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Digitale Energiewende hat Tücken

Stromerzeuger und auch viele Stromkunden sollen ab 2017 „gläsern“ werden. Lob und Kritik kommt aus der Region Kelheim.
Von Martina Hutzler

Ein intelligentes Messsystem: Der digitale Stromzähler zeigt Verbrauch und/oder Erzeugung sekündlich an und meldet die Werte via Kleincomputer an den Netzbetreiber.
Ein intelligentes Messsystem: Der digitale Stromzähler zeigt Verbrauch und/oder Erzeugung sekündlich an und meldet die Werte via Kleincomputer an den Netzbetreiber. Foto: Roland Weihrauch dpa

Kelheim. Photovoltaik- und andere Anlagen, die Strom aus erneuerbaren Energien (EE) ins Netz einspeisen, werden intelligent – und damit teurer für ihre Besitzer. Nach dem geplanten Gesetz zur „Digitalisierung der Energiewende“ sollen ab 2017 alle EE-Anlagen ab 7 Kilowatt installierter Leistung mit einem „intelligenten Messsystem“ nachgerüstet werden; also einem sendefähigen digitalen Stromzähler (Smart Meter) samt Kommunikationseinheit (Gateway). Einbau und Betrieb dürfen laut Gesetzentwurf 100 bis 200 Euro pro Jahr kosten, je nach Anlagen-Größe. Derzeit zahlen Kleinerzeuger im Schnitt rund 30 Euro pro Jahr für den „unintelligenten“ Messstellenbetrieb. Die Landkreise Kelheim und Landshut zum Beispiel wären besonders stark von dem Gesetz betroffen: Darauf weist der Landshuter Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gambke hin. Kritik am Vorhaben kommt auch vom Leiter des Photovoltaik- (PV)-Stammtischs, Bernhard Hegenberger aus Tettenwang.

Das Ziel: Das Energienetz soll besser steuerbar werden

Derzeit haben Stromkunden und auch EEG-Anlagen in der Regel einen analogen oder digitalen Stromzähler, den man nur vor Ort ablesen kann; danach erhält man eine Rechnung für bezogenen und gelieferten Strom. Seit Sonne und Wind immer mehr Strom sehr wetterabhängig beisteuern, bereitet den Stromversorgern die Gesamtsteuerung des Netzes Sorge. Daher wollen EU und Bundesregierung den Einbau intelligenter Messsysteme vorantreiben: Stromerzeuger, Stromverbraucher und die Stromnetz-Betreiber sollen Daten austauschen können; damit sollen sich Erzeugung und Verbrauch besser steuern lassen. Deshalb werden Smart Meter auch für Stromkunden zum Thema: für größere bereits ab 2017, ab 2020 dann könnten die Netzbetreiber jeden Endkunden mit intelligenten Messgeräten ausstatten. Spätestens dann dürfte die Debatte um den „gläsernen Verbraucher“ deutlich an Fahrt gewinnen.

Zunächst müssen sich Betreiber kleiner und mittlerer EEG-Anlagen auf Mehrkosten einrichten. „Mit nach Branchenangaben über 26.000 installierte PV-Anlagen in den Landkreisen Landshut und Kelheim trifft es diese Region besonders hart“, kritisiert Grünen-Bundestagsabgeordnete Gambke in einer Mitteilung, und nennt die Mehrkosten für Betroffene „unverhältnismäßig“. Denn der Gesetzentwurf werde „nicht begleitet durch einen entsprechenden Nutzen“ für eben jene Betroffenen. So komme das Gesetz einem „systematischen Stoppen der Energiewende und einem Schlag gegen den Mittelstand“ gleich.

Die Ausgangslage: Oft analog, selten digital, nie ausreichend

Ähnliches befürchtet Bernhard Hegenberger aus Tettenwang, Leiter des „PV-Stammtischs“. Es ist ein Forum von mittlerweile 488 Solarstrom-Erzeugern. „80 Prozent unserer Anlagen sind größer als 7 kW/p“, wären also schon ab 2017 zur Intelligenz verdammt. Wohl nur wenige Anlagen haben bereits einen sendefähigen digitalen Zähler. Und noch keine einzige hat ein gesetzeskonformes, weil BSI-zertifiziertes Smart-Meter-Gateway: Die sind noch gar nicht am Markt, bestätigt das Bundes-Wirtschaftsministerium unserer Zeitung.

