeyer

Landkreis Martin Neumeyer, der selbst an einigen Schauplätzen war, erklärt: „Der Klimawandel wirkt sich spürbar auch bei uns aus – öfters extreme Wettereignisse mit Gewitter und Sturzfluten. Ich bitte die Bürger, noch mehr als bisher und soweit möglich, zum Selbstschutz Vorsorge zu treffen.“ Wildenbergs Bürgermeisterin Marion Schwenzl räumt ein, „dass selbst überdimensionale Rückhaltebecken nicht alles verhindern können“.

Schrecken und Hilfe

  • Abflug:

    Bei einer Langquaider Firma hob es das Dach ab – Teile flogen über das Areal hinweg auf ein angrenzendes Wohnhaus. Der Schaden allein beim Anrainer dürfte bei 70 000 Euro liegen.

  • Hilfen:

    Vom Freistaat ist laut Landratsamt Kelheim keine Finanzhilfeaktion geplant, Sofortgelder gibt es also nicht. In „existenzbedrohenden Notlagen bei Bedürftigkeit“ können Notstandsbeihilfen beim Landratsamt beantragt werden.

Die Landwirtschaft, die laut Bauernverbands-Kreisobmann Thomas Obster ziemlich unbeschadet davon kam („Die Trockenheit hat uns mehr zugesetzt“), trage etwa mit Mulchsaaten ihren Teil bei, sagt Obster. „Die Böden haben viel aufgenommen. Aber bei den Mengen hat das Grenzen – und dann rinnt’s in Sturzbächen raus.“

Hier die MZ-Berichte von den Unwetter-Ereignissen im Landkreis chronologisch geordnet:

Ende Mai traf die Naturgewalt Riedenburg und Painten.

Nach einem kleineren Ereignis am 7. Juni wurde der Südosten des Landkreises in Mitleidenschaft gezogen.

Nur zwei Tage später brachen die Regenmassen über Langquaid herein.

Mainburg und Aiglsbach vermeldeten am 12. Juni „Land unter“.

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