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Eigenheim, wie’s kaum einer hat

Eine Alternative zum 08/15-Haus haben die Müllers gesucht – und im Poikamer Pfarrhof gefunden. Überraschungen inklusive.
Von Martina Hutzler

Hereinspaziert: Melanie und Andreas Müller stellen ihr künftiges Domizil vor. Das sich übrigens laut Experten verbirgt hinter einer „Brett-Türe mit Gratleisten, Kastenschloss und Langband“. Fotos: Hutzler
Hereinspaziert: Melanie und Andreas Müller stellen ihr künftiges Domizil vor. Das sich übrigens laut Experten verbirgt hinter einer „Brett-Türe mit Gratleisten, Kastenschloss und Langband“. Fotos: Hutzler

Bad Abbach.Reihenhaus mit Handtuch-Garten? Bei aller Liebe zur neuen Heimat Bad Abbach – so sah Familie Müllers Traum vom Eigenheim nicht aus. Eine Zeitungsanzeige machte die beiden deshalb neugierig: Der historische Pfarrhof Poikam stand zum Verkauf. Erst schaute sich Andreas Müller das Häuschen im Schatten des Kirchturms an – und war begeistert. Dann schaute es Melanie Müller an – und war geschockt. Heute, fast zwei Jahre später, sind die beiden sichtlich verliebt ins künftige Heim, obwohl es noch immer einen verwitterten Dornröschen-Charme ausstrahlt. Aber das soll sich nun ändern, endlich!

Hereinspaziert: Melanie und Andreas Müller stellen ihr künftiges Domizil vor. Das sich übrigens laut Experten verbirgt hinter einer „Brett-Türe mit Gratleisten, Kastenschloss und Langband“. Fotos: Hutzler
Hereinspaziert: Melanie und Andreas Müller stellen ihr künftiges Domizil vor. Das sich übrigens laut Experten verbirgt hinter einer „Brett-Türe mit Gratleisten, Kastenschloss und Langband“. Fotos: Hutzler

Ein Denkmal – aber was heißt das?

„Dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht, war uns klar – aber nicht, wie viel da mit dranhängt“, gestehen die beiden, die vor acht Jahren aus Unterfranken herzogen. Die Kirchenstiftung hatten sie recht schnell überzeugt mit ihrem Konzept: das fast 500-jährige Haus denkmalgerecht zu sanieren und es in modernem Standard als Wohnhaus für die eigene, heute vierköpfige Familie nutzbar zu machen. Und nun???

Andreas Müller klopfte beim Denkmalschutz am Landratsamt an. Dort hieß es: Das Landesamt für Denkmalpflege muss mit ins Boot; nicht zuletzt, weil es Zuschüsse vergibt. Es folgte die erste von mehreren Gedulds-Übungen: drei Monate Warten auf einen gemeinsamen Besichtigungstermin. „Aber danach war klar, wie und in welcher Reihenfolge wir vorgehen müssen“. Nämlich als erstes mit einem „Vorprojekt“.

So heißt die Untersuchung, bei der das Architekturbüro Siegmüller jeden Winkel des zweigeschossigen Hauses samt Anbau durchstöberte und vermaß: Längen, Höhen, Wanddicken, Raumaufteilung, Aufbau von Mauerwerk und Dach, Zustand der Bausubstanz – all diese Daten haben die Müllers nun, samt einer Übersicht, was zu tun ist, um das fünf Jahre verwaiste Anwesen bewohnbar zu machen. Und vor allem: was das kostet…

An mehreren Stellen wurde das Innenleben der Wände untersucht, um Alter und Aufbau zu rekonstruieren.
An mehreren Stellen wurde das Innenleben der Wände untersucht, um Alter und Aufbau zu rekonstruieren.

