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Mit Auge und Spürnase auf Käferjagd

Mensch und Hund suchen im Hafen Kelheim den gefährlichen „Asiatischen Laubholz-Bockkäfer“. Die Fahndung wird ausgeweitet.
Von Martina Hutzler

Thomas Schuster und seine zweijährige Deutsch-Drahthaar-Hündin „Franzi“ sind speziell für die ALB-Suche ausgebildet.
Thomas Schuster und seine zweijährige Deutsch-Drahthaar-Hündin „Franzi“ sind speziell für die ALB-Suche ausgebildet. Foto: Hutzler

Kelheim. „Franzi“ hat die Schnauze voll vom Warten, denn sie hat die Nase voll vom Duft des Asiatischen Laubholz-Bockkäfers (ALB). Der gefürchtete Holzschädling ist wie berichtet seit dieser Woche im Kelheimer Hafen nachgewiesen. Dort nun spürt die Deutsch-Drahthaar-Hündin zusammen mit Forstwissenschaftler Thomas Schuster den in Bäumen lebenden Käfer-Larven nach: Sie stürmt auf einen Baum zu, schnuppert hoch und kratzt kurz am Stamm – Bohrloch gefunden, schwups gibt es ein Leckerli, und weiter geht’s zum nächsten Baum!

Thomas Schuster und seine zweijährige Deutsch-Drahthaar-Hündin „Franzi“ sind speziell für die ALB-Suche ausgebildet.
Thomas Schuster und seine zweijährige Deutsch-Drahthaar-Hündin „Franzi“ sind speziell für die ALB-Suche ausgebildet. Foto: Hutzler

Herr und Hund haben in Kärnten die Spezialausbildung zum ALB-Spürhunde-Team absolviert. In Kelheim werden sie noch öfter zu tun haben: Am Freitag fand das Duo bereits weitere Bäume mit den typischen Bohrlöchern und -spänen vom ALB. Bis nächstes Woche soll das Befallsgebiet ermittelt sein, dann geht es ans Fällen.

„Wir müssen uns sputen, denn im Mai fliegt sonst der Käfer aus“, erklärt Ambros Köppl. Wie Thomas Schuster gehört er zur Arbeitsgruppe ALB-Bekämpfung am Pflanzenschutz-Institut der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Seine „Waffe“ ist das Fernglas.

Ambros Köppl von der ALB-Bekämpfungsgruppe sucht  die Baumkronen nach Bohr-Spuren des Käfers ab.
Ambros Köppl von der ALB-Bekämpfungsgruppe sucht die Baumkronen nach Bohr-Spuren des Käfers ab.Foto: Hutzler

Bis in fünf, sechs Metern Höhe kann „Franzi“ die Geruchsspur des Käfers verfolgen; weiter droben muss der Mensch nach den typischen Ein- und Ausbohr-Löchern der Tiere suchen. Auch deswegen drängt die Zeit: Wenn Bäume und Sträucher voll im Laub stehen, sind die Cent-großen Löcher kaum mehr zu sehen.

In der Befallszone wird gefällt

Nächste Woche soll die Suche im unmittelbaren Umfeld der befallenen Ahornallee im Kelheimer Hafen abgeschlossen sein, erklärt Ambros Köppl. Um jeden Baum mit Käfernachweis wird eine „Befallszone“ von 100 Metern festgelegt. Dort werden dann alle Bäume gefällt, gehäckselt und verbrannt, in denen sich der ALB vom Ei bis zum Käfer fertig entwickeln könnte; dazu zählen in Bayern 16 Baum-Gattungen, darunter die wichtigsten Nutz- und Obstbaumarten.

Gut gelegen kommt das nahe Biomasse-Heizkraftwerk der Stadtwerke Kelheim, wo das Häckselgut auf kurzem Weg entsorgt werden kann, erklärt Nikolaus Ritzinger, Forstbereichsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten in Abensberg. Das AELF arbeitet bei der Bekämpfung eng mit der LfL zusammen; letztere wird zwei Mitarbeiter direkt nach Abensberg abordnen.

(V. li.:) Thomas Schuster von der LfL sowie  Alexander Hönig  und Nikolaus Ritzinger vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten, sprechen die Suche nach dem Käfer ab.
(V. li.:) Thomas Schuster von der LfL sowie Alexander Hönig und Nikolaus Ritzinger vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten, sprechen die Suche nach dem Käfer ab. Foto: Hutzler

Das radikale Fällen hundert Meter rund um jeden ALB-Nachweis ist unumgänglich, das habe die Bekämpfung andernorts gezeigt, erklärt LfL-Arbeitsgruppenleiter Frank Nüßer: Trotz genauer Suche „werden regelmäßig befallene Bäume in der Nachbarschaft übersehen“ – um auf Nummer sicher zu gehen, wird daher an alle potenziellen Wirtsbäume die Axt angelegt. Nach derzeitigem Befalls-Stand betrifft diese Zone in Kelheim rein das Hafengebiet.

Typisch für den ALB, aber auch nur aus der Nähe zu sehen,  sind die  Bohrspäne, die beim  Larvenfraß entstehen.
Typisch für den ALB, aber auch nur aus der Nähe zu sehen, sind die Bohrspäne, die beim Larvenfraß entstehen. Foto: Hutzler

Ein Umkreis von 500 Metern um jeden Käferbaum gilt als „Fokus-Zone“: Hierin werden die Laubbäume in den nächsten Monaten und Jahren regelmäßig nach etwaigen Käferspuren abgesucht, mit Fernglas, Hund und sogar durch Baumkletterer. In Wäldern kümmert sich das AELF darum: Alexander Hönig, der den Käfer im Hafen entdeckt hat, und seine Kollegin Lisa Büsing haben bereits begonnen.

