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Brauchtum

Vom Schäffler-Virus infiziert

In so manchen Kelheimer Familien spielt seit langem die Tradition um den Zunft-Tanz der Fassmacher eine Rolle.
Von Elfi Bachmeier-Fausten

Oberschäffler Christian Dirscherl Foto: Schneck
Oberschäffler Christian Dirscherl Foto: Schneck

Kelheim.Die ATSV-Schäffler treten nach sieben Jahren 2019 wieder auf. Am 20. Januar beginnt die Schäffler-Saison. Vom Oberschäffler bis zu den jungen Kasperln wird auf die Tradition wert gelegt..

Zum dritten Mal Oberschäffler

Der Name Dirscherl ist in Kelheim in Schäfflerkreisen bestens bekannt – und das seit Jahrzehnten. Christian Dirscherl (55) ist seit 1981 bei der Truppe des ATSV Kelheim, die die Schäfflertradition im Turnus von sieben Jahren immer aufleben lässt. Christian Dirscherl ist damit aufgewachsen. Sein Vater Bernhard und auch sein Bruder waren Schäffler. Bernhard Dirscherl sen. hatte 1970 und 1977 das Amt des Oberschäfflers über. Sein Sohn Christian ist 2005 Oberschäffler geworden. „Engagement, mit Herzblut dabei zu sein, für die Sache zu leben, und Spaß am Organisieren zu haben.“ Diese Eigenschaften muss der Mann an der Spitze mitbringen. Auf Christian Dirscherl trifft das auf alle Fälle zu. In den vergangenen fünf Saisonen war er bei 50 Tanztagen dabei und hat es bereits auf 974 Tanzaufführungen gebracht. Bei seiner sechsten Saison, die am 20. Januar beginnt, wird er sein 1000. Auftrittsjubiläum begehen können. Mit seiner Position als Oberschäffler ist Christian Dirscherl mittlerweile bestens vertraut. Aber bei seiner ersten Saison als Oberschäffler sei es für ihn noch ungewohnt gewesen, nicht mitzutanzen und nur in der Nähe der Truppe zu stehen, sagt er rückblickend.

Eifrig haben die Schäffler des ATSV Kelheim seit Herbst 2018 für die neue Saison geprobt.

Die Rolle als Oberschäffler fordert sicherlich. Vor etwa eineinhalb Jahren begann er zusammen mit dem Organisationsteam die Vorbereitungen für die Saison 2019. Dafür starteten im Herbst 2018 die Proben. Nun stehen die 16 Tanztage an. Jede Aufführung verlangt von Dirscherl volle Konzentration. Mit einer weiß-blauen Fahne gibt er die Einsätze für Schäffler und Kapellmeister. „Ich bin die Schnittstelle zwischen Musikkapelle und Tanzformation“, sagt er. Der Kelheimer, der beruflich als Projektleiter arbeitet, mag die Schäffler-Tradition gerne. Mit Freude startet er mit der Truppe in die Saison.

Fasslschläger und Reifenschwinger

Ralf Schiller ist bereits als Sechsjähriger, als sein Vater Reifenschwinger war, im Schäfflerkostüm als Nachwuchsschäffler mitmarschiert. 1991 sind Ralf Schiller und Thomas Brückl dann Fasslschläger geworden. Die Initiative dafür war damals von Ralf Schiller ausgegangen. Beide spielten früher in der „Ersten“ der ATSV-Fußballabteilung. Auch heuer übernehmen sie die Rolle der Fasslschläger. Es ist ihre fünfte Saison. Bei den Schäfflerauftritten demonstrieren beide, wie die Fassmacher (Schäffler) in ihrem Handwerk die Holzfässer mit Eisenringen beschlagen. Die Schläge erfolgen im Takt zur Schäfflertanzmusik „Aba heit is kalt“. Jeder Schläger hat einen Eisenhammer und einen Holzhammer und jeder hat pro Auftritt 60 bis 70 Schläge zu meistern. Ralf Schiller, der früher Schlagzeug spielte in der Band „The Fame“, sagt: „Rhythmusgefühl habe ich.“ Auch auf Thomas Brückl treffe das zu. Da sie im Programm ziemlich am Ende an der Reihe sind, könnten sie bis dahin die Kasperl, Tänzer und Zuschauer verfolgen, was schön sei, so Ralf Schiller. Der Diplom-Informatiker pflegt auch die Homepage der ATSV-Schäffler; die sozialen Medien bedient Florian Laußer.

Der Reifenschwinger und die Fasslschläger bei einer Probe Foto: Knittl
Der Reifenschwinger und die Fasslschläger bei einer Probe Foto: Knittl

Auch Reifenschwinger Florian Laußer (41) kommt aus der ATSV-Fußballabteilung. Bereits als „kloana Bua“ habe er sich mit dem Meterstab einen Bogen, wie ihn ein Schäfflertänzer habe, gemacht und sei damit zu Hause „umananda g’hupft“. Seit 2005 ist Bankkaufmann Florian Laußer bei den Schäfflern. Nach zwei Saisons als Tänzer ist Bankkaufmann Laußer heuer erstmals Reifenschwinger. Auf dem Fass stehend schwingt er mit dem Zeigefinger den Reifen, in dem sich ein gefülltes Schnapsglas befindet, im Takt der Musik. Danach sagt er den Trinkspruch auf den oder die Tanzspender und lässt sie hochleben.

Spaßmacher sind auch Akrobaten.


