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KULTUR

Zwei wie Pech und Schwefel

Der 23. April ist der Tag des Buches und der Tag des Bieres. Welcher Tag ist wichtiger? Zwei Redakteure haben nachgedacht.
Von Benjamin Neumaier und Jochen Dannenberg

An diesem Montag gibt es zwei Gedenktage – den Tag des Buches und den Tag des Bieres. Unsere Autoren diskutieren über das Für und Wider. Foto: Dannenberg

Kelheim.Heute ist ein Tag maximaler pädagogischer Relevanz, meint Benjamin Neumaier. Denn landauf landab geht es am „Welttag des Buches“ um Bücher, Bildung und die mühsame Buchstabiererei.

Benjamin Neumaier Der MZ-Redakteur steht am 23. April zwischen den Welten – auch arbeitstechnisch. Er hat auf www.mittelbayerische.de sowohl einen Buchblog – Bennis Wühlkiste – als auch Spezial über Bier – „Flüssiges Gold“ laufen.

Seit dem Jahr 1995 feiert die Unesco am 23. April den Welttag des Buches. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung hat sich dabei vom katalanischen Brauch inspirieren lassen, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. In Deutschland begeht man den Tag des Buches seit 1996. Letztlich folgt man damit den weisen Lehren vergangener Meister. „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele“, sagt beispielsweise Cicero. Aber auch Heinrich Heines Ausspruch „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“ hat viel Schönes. Drastischer drückte es nur noch Freiherr von Münchhausen aus: „Wer sieben gute Bücher hat, braucht keine Menschen mehr. Bücher sind die treuesten Tröster, Bücher sind bessere Freunde als Menschen, denn sie reden nur, wenn wir wollen und schweigen, wenn wir anderes vorhaben. Sie geben immer und fordern nie.“

Tröstlich mag dem gemeinen Nicht-Leser sein, dass der 23. April zudem der Tag eines (bitte nicht falsch verstehen) anderen Trösters ist. Es ist der Tag des deutschen Bieres. Ans frohgemute Bierchenzischen wird hierzulande schon seit 1994 gedacht, während das andere Kulturgut, das Buch, erst zwei Jahre später zur nationalen Erinnerungswürde kam.

Wer hat den Gedenktag nun also mehr verdient? Buch oder Bier? Ich würde sagen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ja natürlich, beim Niederbayern schlägt das tumbe Bier schon ganz natürlicherweise das wohlgesetzte Wort, mag mancher Hobby-Bibliomane jetzt denken. Von der Muse ist dieser einfältige Pinsel keinesfalls geküsst. Wie kann man nur ungeschlachte liquide Gaumenfreuden einem geschliffenen geistigen Festmahl vorziehen?

Hilfe vom Lieblingsautor

Doch so einfach ist es nicht: Ich lese gerne. Sogar sehr gerne. Warum ich an diesem Tag dennoch dem Gerstensaft den Vorzug gebe? Weil gutes Bier auch ein Kunstwerk für die Sinne sein kann? Ja, so könnte ich argumentieren. Aber ich hole mir lieber Hilfe. Von einem meiner Lieblingsautoren. Wilhelm Busch. Weil ich es schlichtweg nicht besser ausdrücken kann: „Die erste Pflicht der Musensöhne – ist, dass man sich ans Bier gewöhne“, schrieb der deutsche Zeichner, Maler und Schriftsteller schon im Jahr 1872.

„,Nur Buch‘ geht heute nicht, da es Bier schon viel länger gibt.“

Benjamin Neumaier, MZ-Redakteur

Als salomonische Lösung für das diesem Konflikt zwischen Bier und Buch innewohnenden Dilemma, schlage ich vor, heute ein Buch über Bier zu lesen. Wer es intellektueller mag, könnte heute auch bei einem Bier ein Buch schreiben (oder zumindest damit anfangen). Eines ist jedenfalls klar – „nur Buch“ geht heute nicht, da es Bier schon viel länger gibt. Vielleicht werde ich am Montagabend deshalb den Doppel-Gedenktag mit spannender Lektüre und einem entspannenden Getränk, das Hopfen und Malz enthält, verbringen - und dabei das Bier geistig mehr würdigen.

Letztlich ist es mir egal, ob Sie meinen Ausführungen nun zustimmen – ich will Ihnen ja auch nichts vorschreiben. Frei nach gerade ersonnenem Motto: Lesen und Lesen lassen. In diesem Sinne – „Prost“!

Bier und Buch

  • Traditionell

    steht in Deutschland der 23. April ganz im Zeichen des Bieres. Denn am 23. April 1516 wurde das deutsche Reinheitsgebot proklamiert, und seitdem gilt per Gesetz: Ins Bier gehört nur Wasser, Hopfen und Gerste (die Hefe wurde erst später erwähnt, als man in der Lage war, Hefe herzustellen).

