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Gillamoos

Warten der Merkel-Fans lohnte sich

Ob Sprengstoffhund Bodo, Technikleiter Benjamin Röll oder Organisator Martin Neumeyer – die Nacht vor dem politischen Gillamoos war eine kurze.
Von Heike Haala, MZ

  • Auf sie haben alle stundenlang gewartet: Kanzlerin Angela Merkel.Fotos: Pieknik (3), Reitinger (2), Haala (1)
  • Lange Schlangen hatten sich bereits um sieben Uhr in der Früh gebildet. Einlass in das Zelt war erst ab 7.30 Uhr. Ab diesem Zeitpunkt füllt es sich in Windeseile.
  • Gähnende Leere am frühen Moren im Festzelt.
  • Gastgeber Martin Neumeyer bei der letzten Besprechung.
  • Für Spürhund Bodo ist alles nur ein Spiel

Abensberg. Eine Kanzlerin hat man auch auf dem Gillamoos nicht alle Tage zu Gast. Deswegen war der gestrige politische Gillamoos für alle Beteiligten etwas ganz Besonderes. Doch so ein Highlight bringt auch immer viel Arbeit mit sich. Deswegen war die MZ von Anfang an dabei und hat mit den Organisatoren im Zelt gesprochen, was für den Besuch einer Kanzlerin so alles zu beachten ist.

6 Uhr: Spät- und Frühschicht geben sich die Klinke in die Hand

Auf dem Volksfestplatz des Gillamoos in Abensberg treffen Nacht- und Frühschicht aufeinander. Während die letzten Betrunkenen nach Hause torkeln, haben andere schon wieder mehrere Stunden Arbeit hinter sich. Nicht nur die Aufräumtrupps sind gestern Morgen unterwegs, um den Festplatz für sein furioses Finale zurechtzumachen. Während die Schaukeln des Kettenkarussells noch motivationslos und schlapp am Fahrgeschäft hängen, läuft Bodos Nase im Hofbräuzelt auf Hochtouren. Jeder Atemzug des Schäferhundes ist zu hören. Sein Herrchen ist vom Bundeskriminalamt und komplett grün gekleidet. Er lässt Bodo genügend Leine, damit das Tier in Ruhe in alle Ecken schnuppern kann. Bodo ist ein Sprengstoffhund. Der ernste Grund seiner Anwesenheit ist ihm nicht bewusst, für ihn ist die Angelegenheit im Hofbräuzelt ein Spiel.

7 Uhr: Die vermeintliche Ruhe vor dem Sturm

Im Zelt wirkt alles ganz friedlich. Die Ordnung der leeren Bierbankreihen wirkt fast wie ein grafisches Kunstwerk mit orangen und weiß-blau karierten Rechtecken auf dunklem Grund. Aber die Ruhe ist trügerisch. Das verrät ein Blick durch die gelb gemusterten Gardinen auf der Vorderseite des Bierzelts. Bis in die Gassen der Volksfestwiese stehen die Merkel-Fans inzwischen an. Ordnung im Zelt herrscht nicht nur bei den Bierbankgarnituren, die in Reih’ und Glied stehen. Auch die Menschen darin ordnen sich in Gruppen, die die gleiche Uniform tragen. Die Wasserrettung etwa oder die Mädchen im Dirndl, die sich freiwillig als Ordner gemeldet haben. 60 sind es insgesamt. Die Techniker im einheitlichen schwarzen Firmen-Polo-Shirt stecken die Köpfe zusammen und besprechen die Ausrichtung der Scheinwerfer. Auch das Servicepersonal sitzt in blau-schwarzer Tracht in kleinen Gruppen beisammen und wickelt klirrendes Besteck in Servietten.

7.30 Uhr: Die Merkel-Fans stürmen das Bierzelt

Um 7.20 Uhr holen sich die ersten eine kleine Brotzeit. Der Organisator des Merkel-Besuchs, Martin Neumeyer, verkündet: „Wir fangen pünktlich an, lasst die Leute rein.“ Inzwischen hat auch die Kapelle Heinz Müller begonnen, ihre silbernen Instrumentenkoffer auf die Bühne zu hieven. Diese werden von Bodo sofort aufs Eindringlichste beschnüffelt. Das Security-Personal öffnet die Türen. Zwei Frauen im Festtagsdirndl stürmen in das Zelt – sie haben keine Taschen und sind schneller dran als andere. Rucksäcke oder Fototaschen hat das Sicherheitspersonal am Eingang im Visier. Es ist, als würde sich ein Ameisenschwarm ausbreiten. Um 8.15 Uhr ist im Bierzelt nur mehr schwer ein Platz zu finden, die Menschen rücken zusammen.

8.30 Uhr: Vorfreude und lähmende Müdigkeit

Einem jungen Mann direkt am Eingang steckt die Müdigkeit noch derart in den Knochen, dass er seinen Kopf auf einem Masskrug ausruht. Das Bier hat er gerade so weit abgetrunken, dass er nicht nass dabei wird, wenn er die Stirn auf dem Glas ablegt. Manfred Jackermeier und seine Freunde von der CSU aus Teugn sind dagegen topfit. Drei Tische haben sie reserviert und mit 30 Leuten sind sie angereist. Sie haben einen Platz mit bester Sicht auf die Bühne und große Erwartungen an die Rede Angela Merkels. Jackermeier ist seit 6.30 Uhr auf den Beinen und hofft auf eine Rede, die auf die Rettung des Euros abzielt. Eine Rede, die den Menschen die Problematik einmal so erklärt, dass sie es auch einmal verstehen. Von weiteren Themen will er sich überraschen lassen.