Wer den Kasperln beim Training zusah, kam gleich ins Staunen, welche turnerischen Kunststücke sie beherrschen. Das Spaßmacherteam hat sich 2019 gegenüber 2012 verdoppelt. Vom Gymnasiasten bis zum Vertriebsingenieur gehören der Spaßmachertruppe an: Florian Bartoschik, Axel Hierl, Udo Breunig, Thomas Prudil, Franz Mansdorfer, Andreas Marxreiter, Johannes Sänger und Daniel Nagel. Axel Hierl hatte bereits als Neunjähriger den Wunsch, Kasperl zu werden. 2012, als sein Vater im Bus die Schäffler chauffierte, „bin i oft mitg’fahr’n“. Für den 16-jährigen Axel geht heuer sein Wunsch in Erfüllung. Wie die anderen, so hat auch er seit Herbst trainiert. Erst einmal habe man den Handstand geübt, sagt er. Aber: Mit welchen Scherzen die Kasperl die Zuschauer erfreuen wollen, verraten sie nicht.

Insgesamt acht Kasperl gehören zum Schäffler-Team, auf dem Bild fehlen zwei der Spaßmacher-Truppe. Foto: Bachmeier-Fausten
Insgesamt acht Kasperl gehören zum Schäffler-Team, auf dem Bild fehlen zwei der Spaßmacher-Truppe. Foto: Bachmeier-Fausten

Florian Bartoschik: „Das Programm ist ziemlich spontan.“ Franz Schabmüller, früher Kasperl der ATSV-Schäffler, sei der „Tutor“ und habe erzählt, was er so machte, so Udo Breunig. An Häuserfassaden raufzukraxeln, ist im Gespräch mit einigen Kasperln zu hören. Vertriebsingenieur Breunig (30) hat zum dritten Mal eine Kasperlrolle übernommen: „Mir ist das eigentlich in den Schoß gefallen. Bei mir hat der Opa mitg‘macht, der Vater, die Onkel und der Bruder.“ „Des Scheenste am Kasperl sei is, das ma direkten Kontakt zu den Leuten hat“, sagt Vertriebsingenieur Thomas Prudil. Auch er macht zum dritten Mal mit.

Die Schäffler hätten einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung. Es sei für ihn etwas Besonderes, der Traditionsgruppe anzugehören, sagt Prudil. Franz Mansdorfer (28) ist erstmals bei den Spaßmachern. Die Schäffler-Tradition kennt er aber seit der Kindheit, „weil mein Opa Michael Schinn mit seiner Altmühltaler Blaskapelle spielte“. Auch sein Opa Willi sei schon dabei gewesen.

Das aktive Familien-Duo

Bei den Knittls in Kelheim sind der Vater und ein Sohn im Schäffler-Einsatz. Für den 71-jährigen Peter Knittl sind die ATSV-Schäffler zu einem Teil seines Lebens geworden. 1984 hatte er seine erste Tanzsaison – Sohn Matthias war damals ein Kindergartenkind und bei einem Teil der Aufführungen im Kasperlkostüm mit von der Partie. Auch viele andere Kinder von Tänzern und aus dem Bekanntenkreis seien dabei gewesen. „Es war toll. Da hast überall was gekriegt, an Krapfen, Kiachl, Süßigkeiten“, so Matthias Knittl rückblickend.

Historie

Sie halten die Tradition hoch

Im Siebenjahresrhythmus treten die Kelheimer Schäffler auf. Der fröhliche Tanz erinnert aber an eine schreckliche Zeit

Peter Knittl ist „wie die Jungfrau zum Kind“ zu den ATSV-Schäfflern gekommen. Als 1981 die 800-Jahr-Feier der Stadt angestanden sei, habe man die für eine Aufführung benötigten Schäffler „nicht zusammengebracht. Heinz Schiller fragte mich, ob ich mitmachen würden“, so Peter Knittl. Er habe zugesagt.

Peter Knittl (r.) und sein Sohn Matthias sind begeisterte Schäffler. Foto: Knittl
Peter Knittl (r.) und sein Sohn Matthias sind begeisterte Schäffler. Foto: Knittl

Vor dem Auftritt, der außerhalb einer Schäffler-Saison war, seien nur drei Tanzproben gewesen. Während der Saisons 1984 und 1991 war Peter Knittl aktiver Schäffler. 1991 war er zudem im Organisationsteam tätig. Seit 1991 ist er auch der Schäffler-Chronist und hat zum 100-jährigen Schäffler-Jubiläum 2011 ein Buch geschrieben. Zum Schäfflerkostüm eines jeden Aktiven gehört ein Lederschurz. Peter Knittl hat seinen Lederschurz von 1981 2005 an seinen Sohn Matthias weitergegeben. Für die Saison 2019 ist Matthias Knittl (41) im Organisationsteam dabei und Vertreter von Oberschäffler Christian Dirscherl. Während der Saison werde er hauptsächlich den Begleitbus fahren. Dafür, dass es der Schäfflertruppe an nichts fehlen wird, sorgt die Service-Crew, die Matthias Knittl samt Ersatzmaterial chauffiert. Peter Knittl kümmert sich, dass die Schäfflerttruppe gut an jedem Aufführungsort einziehen kann und wird zugleich stets Kontakt zum Oberschäffler halten.

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252 Auftritte

  • Tradition:

    Seit 1911 werden in Kelheim im Turnus von sieben Jahren Schäfflertänze aufgeführt. Die Tradition in Bayern soll in der Pestzeit den Ursprung haben, 1517 soll in München erstmals ein Schäfflertanz aufgeführt worden sein. Von den Münchner Schäfflern gab es 1911 die Erlaubnis für die Aufführung des Schäfflertanzes in Kelheim.

  • Saison:

    Die 16. Saison startet in Kelheim am Sonntag, 20. Januar. Nach dem Gottesdienst um 11 Uhr in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt ist um 12.30 Uhr die erste Tanzaufführung auf dem Stadtplatz Kelheim. Insgesamt 252 Auftritte sind gebucht.

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