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Region Kelheim
Mittwoch, 26. September 2018 18° 1

Aufsehen

Zeppelin-Mania in Kelheim

Ein Bodensee-Luftschiff flog auf dem Weg nach Prag zweimal über die Region Kelheim – die Menschen am Boden waren entzückt.
von Jürgen Schelling

  • Der Schatten des Luftschiffs bei der Befreiungshalle Foto: Uwe Stohrer
  • Unsere Leser knipsten das Luftschiff über Abensberg... Foto: Richarda Blank
  • ... oder überm Außengelände des Keldorados. Foto: Marcel Strauss
  • ... überm Kelheimer Michelsberg... Foto: Julia Krawzow

Kelheim.Das war ein extrem seltener Anblick am Himmel über Kelheim: Am Freitag vor einer Woche schwebte ein großer Zeppelin tief über die Befreiungshalle auf dem Michelsberg und anschließend über die Stadt. Der Zeppelin vom Bodensee war an diesem Tag auf einem Sonderflug nach Prag.

Die Route des Zeppelin-Sonderflugs vom Bodensee führte zunächst westlich an München vorbei über Niederbayern nach Prag. Daher bot sich um die Mittagszeit ein ungewöhnliches Schauspiel über Kelheim: In nur etwa 300 Metern Höhe überflog der Zeppelin die Stadt und die Befreiungshalle auf dem Michelsberg. Kurz zuvor war das Luftschiff bereits über Kloster Weltenburg geflogen.

Mit Tempo 65 über die Region

Viele Kelheimer zückten rasch ihre Smartphones, um Aufnahmen von der fast 80 Meter langen „fliegenden Zigarre“ zu machen. Diese flog nur etwa mit Tempo 65 über Stadt und Donau. Grund der Reise waren Werbeflüge für ein deutsches Baumaschinenunternehmen, die über Pfingsten in Prag stattfinden sollten. Deshalb hatte der Zeppelin auch groß das Logo dieser Firma auf seiner Außenhülle aufgeklebt.

Namensgeber Ferdinand Graf von Zeppelin entwickelte die Giganten am Himmel einst gegen starke Widerstände und massive Rückschläge am Bodensee. 1917 starb der Luftfahrt-Pionier, der als Erfinder des Starr-Luftschiffs mit einem festem Innenskelett aus Aluminium gilt. Die nach seinem Tod entwickelten Luftschiffe erreichten in ihrer Blütezeit riesige Ausmaße: Die beiden Größten, der 1936 in Dienst gestellte LZ 129 „Hindenburg“ und sein Schwesterschiff LZ 130 „Graf Zeppelin II“, hatten eine Länge von fast 245 Metern und einen Gasinhalt von etwa 190 000 Kubikmetern. Der LZ 129 begann vor 80 Jahren, am 4. März 1936, seine Erprobung mit dem Erstflug, der von Friedrichshafen nach Meersburg und zurück führte.

Der Schatten des Luftschiffs bei der Befreiungshalle Foto: Uwe Stohrer
Der Schatten des Luftschiffs bei der Befreiungshalle Foto: Uwe Stohrer

Er bot damals unvergleichlichen Komfort an Bord. Ein luxuriöses zweigeschossiges Passagierdeck mit Schlafkabinen für bis zu 72 Gäste und einem eigens aus Aluminium konstruierten Klavier zur musikalischen Unterhaltung, mehrere Mannschaftsquartiere für bis zu 60 Crewmitglieder, moderne Motoren sowie das hochstabile Innenskelett machten die Hindenburg zu einem Meisterwerk der Ingenieurskunst. Die „Hindenburg“ transportierte auf 63 Reisen, darunter acht Flügen nach Süd- und elf nach Nordamerika, mehr als 3000 zahlende Passagiere und insgesamt mehr als 7000 Personen.

Das tragische Ende des fliegenden Riesen am 6. Mai 1937 im US-amerikanischen Lakehurst bei New York ist bis heute unvergessen, auch wegen der dramatischen Filmaufnahmen und einer bewegenden Live-Radioreportage während des Unglücks. Denn kurz vor der geplanten Landung schießen urplötzlich Flammen aus dem Heck des Luftschiffs. Es fängt an zu brennen und stürzt ab. 13 Passagiere, 22 Mitglieder der Crew und ein Mann des Bodenpersonals sterben, Dutzende weitere an Bord überleben wie durch ein Wunder. Damals ist die „Hindenburg“ mit dem preiswerten, aber feuerentzündlichen Gas Wasserstoff gefüllt, weil die Amerikaner als Exklusivlieferant die Ausfuhr von Helium untersagten. Heute fliegen alle Zeppeline NT vom Bodensee bei ihren Rund- oder Reiseflügen mit unbrennbarem Helium.

Zeppelin als Standesamt

  • Mythos:

    Fliegen mit dem Zeppelin – nach wie vor ist das ein Mythos. Allein schon der Gedanke daran weckt bei vielen Menschen Sehnsüchte.

  • Rückkehr:

    Seit wenigen Jahren sind die am Himmel über Friedrichshafen dem Bodensee kreisenden Zeppeline wieder zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

  • Flüge:

    Die Flüge dauern zwischen 30 Minuten und zwei Stunden. Freunde können den Flugbetrieb hautnah miterleben.

  • Gelände:

    Auch eine Werftbesichtigung ist möglich. Seit 2012 ist der Zeppelin gar zum Standesamt geworden. Brautpaare können sich in der Gondel das Ja-Wort geben.

Gut 60 Jahre nach diesem Unglück gibt es aber wieder einen echten Zeppelin am Himmel über dem Bodensee zu sehen. Im Herbst 1997 startet der erste Zeppelin NT seine Flugerprobung. Zwar sind auch seit den 1960er Jahren öfter Luftschiffe am Himmel über Deutschland zu sehen, aber sie sind keine Zeppeline. Denn nur dieser hat ein festes Innengerüst aus Aluminium, an dem die Motoren und die Gondel befestigt sind. Alle anderen Luftschiffe sind sogenannte Blimps, also Prallluftschiffe. Bei ihnen gibt es kein stabilisierendes Innengerüst, sie erhalten ihre Form und Stabilität allein durch ihre Außenhaut.

Renaissance der Luftschiffe

Deshalb sind bei ihnen die Motoren auch nie direkt an der Hülle befestigt, sondern immer an der Gondel unten am Rumpf des Blimps. Diese Prallluftschiffe sind weniger wendig als ein Zeppelin NT und benötigen deshalb auch eine viel größere Bodenmannschaft, die den Blimp bei der Landung hält und stabilisiert. Mittlerweile gibt es sogar eine kleine Renaissance für die Zeppeline vom Bodensee. Zwei von ihnen fliegen bereits in den USA, ein Dritter noch soll dieses Jahr folgen.

Am Pfingstmontag schwebte der Zeppelin wieder zurück nach Friedrichshafen – und war erneut über Kelheim zu sehen.

Zig Fotos von Bürgern aus dem Raum Kelheim und Abensberg, die Kelheimer Redaktion erreichten, zeugen davon. Bei drohenden Gewittern hätte das Luftschiff die Region weiträumig umfliegen müssen.

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Leserfotos vom Zeppelin über Kelheim

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