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Käferjagd wird auf die Spitze getrieben

Die Suche nach dem „Asiatischen Laubholzbock“ in Kelheim führt Harry Hintringer und seine Kollegen beängstigend weit hinauf.
Von Martina Hutzler

Arbeitsplatz mit bester Aussicht: Harry Hintringer inspiziert an der Regensburger Straße eine Birke vom Wipfel bis zur Wurzel.
Arbeitsplatz mit bester Aussicht: Harry Hintringer inspiziert an der Regensburger Straße eine Birke vom Wipfel bis zur Wurzel. Foto: Hutzler

Kelheim. Das windige Birkerl wackelt eh schon wie ein Kuhschwanz – und da auch noch hinaufklettern?!? Aber die lockere Baumreihe neben dem Gleis an der Regensburger Straße gehört nun mal zur Gefahrenzone, in der sich „Asiatische Laubholz-Bockkäfer“ (ALB) breit gemacht haben könnte. Deshalb müssen Harald Hintringer und seine drei Kollegen dort hinauf. Und überhaupt: „Die Birken gehn eh’. Die brüchigen Weiden da drüben sind schlimmer…“ Na dann…

Alle vier haben Klettergurte übergestreift – keine, die Alpinisten nutzen, sondern spezielle fürs Baumklettern; darauf ausgelegt, dass man mehrere Stunden im Seil hängt, gerne auch mal kopfüber. Denn bei der Suche nach dem gefährlichen Holzschädling ALB muss ein Baum von der Spitze an abgesucht werden: Der komplette Stamm und alle Äste ab einem Zentimeter Durchmesser werden genau inspiziert, ob sie die typischen Bohrlöcher aufweisen – sichelförmige dort, wo das Käferweibchen seine Eier ins Holz gelegt hat; kreisrunde dort, wo sich zwei Jahre später die fertig entwickelten Käfer aus dem Holz ausbohren. Auch die entstehende Bohrspäne ist charakteristisch.

Doch um all dies zu finden, muss Harry, wie ihn die Kollegen rufen, erst mal hinauf. Als erstes schickt er ein tennisball-großes Sandsäckchen voraus, an das eine lange Schnur geknotet ist. Einige Würfe – dann fliegt das Säckchen über den gewünschten Seitenast. An die Schnur kann Harry nun das Aufstiegsseil knoten und es ebenfalls über die Astgabel ziehen. Er prüft ein paar Mal: ja, die Gabelung hält sein Gewicht aus. Nun das Seil-Ende mit einem seemannstauglichen „Palstek“-Knoten am Stamm befestigen. Dann noch ein Blick nach links und rechts: kein Zug in Sicht auf dem nur einen Meter entfernten Gleis. Also: Auf geht’s – ins Seil einhängen und dran aufsteigen! Harry zieht sich mit den Armen am Seil hoch; zur Unterstützung hat er am Fuß eine Ratsche fürs Kletterseil, mit der er sich wie beim Treppensteigen auch mit Beinkraft nach oben stemmt. Bodybuilding braucht’s nach so einem Arbeitstag bestimmt nicht mehr…

Harry Hintringer erklärt, wie er dem Käfer in den Baumwipfeln auf die Spur kommt.

Zumal die Vier auch noch ordentlich beladen sind mit Karabinern, Haken, Baumschere, einem „Kambium-Schoner“: Der wird, oben angelangt, um die Astgabel gelegt, damit das Aufstiegsseil nicht direkt an der Rinde scheuert. Für derartige Manöver hat der Kletterer außerdem ein Kurzseil dabei: „Das ist unser zweites Sicherungssystem“, erklärt Philipp Tigges, wie die anderen drei ein Baumpfleger und -kletterer. Das Allerwichtigste freilich ist ein Gefühl für den Baum und für die eigene Sicherheit: Wie viel Knarzen ist noch ok, wann wird aus dem Biegen ein Brechen?!

