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Einfach reden? Leicht gesagt…

Vier Bundestags-Kandidaten mühen sich für die „Offene Behindertenarbeit“ ab, ihre Politik in verständliche Worte zu packen.
Von Martina Hutzler

KJF-Direktor Michael Eibl erklärte das Stoppschild und die anderen Regeln für die vier Politiker: (sitzend v. li.) Andreas Wagner, Florian Oßner, Petra Seifert und Anja König. Fotos: Hutzler
KJF-Direktor Michael Eibl erklärte das Stoppschild und die anderen Regeln für die vier Politiker: (sitzend v. li.) Andreas Wagner, Florian Oßner, Petra Seifert und Anja König. Fotos: Hutzler

Abensberg.„Leicht is’ schwer was“, hat Karl Valentin mal gesagt. Das werden vier Politiker bestätigen, die sich in Abensberg auf ungewohnter Bühne vorgestellt haben. „Einfach wählen gehen“, hieß die Veranstaltung der „Offenen Behindertenarbeit“ (OBA). Ihr Auftrag an vier Bundestags-Kandidaten: „Erklären Sie Ihre Ziele in einfacher Sprache“. Da kann schon mal ins Stottern geraten, wem sonst locker-flockig die „personellen Ressourcen“ über die Lippen gehen oder „wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen“…

Freilich: Auch den zwei Moderatoren rutschten mal Fremdwörter raus: Vor der „Inklusion“ oder vor dem „Versuch, schwierige Formulierung zu korrigieren“ waren auch Michael Eibl, Direktor der Katholischen Jugendfürsorge KJF, und Diplompsychologe Ralf Wargitsch nicht gefeit.

Politik in zwei Minuten

Eibl erklärt anfangs die Regeln: Je zwei Minuten Zeit pro Antwort auf Fragen (die den Kandidaten schon bekannt waren). Und wer unverständlich redet, dem dürfen Zuhörer ein Stopp-Schild zeigen. Alle Vier am Podium nicken brav:Florian Oßner der bereits, für die CSU, im Bundestag sitzt, und drei weitere Direkt-Kandidaten: Anja König (SPD), Petra Seifert (Grüne) und Andreas Wagner (Linke). Damit es übersichtlich bleibt, hatte die OBA nur die Parteien eingeladen, die im jetzigen Bundestag sitzen.

Die wichtigsten Fakten zur Wahl sehen Sie auch in diesem Video.

Die wichtigsten Fakten zur Bundestagswahl

Also Herr Oßner: Wie will die CSU die Bildung für Kinder mit Behinderung verbessern? „In den einzelnen Schulformen auf den individuellen Behinderungsgrad eingehen“ – kaum ist der Monster-Satz raus, stockt Oßner. Noch mal: Wichtig seien einerseits die Sonderpädagogischen Förderzentren (selber schuld, wenn sich die so schwierig nennen). Wichtig sei andererseits aber, behinderte Kinder möglichst in Regelschulen zu fördern.

Anja König zieht nach drei Bandwurm-Sätzen die Notbremse. „Wo ein Kind wohnt, da soll es zur Schule gehen können: Das ist das Allerwichtigste“, fasst die Landshuter SPD-Frau zusammen. Ihr Ruf nach einer „Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern“ lässt manchen Zuhörer aber die Augen rollen.

KJF-Direktor Michael Eibl erklärte das Stoppschild und die anderen Regeln für die vier Politiker: (sitzend v. li.) Andreas Wagner, Florian Oßner, Petra Seifert und Anja König. Fotos: Hutzler
KJF-Direktor Michael Eibl erklärte das Stoppschild und die anderen Regeln für die vier Politiker: (sitzend v. li.) Andreas Wagner, Florian Oßner, Petra Seifert und Anja König. Fotos: Hutzler

Doppelt „gehandicapt“ ist Petra Seifert: Die Grüne aus Altdorf bei Landshut spricht nicht nur schnell, sondern auch noch leicht „fränggisch“. Das in Verbindung mit der „UN-Behindertenrechtskonvention, die wir konsequent umsetzen müssen“: Da seufzt ein Zuhörer ganz tief.

Dem Geretsrieder Andreas Wagner hilft hörbar sein Beruf als Heilerziehungspfleger. „Die Linke möchte, dass alle Kinder gemeinsam in die selbe Schule gehen können“: Ah!, freut sich das Publikum. Und zuckt zusammen beim „Zuständigkeitsbereich der Länder“ und „Impulsen des Bundes“.

Bei Frage zwei, zu Umwelt-Zielen, werden die Volksvertreter achtsamer. Andreas Wagner kommt dem Stoppschild zuvor, das ihm für das geforderte „Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tiere“ droht: „also wenn eine Firma sagt, wir haben Lebewesen geschaffen…“ „… durch Genmanipulation…“ schiebt er etwas verlegen nach.