Forstrat Alexander Hönig zeigt ein Bohrloch: Es ist typisch für den fertig entwickelten ALB-Käfer, der sich aus seinem  Wirtsbaum ins Freie ausbohrt.
Forstrat Alexander Hönig zeigt ein Bohrloch: Es ist typisch für den fertig entwickelten ALB-Käfer, der sich aus seinem Wirtsbaum ins Freie ausbohrt. Foto: Hutzler

In der Flur und in Siedlungen inspiziert das LfL die Bäume. Diese Fokus-Zone erreicht im Falle Kelheims immerhin beispielsweise das Donau-Ufer nördlich des Hafens.

Ferner wird ein 2000-Meter-Radius rund um jede Befallszone zur „Quarantäne-Zone“ erklärt. Dort wird in den nächsten Jahren ebenfalls intensiv kontrolliert; auch dürfen zum Beispiel Laubbäume aus besagten 16 Gattungen nur unter strengen Auflagen transportiert werden. Von einer Neupflanzung besagter Baumarten in der Quarantänezone rät das LfL ab.

Die Zonierung soll im Lauf der nächsten Woche festgelegt und dann veröffentlicht werden, es werde auch noch eine Infoveranstaltung für die Bevölkerung geben, kündigt Ambros Köppl an. Die Quarantäne wird mindestens vier Jahre dauern, das entspricht der Entwicklungsdauer von zwei Käfer-Generationen. Gibt es in der Zeit neue Lebend-Funde vom ALB, wird die Quarantäne verlängert.

Wälder von Quarantäne betroffen

Am Freitag informierten sich vor Ort bereits Förster wie der Kelheimer Revierleiter Jens Ossig über die Lage. Sie schätzen, dass nach derzeitiger Lage in den Gemeindegebieten Kelheim und Saal rund 300 Hektar Wald in der künftigen Quarantäne-Zone liegen werden. Für Ossig ist der ALB-Alarm nicht neu: Er war früher am bayerischen Land- und Forstwirtschaftsministerium im Sachgebiet Waldschutz tätig. Daher weiß er, dass in den anderen bislang vier Befalls-Gebieten der Kampf gegen den ALB Jahre dauerte bzw. in drei Gebieten noch andauert.

Im Kelheimer Hafen sei die Lage relativ günstig, sind sich am Freitag die Fachleute einig. Hier wurden vorwiegend Ahorn-Alleen gepflanzt, also der Lieblingsbaum des ALB, neben Birke, Rosskastanie, Pappel und Weide. Kein Grund daher für die eher trägen Käfer, das Weite zu suchen. Sie legen sowieso am liebsten an ihrem eigenen Geburtsbaum die Eier ab – so lange, bis dieser abgestorben ist. Hafenbecken, Donau und die Industriegebäude und -anlagen schirmen das Areal außerdem ganz gut ab, so dass erwachsene Tiere nicht so leicht vom Winde verweht werden sollten. „Die Chancen stehen ganz gut, dass wir ihn hier ausrotten“, hofft Ossig.

Das Ziel „Ausrottung“ sowie scharfe Bekämpfungsbestimmungen gelten EU-weit. Hier gab es bisher 23 bekannte Befallsgebiete – Kelheim ist das 24. Die Entschlossenheit der EU ist nachvollziehbar: In seiner Heimat China hat der ALB bereits 120 000 Hektar Wald, vor allem Pappelplantagen, zerstört; an die 200 Millionen Bäume fielen ihm zum Opfer, schildert Alexander Hönig.

Der Schöne ist ein Biest

  • Unscheinbar

    Mit Glück und scharfem Auge hat Forstrat Alexander Hönig (Bild links) im Hafen die charakteristischen Bohrlöcher des Asiatischen Laubholz-Bockkäfers (ALB) entdeckt. Weil Bäume auch bei starkem Befall noch Jahrelang weiterleben und eine belaubte Krone haben, fällt der Käferbefall kaum auf. Befallen werden nur lebende Bäume, kein geschnittenes Holz.

  • Hungrig

    Ebenfalls typisch, aber unscheinbar sind die millimeterlangen „Hobelspäne“ (Bild Mitte), die die Larven erzeugen: Sie schlüpfen aus den Eiern, die das Käferweibchen unter der Baumrinde ablegt und bohren sich nach innen und oben im Baum. Unter Laborbedingungen legen ALB-Weibchen 30 bis 200 Eier ab. Die vielen großen Fraßgänge und eindringende Fäulnispilze schädigen und töten den Baum.

  • Konkurrenzlos

    Die Hoffnung, dass natürliche Feinde den ALB im Zaum halten, ist gering: Spechte können vielleicht mal Larven oder Puppen erbeuten; aber nennenswert stoppen würde das seine Ausbreitung nicht.

  • Geschützt

    Seine Lebensweise macht den ALB auch mit chemischen Methoden weitgehend unangreifbar: „Die Larve lebt den überwiegenden Teil ihres Lebens im Holz und kann dort von Insektiziden nicht erreicht werden“, schildert die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Auch sei in Deutschland kein Pflanzenschutzmittel gegen den ALB zugelassen. „Die einzig sichere Methode ist das Fällen befallener und befallsverdächtiger Bäume mit anschließender Verbrennung des Holzes.“

  • Träge

    Der ALB gilt als standort-treu und flug-träge. Dennoch rechnet man pro Käfer-Generation mit einer Ausbreitung von mehreren Hundert Metern. Quelle / weitere Infos: LfL; „Häufige Fragen und Antworten“

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