  • An diesem Montag ist es wieder so weit: Deutschlandweit feiern Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Schulen und Lesebegeisterte am UNESCO-Welttag des Buches ein großes Lesefest. Eine regionale Tradition aus Spanien ist ein internationales Ereignis. 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen.

Mehr als nur Nahrungsaufnahme

Jochen Dannenberg meint: Oh, Kollege, was schreibst Du da! Wie kann man einem Bier dem Vorzug geben vor einem Buch? Ich weiß, woran Du dachtest, es aber nicht zu schreiben wagtest: „Intelligenz trinkt, Dummheit frisst.“

Jochen Dannenberg: Er hat nicht Literatur oder Brauwesen, sondern Journalismus studiert. Darum gilt sein besonderes Interesse den Menschen und ihren Leidenschaften. Seine Erfahrung: Ein Besuch im Biergarten ist aufschlussreich.

Sicher, das ist zu einfach, so denkst Du nicht. Essen und Kochen ist mehr als schnöde Nahrungsaufnahme und längst Kunstform. Die Einschaltquoten bei Kochsendungen im Fernsehen sind gewaltig und meist laufen mehrere Kochsendungen parallel. Wir freuen uns deshalb über Abwechslung im (Fernseh-) Menü und auch darauf, dass die Sender gelegentlich was über genussvolles Trinken bringen. Leider ist das drehbuchmäßig nicht ganz so spannend wie das Ausnehmen eines Rehs oder das Erschlagen eines Kaninchens zwecks Gewinnung eines Sonntagsbratens. Wohl deshalb finden wir über Bier, Wein, Sekt, Whisky, Wodka und anderes Trinkbares weit weniger Beiträge in der Flimmerkiste als über kultiviertes Essen und Kochen.

Insofern macht ein Gedenktag für das Bier seinen Sinn. Irgendwer muss ja mal daran erinnern, dass Bier schmeckt. Auch deshalb sollte man dieses Gedenken nicht im Stillen zelebrieren, sondern mit unserer Jugend, denn die weiß vor lauter Energy-Drink-Konsum oft gar nicht mehr, wie eine Hopfenkaltschale schmeckt. Was natürlich keine Anleitung zum Alkohol sein soll, sondern nur die Pflege althergebrachten Brauchtums.

Pflege ist nötig

Diese Pflege hat ein anderes Kulturgut genauso nötig. Das Buch. Was wäre die Welt ohne Erich Kästner, Karl May, Wilhelm Busch und Heinrich Heine, um nur einige zu nennen. Heinrich Heine ist übrigens quasi im Wirtshaus groß geworden. Okay, das ist etwas übertrieben. Aber wenn Heine seine Großeltern in der niedersächsischen Provinzstadt Bückeburg besuchte, war der Besuch im Wirtshaus unumgänglich, denn Heines Großeltern betrieben dort ein Wirtshaus, das unter dem Namen „Zur Falle“ heute noch besteht. Die Bückeburger wurden deshalb von Heine sogar literarisch verewigt und die Absolventen des örtlichen Gymnasiums durften sich immer wieder mit Sätzen beschäftigen wie „Das halbe Fürstentum Bückeburg Blieb mir an den Stiefeln kleben; So lehmichte Wege habe ich wohl. Noch nie gesehen im Leben“. Dafür blieb ihnen – zumindest in jüngerer Zeit – der Heimatdichter Hermann Löns erspart, der nur ein paar Schritte von der Gaststätte entfernt bei der örtlichen Tageszeitung als Redakteur beschäftigt war. Er soll bisweilen zu nicht ganz früher Stunde die „Falle“ verlassen haben.

„Ob Busch immer ganz nüchtern bei der Arbeit war? Oder Heine?“

Jochen Dannenberg, MZ-Redakteur

Wilhelm Busch schließlich, den der äußerst geschätzte Kollege erwähnte, stammt übrigens aus derselben Gegend. Er lebte im zwanzig Kilometer entfernten Dorf Wiedensahl und dichtete ganz famose Verse. Wir erinnern uns an Max und Moritz und ihre Streiche, auch an den Lehrer Lämpel. Wie der sich die Pfeife entzündete ... Ob Busch immer ganz nüchtern bei der Arbeit war? Oder Heine? Wir wissen es nicht. Sicher scheint, dass sie beides schätzten – das Bier und das Buch. So bin ich denn davon überzeugt, dass beides zusammengehört und es ein Fehler ist, vom Tag des Buches und Tag des Bieres zu sprechen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen gemeinsamen Gedenktag, denn Bier und Buch gehören zusammen. Sie sind zwei wie Pech und Schwefel.

In unserer Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ treten regelmäßig MZ-Autoren zum Streitgespräch an. Alle Beiträge finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/procontra

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