Alle vier arbeiten für die Münchner Firma „GreenCare“, und die wiederum ist von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) mit der ALB-Suche in Laubbäumen beauftragt. Als im April im Kelheimer Hafen Ahornbäume mit Larven des asiatischen Schädlings entdeckt wurden, ist rings um den Fundort eine Quarantänezone mit insgesamt 2100 Metern Radius gezogen worden. Dort gelten strenge Vorschriften im Umgang mit den 29 Baumarten, von deren Holz und Rinde sich der ALB ernährt. Besonders intensiv untersuchen die LfL (und in Waldgebieten das Abensberger Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten Abensberg) in einer 500-Meter-“Fokuszone“, ob sich der ALB schon über den Hafen hinaus ausgebreitet hat. EU-weit gelten an jedem Fundort scharfe Bekämpfungsvorschriften, denn falls der Import-Schädling in Europa, wo er fast keine natürlichen Feinde hat, sesshaft würde, drohen verheerende Folgen für Laubwälder und auch Gärten.

Das „Blausieb“ geht ähnlich vor

Ein Kollege von Harry Hintringer ist, wie berichtet, im September tatsächlich erneut fündig geworden und hat am Rand des Hafengeländes, bei der B16-Auffahrt an der Regensburger Straße, zwei weitere Ahornbäume mit ALB-Larven entdeckt; die Quarantänezone wird daher noch ausgeweitet werden. Auch Harry hat an diesem Morgen ein verdächtig kreisrundes Bohrloch entdeckt. „Aber ich vermute stark, dass es ein ,Blausieb’ war.“ Auch diese Schmetterlingsart bohrt sich ins Holz ein und hinterlässt ähnliche Spuren wie der ALB. „Aber er bohrt sich zum Beispiel nicht grade rein wie der ALB, sondern schräg“. Die Käferarten Pappel- und Moschusbock sowie den Weidenbohrer, ebenfalls ein Nachtfalter, schließt Harry ebenfalls aus.

Baumkletterer auf Käferjagd

Denn die typischen Unterschiede haben die Baumkletterer, die auch in den Münchner Befallsgebieten arbeiten, längst drauf. Dennoch dokumentieren und fotografieren sie jede verdächtige Stelle; kleinere Äste können gleich an Ort und Stelle abgeschnitten, aufgespalten und innen untersucht werden. Ob ein Verdachts-Baum gefällt werden muss, wäre hingegen die Entscheidung der Experten von LfL und AELF. Ansonsten sind die Baumkletterer sehr darauf bedacht, die Bäume beim Absuchen nicht zu beschädigen. Und natürlich darauf, auch bei akrobatischen Hangel-Übungen nicht abzustürzen…

Viele weitere Berichte und Infos rund um den ALB-Fund im Kelheimer Hafen lesen Sie hier!

Winter verschafft Atempause

  • Überwinterung

    Der Asiatische Laubholz-Bock übersteht den europäischen Winter nicht als ausgewachsener Käfer: Die erwachsenen Tiere sterben bei Wintereinbruch ab. Stattdessen überwintern die Larven, in den Stämmen und Ästen ihrer Wirtsbäume. Zum Verpuppen brauchen sie es warm, deshalb schlüpft im Folgejahr die neue Generation nicht vor Mai aus. Bis Ende April ist daher die Beobachtung erwachsener Tiere nicht realistisch.

  • Wintermodus

    Vor diesem Hintergrund haben auch die Mitarbeiter am Kelheimer Wertstoffzentrum eine Verschnaufpause. (Nur) dorthin dürften Gartenbesitzer Gehölzmaterial aus der Quarantänezone transportieren. Bislang musste es dort wöchentlich gehäckselt werden; jetzt im Winter reicht monatlich, informierte Michaela Kaltenegger, Vize-Sachgebietsleiterin am Landratsamt, den Kreis-Umweltausschuss am Dienstag. (hu)

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