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Kunst

Das Chaos drängt an die Oberfläche

Deborah Jahnke aus Abensberg ist eine Getriebene, die einfach malen und komponieren muss. Denn die Gefühle, die in ihr sind, wollen nach draußen.
von Stephanie Thaler, mz

Die dunklen Schlangen aus zusammengeknülltem Papier beachten die Grenzen der Leinwand nicht. Über den Rand bahnen sie sich ihren Weg ins Freie. Foto: Thaler

Abensberg.Die Acrylfarben hat Deborah von ihrer Patentante geerbt. Als die Freundin ihrer Mutter im Februar 2009 gestorben ist, hat die Abensbergerin Leinwände, Holzbretter, Farben und Pinsel abgeholt und losgelegt. Einen Monat später, im März 2009, starb ihr Vater. Da hat Deborah angefangen, Musik zu komponieren, Stücke für Trompete und Klavier.

„Ich muss das machen“, sagt die 17-Jährige und trommelt mit den Fingern auf den Tisch – immer wieder. Es versteht sich für sie von selbst, dass sie fast jeden Tag mehrere Stunden in ihrem Kelleratelier oder vor dem Piano verbringt und etwas Neues ausprobiert. Malen und Komponieren ist für sie nichts Besonderes, sondern ein natürlicher Vorgang, der in Sinuswellen verläuft. Mal muss sie mehr malen und komponieren, mal weniger. Aber immer ist es ein echtes Bedürfnis.

Malen und Komponieren funktionieren für die Schülerin unterschiedlich. Bei einem Bild sei die Aussage versteckter, sagt sie. Bei ihrer Musik könne der Zuhörer die Gefühle, die sie ausdrücken will, sofort spüren.

Jeder hat Abgründe

Beim Komponieren verschafft Deborah sich Klarheit darüber, was gerade in ihr vorgeht. Welche Gefühle und Gedanken einen Menschen antreiben und was in tieferen Schichten vor sich gehe, wisse ein Mensch oft nicht genau. Aber jeder habe Abgründe, dunkle Seiten, die irgendwann ans Licht drängten, denkt Deborah.

In ihren Bildern drücken sich die dunklen Seiten in chaotischen Formen aus. Zusammengeknüllte, mit Leim beschmierte Schlangen aus selbstgeschöpftem Papier ziehen sich durch eines ihrer Werke. Aber den Papiermassen genügt die Leinwand nicht, sie drängen über den Rand, borden über. Das dunkle Chaos will heraus und sucht sich seinen Weg.

„Man zeigt einen Teil von sich selbst“, sagt Deborah. „Und vielleicht sind da auch Dinge, die nicht so schön sind.“ Viele Menschen würden diese Seiten an sich lieber ignorieren, auch sie tue das manchmal. Aber dann und wann kämen sie eben auch ans Licht.

Außer seine Gefühle auszudrücken, könne man mit Bildern aber auch den Betrachter aufrütteln und eine Botschaft an ihn senden. Eine tiefschwarze Fläche mit einem ganz kleinen, hellen Punkt könne in etwa zeigen, dass nicht alles immer passe – dass die heile Welt, von der manche Menschen annähmen, dass es sie gebe, nicht existiere.

Lieber schräge Töne als Harmonie

Während sie zum Beispiel viel Zeit habe, das zu tun, was ihr Spaß mache, müssten Jugendliche in anderen Ländern fast rund um die Uhr in Fabriken arbeiten. „Irgendwann fragt sich niemand mehr, was falsch läuft“, sagt Deborah. Es laufe dann eben so, wie es laufe. Um zu zeigen, dass nicht immer alles richtig läuft, komponiert die Schülerin lieber schräge Musik als harmonische Melodien.

Klavierspielen hat sich die 17-Jährige auf einem alten, leicht verstimmten Piano selbst beigebracht. Seitdem komponiert sie ruhige, ins Poppiano gehende Melodien, immer dann, wenn sie traurig ist. Und manchmal, wenn sie wütend ist, haut sie auch so richtig auf das Instrument drauf – aber das müssen die Tasten dann eben aushalten.

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