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Ethik

Das fremde Herz in der eigenen Brust

Theresa Alkofer aus Abensberg hat eine Arbeit über Organspenden geschrieben. Dabei stieß sie auf die Frage, ob Nächstenliebe stärker ist als Egoismus.
von Stephanie Thaler, mz

Ein Spenderorgan wird in einem Behälter aus Styropor in den Operationssaal getragen. Foto: dpa

Abensberg.Über den Tod hatte sich Theresa noch nicht viele Gedanken gemacht. Aber als in Religion die Themen für die Seminararbeiten vergeben wurden, hat sie ein Thema in seinen Bann gezogen. Die Sache mit der Organspende. 90 Prozent der Menschen hätten im Ernstfall gerne das Organ eines Fremden, um am Leben zu bleiben. Aber nur knapp 20 Prozent haben einen Organspendeausweis. Theresa las diese Zahlen und fragte sich, wo sie genau verläuft – die Grenze zwischen Nächstenliebe und Egoismus.

2013 haben sich in Deutschland weniger Menschen als bisher dazu bereit erklärt, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden. Das könnte an den Ungereimtheiten liegen, die in den vergangenen Jahren Transplantationszentren in Verruf gebracht haben. „Nein, meine Niere geb’ ich nicht!“ titelte die Süddeutsche Zeitung am 13. November dieses Jahres und beschrieb damit den trotzigen Widerstand gegen intransparente Verhältnisse in deutschen Kliniken. In vier Lebertransplantationszentren wurde 2010 und 2011 gegen Richtlinien verstoßen. Zu diesem Ergebnis kam eine Prüfkommission der Bundesärztekammer im September. Systematische Verstöße stellte sie in Göttingen, Leipzig, Münster und im Klinikum München rechts der Isar fest.

Nachdenken über den eigenen Tod

Viele sind verunsichert und skeptisch gegenüber ökonomischen Interessen, die hinter der Vergabe der Organe stehen könnten. Theresa aber findet, dass die Organspende wieder in ein positiveres Licht gerückt werden solle – und vor allem überhaupt erst einmal ins Bewusstsein der Menschen. Denn viele nähmen sich nicht die Zeit, um über das Thema nachzudenken. Alles, was mit dem eigenen Tod in Verbindung stehe, werde verdrängt, man wolle sich dem nicht stellen, sagt sie.

Theresa hatte den Gedanken, sich einen Organspendeausweis ausstellen zu lassen, schon seit langem im Hinterkopf – aber eben nur dort. Mit der Seminararbeit rückte er nach vorne. Sie hat sich dem Gedanken an den eigenen Tod gestellt und kam zu dem Schluss: „Wenn ich tot bin, bin ich tot. Dann ist es egal, was mit meinen Organen passiert.“ Zufällig kam gerade da ein Brief vom Roten Kreuz mit einem Formular zum Ausfüllen. Seitdem hat Theresa einen Spendeausweis.

Bei vielen Menschen wirken rationale Argumente, die für eine Organentnahme sprechen, aber nicht. Der Gedanke daran, nach dem eigenen Tod einen solchen Verlust zu erleiden, ist ihnen unheimlich. Sie wollen unangetastet bleiben, auch wenn sie nichts mehr spüren. Ihre Mutter zum Beispiel konnte Theresa nicht überzeugen. „Sie will es nicht – einfach aus einem Gefühl heraus“, sagt die Schülerin. Sie erzählt etwas, das sie gelesen hat: Ein Mensch, dem ein fremdes Herz transplantiert worden ist, hat manchmal das Gefühl, er denke und fühle anders als zuvor. Durch das Fremde im eigenen Körper sei er zu einem anderen geworden, sei nicht mehr er selbst. Diese Vorstellung könne befremdlich wirken, findet Theresa. Denn wo verlaufe sie – die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden, und: Kann etwas Fremdes überhaupt zum Eigenen werden?

Trotzdem findet die Gymnasiastin es gut, etwas von sich zu geben, um anderen zu helfen. Denn das Streben nach den eigenen Zielen, nach dem, was jeder Einzelne haben und erreichen will, werde in der Gesellschaft zu wichtig genommen. Sie merke das selbst, jetzt im Abiturjahrgang, wo die Zieldefinition ganz klar sei. „Das, was man will, will man durchsetzen“, sagt sie. Und später im Arbeitsleben sei es sicher genauso. Aber immer nur die eigenen Ziele zu verfolgen, mache auf Dauer nicht glücklich. Zum egoistischen Streben müssten andere Werte und Zielsetzungen kommen, zum Beispiel die Verwirklichung des christlichen Ideals der Nächstenliebe.

Manchmal zählt Selbstlosigkeit

Aus Nächstenliebe im Jetzt zu handeln und nicht daran zu denken, welche Vorteile es einem in der Zukunft bringt – diese Haltung findet Theresa wünschenswert.

Eigene Ziele zwar mit gesundem Egoismus zu verfolgen, dann, wenn es angemessen ist, aber auch selbstlos und idealistisch zum Wohl seiner Mitmenschen zu handeln, sei eine ideale Mischung. Denn wer immer nur den eigenen Vorteil vor Augen habe, werde auf Dauer vermutlich ziemlich einsam. Einige ihrer Freundinnen hat die Schülerin schon überzeugt, sich einen Spendeausweis machen zu lassen. Darüber hinaus hat sie einen Vortrag organisiert, den die elften und zwölften Klassen des Donau-Gymnasiums in Kelheim am 19. Dezember hören werden.

Der Regensburger Arzt Dr. Stephan Hirt, Geoffrey Bonosevich, ein Amerikaner, dem in Deutschland ein Herz transplantiert wurde und der jetzt in einer Führungsposition bei einem großen Unternehmen arbeitet, ein Mann aus Mainburg, der ein Organ gespendet hat, und die Gemeindereferentin der katholischen Kirche in Abensberg, Astrid Habel, werden ihre Erfahrungen und Ansichten schildern. Dann werden sich vielleicht noch mehr Schüler für einen Organspendeausweis entscheiden, hofft Theresa.

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