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Historie

Deifls Kameraden marschieren auf

In Essing wurde eine Sonderschau zum Infanteristen Josef Deifl eröffnet. „Kollegen“ des bekannten Soldaten hielten dabei Ausschau nach „Frischfleisch“
Von Beate Weigert

  • Ein paar Soldaten des 4. Bayerischen Linieninfanterie-Regiments mit Offizier Marcus Troidl (li.) fischten ein paar Besucher als neue „Soldaten“ heraus. Foto: Weigert
  • Bürgermeister Jörg Nowy (li.) mit „Deifl“-Nachfahre Willi Koller und Gattin Roswitha Foto: Weigert
  • Nach der Eröffnung gab es für die beiden bayerischen Chevaulegers wie für alle Gäste des Abends einen „obrannten Linseneintopf“ und ein Deifl-Bier. Foto: Weigert
  • Auch ein „Feind“, ein österreichischer Soldat, ist zu sehen. Foto: Weigert
  • Dieses Gemälde aus der Zeit Deifls zeigt in der Ausstellung Not und Schrecken des Krieges. Foto: Weigert
  • „Ich bin heute da Josef Deifl“, sagte Franz Spacek. Foto: Weigert
  • Willi Koller stellte das Original-Tagebuch zur Verfügung. Foto: Weigert
  • Ein Prost auf den Deifl Foto: Weigert
  • Die Ausstellung kommt an.
  • Interessierte Besucher

Essing.„Kreuzkruzzebirnbaum!“, entfährt es dem groß gewachsenen Mannsbild mit Schnauzer und Kaskett auf dem Kopf. Er trägt ein blau-gelbes Oberteil, Stiefel und einen Degen. Hurtig nehmen die anderen historisch Kostümierten vor dem Essinger Rathaus Haltung an. „Chef!“ Der Wütende ist längst nicht besänftigt. Er lässt die Männer antreten und marschieren. Die Nägel an ihren Schuhsohlen hallen übers Kopfsteinpflaster. Marcus Troidl mimt einen Offizier im 4. bayerischen Linieninfanterie-Regiment. Im Heute ist er Vereinsvorsitzender der gleichnamigen Truppe aus Regensburg, die sich dem Re-Acting, also dem möglichst historisch getreuen Nachspiel historischer Szenen verschrieben hat.

Häckl wurde „eingezogen“

Essings Bürgermeister Jörg Nowy hat die Truppe zur Eröffnung der Ausstellung über den Infanteristen Josef Deifl am Donnerstagabend eingeladen. Die Männer machen die Zeit des bekanntesten Sohns des Markts ein wenig erfahrbar. Unter den Mannen mit blau-gelben Röckl, wie es in der Sprache der Zeit korrekt heißt, findet sich auch einer mit „rosenrot“-blauer Jacke. Es ist Franz Spacek aus Schierling. „Ich bin heute da Deifl“, sagt er. Genauso habe der Infanterist, der 1790 in Essing geboren worden war, ausgesehen. Er war Mitglied im fünften Infanterie-Regiment. Also einfaches Fußvolk.

Die Männer nehmen Aufstellung vor der Treppe des Rathauses. Alle Gäste, die zur Ausstellungseröffnung geladen sind, müssen durch das Spalier der bayerischen Soldaten. Und so mancher wird spontan „eingezogen“. Auch Ihrlersteins Bürgermeister Josef Häckl.

Ein scharfsinniger Zeitgenosse

Im Sitzungssaal erinnert Nowy an Josef Deifl und betont, wie aktuell sein Tagebuch, das zum Frieden mahnte, auch heute noch ist. Er dankt seinen Helfern, die mit ihm die Sonderschau auf die Beine gestellt haben. Werner Engelmann aus Altmannstein ist darunter, Werner Sturm oder Willi Koller, ein Nachfahre Deifls, der eigens für den Eröffnungsabend das Original-Tagebuch zur Verfügung stellte.

Josef Deifl stammte aus einfachsten Verhältnissen und hatte um 1800 kaum Bildung erfahren, trotzdem war er ein scharfsinniger Zeitgenosse, der die Geschehnisse seiner Zeit erstaunlich gut einordnete, und auch über eine gehörige Portion Humor verfügte, findet Nowy.

Viele geladene Gäste aus Wirtschaft, Politik und dem Gemeindeleben schauten sich interessiert die Sonderschau an. Sie enthält auch einige Utensilien aus der Zeit Deifls. Eine Kugelzange etwa oder eine Eisenzrinnerkanne, die ein Altessinger zur Verfügung stellte. Damit dürfte Deifls Vater einst oft hantiert haben, denn er verdiente sich sein Brot als Eisenzrinner, sprich als Eisenschmelzer.

Anschließend ließen sich die Gäste aus dem Kessel überm Feuer vor dem Rathaus einen Teller „obrannten“ Linseneintopf, Deiflbier und Deiflbrot schmecken. Darunter auch zwei bayerische Chevauleger, „Leichtberittene“, die auch zu Troidls Truppe gehören.

Gemeinsam hatten die Männer schon anstrengendere Auftritte. Der nächste steht 2015 an, wenn sie mit tausenden anderen Re-Actern zum 200. Jubiläum, Napoleons Untergang, bei der Schlacht von Waterloo nachspielen.

Im Gespräch mit einem Nachfahren

Nur wenige Häuser vom Essinger Rathaus entfernt lebt noch heute ein Nachfahr Josef Deifls. Willi Koller mit seiner Frau Roswitha.

Für die Ausstellungseröffnung stellte der 76-Jährige die erste Originalversion von „Onkel Josefs“ Kriegstagebuch zur Verfügung.

Schon als kleiner Bub wusste er um den besonderen Vorfahren, erzählt Willi Koller. Das Tagebuch war immer präsent in der Familie. Allerdings holte es die Mutter nur zu ganz besonderen Anlässen hervor oder wenn die napoleonische Zeit in der Schule Thema war.

Der Infanterist des 5. bayerischen Infanterie-Regiments aus Essing (1790 bis 1864) ist natürlich nicht Willi Kollers „Onkel“. In der Familie wurde er nur immer so genannt. Koller ist streng genommen Deifls Ur-Ur-Ur-Ur-Neffe.

Neben dem Tagebuch war in Kindertagen auch Deifls Marschtruhe noch im Hause Koller vorhanden, sagt Willi Koller. Sie war etwa 60 mal 40 Zentimeter groß. Sie war aus Holz und hatte Eisenbeschläge. Darin transportierte Deifl seine Habseligkeiten von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz.

Insgesamt dürfte Josef Deifl, der 1812 als Teil eines Ersatzkontingents für Napoleons Grande Armée bis nach Russland marschierte, als Soldat an die 5000 Kilometer zu Fuß quer durch Europa zurückgelegt haben, schätzt Essings Bürgermeister Jörg Nowy.

Das vollständige Tagebuch Deifls findet sich heute laut Koller im Armeemuseum in München. Mit der Nummer 646 ist es archiviert.

Die Ausstellung über Josef Deifl im Keller des Essinger Rathauses ist bis Oktober zu den üblichen Öffnungszeiten zu besichtigen.

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