9.30 Uhr: Servicekräfte und Journalisten auf Crashkurs

Vor der Bühne wird es nun eng. Dort stehen die persönlichen Sicherheitsbeauftragten von Angela Merkel. Zu acht sind sie bereits am Sonntag angereist. Sie sperren einen Teil des Durchgangs ab. In diesem Bereich darf nicht fotografiert werden. Das heißt jedoch nicht, dass zwischen den beiden Absperrungen mit den schwarz-rot-goldenen Kordeln, die an goldenen Pfeilern aufgehängt sind, keiner mehr durch darf. Sehr wohl aber, dass sich an dieser Stelle nun Einiges staut. Denn der Festzeltbetrieb läuft auf Hochtouren. Bedienungen mit bis zu zehn Maßen vor der Brust oder riesigen Tablets queren hier im Minutentakt. Außerdem stehen hier die Pressetische. Die Sicherheitsbeauftragten von Angela Merkel haben eine Aufgabe zu bewältigen, für die es Nerven aus Drahtseilen braucht. Sie müssen den Journalisten erklären, dass sie ihre Kameras in diesem Bereich nicht verwenden dürfen. 100 Presseleute haben sich für das Event angemeldet. Und gerade als wieder einer von ihnen seine Fernsehkamera von der Schulter nimmt, will ein Ober mit einem Tablet von sechs Portionen Schweinshaxen vorbei. Rembert Breschke bugsiert den Kameramann aus der Schneise, damit der Ober passieren kann. Für die Beschwerde eines weiteren Journalisten, der befürchtet, die Kanzlerin von seinem Platz aus nicht sehen zu können, bleibt nur der diplomatische Verweis auf die Pressetribüne und den Zoom seines Kameraobjektivs.

10.30 Uhr: Zeit, die Ärmel hochzukrempeln

Das Technikteam hat seine Arbeit nun getan. Alleine 40 Stunden hat der Aufbau der Lautsprecher gedauert. Mit acht Mann ist Benjamin Röll am Sonntag angerückt. Den Morgen über spielen sie ihre Tonspuren ein. Von Zeit zu Zeit pegeln sie nach, damit sich Angela Merkel so echt wie möglich anhört. Es ist jetzt so heiß im Festzelt, dass sich auch Martin Neumeyer die Ärmel hochkrempelt – aber nur zwischen den Fernsehinterviews, die er zu diesem Zeitpunkt im Minutentakt gibt.

10.45: Uhr Die Kanzlerin kommt, und alle stehen Spalier

Da die Hitze im Bierzelt unerträglich ist, verwandelt sich ein faltbares Werbeplakat der CSU in das Accessoire der Stunde. Zunächst fächeln sich die Fans im Bierzelt damit synchron frische Luft zu. Umgekippt ist zu diesem Zeitpunkt aber noch keiner, weiß der Leiter des Rettungsdienstes Edi Antczak, der zusammen mit drei Kollegen alleine für das Wohlergehen der Kanzlerin abgestellt ist. Die Menge wird unruhig und beginnt die Fächer zweckzuendfremden. Schnell genug auf den Tisch oder die Krachlederne geschlagen, geben sie nämlich ein knallendes Geräusch von sich. Im Takt schlagen sie die Plakate, bis sich die Bierzelttüren öffnen und noch einen letzten Gast einlassen. Seit zehn Uhr durfte niemand mehr ins Bierzelt. Wer es verließ, hatte damit seinen Platz abgegeben. Bereits ab neun Uhr erklärte Neumeyer die Reservierungen in dem Zelt mit alleine 3200 Sitzplätzen für ungültig. Angela Merkel marschiert durch die Spalier stehenden Menschen und schüttelt hie und da eine Hand, sollte der Tross aus Männern im schwarzen Anzug um sie herum eine kleine Lücke zulassen. Auf der Bühne bekommt auch sie eine Maß und ohrenbetäubenden Applaus. Vor ihrer Rede bedankt sie sich bei ihrem Gastgeber, der gestern seine Silberhochzeit zu feiern hatte. Dabei passiert ihr ein kleiner Fehler. „Herr Neu-er-meyer“, wie sie ihn bezeichnet, nimmt es ihr nicht übel. Im Gegenteil „neuer“ sei ja immerhin die Steigerung zu einfach nur „neu“, sagt der Abgeordnete.

12 Uhr: Und auf einmal ist die Rede schon wieder vorbei

Nach der Rede bedankt sich nicht nur CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bei Martin Neumeyer – sondern auch alle Bierzeltgäste. Tosender Applaus bricht für den Abensberger los, weil er die Kanzlerin auf den Gillamoos geholt hat. Der Festwirt Georg Lanzl bezeichnet den Besuch von Angela Merkel als den Höhepunkt seiner Karriere. Die Stimmung ist ausgelassen. Jackermeier und seine Freunde von der CSU sind begeistert von dem Vormittag. Die Rede hätte zwar ruhig etwas schärfer sein können, doch war sie analytisch und intelligent, sagt der Teugner. Jackermeier gibt sich zufrieden. Die Rede empfand er als hintergründig und die Wirtschaft als Thema sei ständig präsent gewesen. Das hat ihm gut gefallen.

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