340 000 Euro für die Instandsetzung der 90 000 Euro teuren Immobilie – das sei absolut ok, verglichen mit heutigen Neubaupreise, findet Melanie Müller. Die Vorfreude auf rund 200 Quadratmeter Wohnfläche und 700 qm (Erbpacht-) Grund muss freilich immer noch hinwegtrösten über die derzeitige Enge in der Drei-Zimmer-Wohnung im Heidfeld.

Die Küche im Erdgeschoss ist vermutlich einer der ältesten Teile des Hauses. Hier können Sie sie in der 360-Grad-Perspektive anschauen:

hu-Pfarrhof poikam-3 - Spherical Image - RICOH THETA

Denn weitere Untersuchungen, weitere Planungen waren nötig, um dem verschachtelten Häuschen samt verwinkelter Historie gerecht zu werden. „Die Experten haben ungefähr ein Dutzend Bau- und Renovierungsphasen identifiziert“, angefangen vom Erdgeschoss, das um 1590 entstand. Da war Recycling schon „in“: Die älteste verbaute Säule datiert vor 1500 und stammt wohl aus einem anderen Gebäude.

Auch dieser Türbogen im Erdgeschoss dürfte wohl aus einem anderen Gebäude „importiert“ worden sein.
Auch dieser Türbogen im Erdgeschoss dürfte wohl aus einem anderen Gebäude „importiert“ worden sein.

Der Pfarrhof selbst bekam um 1680 einen zweiten Stock und etwa 100 Jahre später einen Anbau. Elemente wie Kamin oder Treppe sind aus dem 20. Jahrhundert. Die Fenster sind sogar erst einige Jahre alt. Weil eine Bausünde noch der Vorbewohner, dürften sie drinbleiben. Die Müllers werden sie trotzdem ersetzen durch fachgerecht eingebaute.

Klo-Tür und andere Kompromisse

An so mancher Stelle waren Kompromisse nötig zwischen Denkmalschutz und Wohnkomfort. Das Bad im ersten Stock etwa hätten die Müllers gerne vergrößert. „Aber die Innenwand ist leider schon von etwa 1700 – die darf nicht raus…“ Der Ausweg? Das WC kommt nach nebenan, und in die Wand eine Tür. Auch für zeitgemäße Standards bei Elektrik, (Pellet-)Heizung und ähnliches fanden sich allseits akzeptierte Lösungen. Als schikanös empfinden die Müllers die Absprachen mit dem Denkmalschutz nicht. „Wenn man gut zusammenarbeitet, ist das ok.“ Es muss einem nur klar sein, dass all das Zeit kostet, bilanziert Andreas Müller: Für alle Planungsschritte müssen Angebote eingeholt, Anträge gestellt werden. Und die zugehörigen Fachfirmen sind zumeist gut ausgelastet.

Innen und außen gibt es jetzt viel zu tun am alten Pfarrhof – für die Töchter steht derweil schon mal ein Sandkasten bereit.
Innen und außen gibt es jetzt viel zu tun am alten Pfarrhof – für die Töchter steht derweil schon mal ein Sandkasten bereit.

Der Vorteil der intensiven Planung: „Wir sind hoffentlich relativ sicher vor Überraschungen“ bei der eigentlichen Restaurierung, für die Andreas Müller etwa ein Jahr kalkuliert. Starten soll sie, sobald die finale Baugenehmigung da ist. Vorarbeiten sind schon erledigt: Entrümpeln, altes Inventar raus, Handwerkerangebote einholen. „Und der Sandkasten steht schon“: Dort können die anderthalb und fünf Jahre alten Töchter Burgen bauen – während Mama und Papa am neuen alten Familienheim werkeln.

Schlafen unter Stuck: Im Obergeschoss muten die Räume fast herrschaftlich an, wie dieses 360-Grad-Bild zeigt:

Hu-Pfarrhof Poik-1 - Spherical Image - RICOH THETA

Hier starten Sie zu einem Bilderstreifzug durch den alten Pfarrhof:

Der historische Pfarrhof von Poikam

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