Die „mittendrin!“-Reporter (vorne von links) Alexander Prock, Stefanie Schmid und (rechts) Stefan Seeligmann mit Moderator Ralf Wargitsch.
Die „mittendrin!“-Reporter (vorne von links) Alexander Prock, Stefanie Schmid und (rechts) Stefan Seeligmann mit Moderator Ralf Wargitsch.

„Da könnt’ ich stundenlang quatschen“, seufzt Petra Seifert, als die Eieruhr unerbittlich zwei Minuten grüne Umweltpolitik beendet. In der Zeit hat sie immerhin schon mal die „realisierbaren“ in „umsetzbare“ Lösungen übersetzt und die „Emissionen“ herausgefiltert: „also wenn Kohle-Kraftwerke viel Dreck in die Luft wirbeln“. Anja König zeigt sich bei den „Eliten“ schuldbewusst: „,Menschengruppen’ könnte man dafür sagen“, die nicht alleine den Nutzen aus der Umweltpolitik haben dürften. Mit Florian Oßner geht der Verkehrspolitiker durch, als er für „batteriebetriebene und wasserstoffbetriebene Technologien“ wirbt. „Stopp, das waren zu viele schwere Worte!“ – aber die zu erklären, sind zwei Minuten zu kurz.

Hier gibt’s einen interaktiven Überblick über die Kanzler der BRD von 1949 bis heute:

Einfach schwierig, so eine Frage

Ähnlich mühen sich die Vier mit der Frage zur Sicherheit in Deutschland. Als aber eine Zuhörerin nachfragt, „warum passiert denn bei uns so viel Gewalt?!“, zeichnet sich leise Verzweiflung ab. „Fast eine philosophische Frage“, sinniert Petra Seifert. Sie muss selber mit den Zuhörern lachen, kaum stehen die „nicht-monokausalen Computerspiele“ im Raum. Auch Andreas Wagner merkt schnell, wie er sich mit der „Hasskriminalität“ im Unverständlichen verheddert. „Weil Leute unzufrieden sind…“, versucht es Florian Oßner. „Und dann darf man gewalttätig sein?!“, kommt unerbittlich die Nachfrage. „Mehr für die kleinen Leute tun, sonst entstehen Neid und Gewalt“, versucht es Anja König.

Die Bundestagswahl 2017

  • Die Wahl:

    Am Sonntag, 24. September, wählen rund 61,5 Millionen wahlberechtigte Bundesbürger ihre neuen Volksvertreter; mindestens 598. Insgesamt treten bundesweit 48 Parteien bei der Wahl an; wählbar sind sie allerdings nur jeweils in den Bundesländern, in denen sie eine Landesliste an den Start schicken. Jeder Wähler hat eine Erst- und eine Zweitstimme. Die Zweitstimme kann man einer Partei geben. Unabhängig davon kann man die Erststimme einem der Direktkandidaten geben, die im jeweiligen Wahlkreis kandidieren.

  • Die Kandidaten

    : Der Landkreis Kelheim bildet zusammen mit Stadt und Landkreis Landshut den Bundes-Wahlkreis 228. Hier sind neun Direktkandidaten zur Wahl zugelassen, hat am Freitag der Kreis-Wahlausschuss festgestellt: Nicole Bauer (FDP), Petra Hannelore Michaela Seifert (Bündnis 90/Die Grünen) Anja König (SPD), Florian Oßner (CSU), Florian Geisenfelder (Bayernpartei), Hubert Aiwanger (Freie Wähler Bayern), Stefan Josef Zellner (ÖDP), Erkan Dinar (Die Linke), Günter Straßberger (AfD). (hu)

Richtig schwierig wird der Zweikampf: Dem politischen Gegner und schwierigen Sätzen gleichzeitig beizukommen – das fällt allen Vieren gehörig schwer. Immerhin: sie haben sich alle bemüht, lobt Moderator Eibl die Politiker am Schluss und dankt ihnen fürs Kommen. „Man hat sich schon konzentrieren müssen“, urteilt Stefanie Schmid, Reporterin beim inklusiven „mittendrin!“-Projekt: Vor lauter Aufpassen hatte sie keine Zeit, öfter „Stopp“ zu zeigen. „Hervorragend, so eine Veranstaltung“, lobt Zuhörerin Daniela Hofmann. Sie hofft, dass Politiker öfter mal die Einfache Sprache versuchen: „Dann hätten sie einen besseren Draht zur Bevölkerung!“

Alle Artikel zur Bundestagswahl am 24. September finden Sie hier.

Die regionale Berichterstattung aus dem Kreis Kelheim zur Wahl lesen Sie hier.

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