Bernhard Hegenberger hält die Intelligenz-Nachrüstung für völlig übertrieben. Er glaubt zum Beispiel nicht, dass Netzbetreiber ausgerechnet die vielen kleinen PV-Anlagen abschalten würden, wenn etwa eine Überlastung des Netzes droht – sie müssten dann jedem Einzelnen den Ausfall zahlen. Grundlos also werde einmal mehr die Nutzung erneuerbarer Energien verteuert, ärgert sich der Solar-Pionier.

Er selbst beispielsweise zahlt bislang etwa 15 Euro für die Messstelle für sein Haus samt PV-Anlage. Müssen Anlagenbetreiber wie er künftig 100 und mehr Euro pro Jahr berappen, „wäre das Wahnsinn – und wieder eine Maßnahme, um der Energiewende Barrieren entgegenzusetzen“, schimpft Hegenberger. Profitieren würden von der zweckfreien „Gleichschaltung“ allenfalls Hersteller und Anbieter intelligenter Messsysteme.

Die Chancen, wenn alle miteinander kommunizieren

So kritisch sieht Thomas Gambke, Mittelstands-Beauftragter der Grünen im Bundestag, die „Digitalisierung der Energiewende“ nicht. Er fordert im Gegenteil sogar, nicht nur Energieerzeuger, sondern auch sämtliche Haushalte verpflichtend mit Smart Metern auszustatten: Nur so könne die Digitalisierung tatsächlich „zu Quantensprüngen beim Einsatz von erneuerbaren Energien und bei der Senkung im Energieverbrauch führen“, prognostiziert er. Denn Stromnetze müssen so ausgelegt sein, dass sie Spitzenbelastungen bewältigen. Senkt man diesen Spitzenwert, indem man den Verbrauch via intelligenter Messsysteme steuert, „könnte man die Netze viel kleiner dimensionieren“: Voraussetzung für eine regionale Energieversorgung, die ohne viele neue Fernleitungen auskomme.

Die Hürden vor Ort für die Umsetzung des Gesetzes

Auch für den Geschäftsführer der Stadtwerke Kelheim (SWK), Christian Kutschker, klappt die Energiewende nur mit Digitalisierung. Umso mehr alarmiert ihn, dass die Regeln dafür noch gar nicht stehen – obwohl es nächstes Jahr losgehen soll. Das Gesetz muss noch zwei Mal in den Bundestag, ferner in den Bundesrat; die Gateway-Hersteller „befinden sich aktuell in der Zertifizierung“, teilt das Wirtschaftsministerium auf Anfrage unserer Zeitung mit. „Das macht es uns schwer“, so Kutschker: Die SWK, die ihr Stromnetz selbst betreiben, tauschen – wegen der Eich-Vorschriften – jährlich 500 bis 1000 Zähler aus. Da würde man als Netzbetreiber schon gerne wissen, was künftig gesetzeskonform eingebaut werden kann, so Kutschker – auch wenn intelligente Systeme für die meisten Privatkunden frühestens 2020 oder auch gar nicht verpflichtend werden.

Kutschker schätzt jedenfalls, dass die Umrüstung Jahre dauern wird. So schnell wird es daher wohl auch nichts mit den Einsparungen bei Strombezug und -verbrauch, die nach Überzeugung des Ministeriums die Mehrkosten fürs Smart Metering wett machen: weil die intelligenten Systeme unmittelbar Einblick in den aktuellen Verbrauch geben und weil sie die Nutzung flexibler Tarife ermöglichen. Große, zumal energieintensive Firmen nutzen bereits Flexi-Tarife.

Aus diesem Kosten-Nutzen-Kalkül leitet das Ministerium auch konkrete Preisobergrenzen für Einbau- und Betrieb ab (Stichwort „Einbaufälle“). Freilich ohne „eine Verpflichtung, Preise über die Jahre und pro Jahr gleich zu lassen“, ergänzt Berlin auf Nachfrage unseres Medienhauses.

Die Zukunft für Stromlieferer und für Stromkunden

SWK-Geschäftsführer Kutschker und MdB Gambke verheißen den Energie-Anbietern in Zukunft ein neues Geschäftsmodell: Es will nicht mehr vorrangig möglichst viel Strom verkaufen. Sondern Dienstleister sein, der sich um einen optimalen Lieferservice bemüht. So ähnlich also wie Telekommunikations-Unternehmen, die mittlerweile auch großteils mengenunabhängige Flatrates anbieten, ergänzt Gambke. „Optimaler Service“? Nicht gerade das, was einem bei Telefon- und Internetanbietern in den Sinn kommt. „Jeder, der da skeptisch ist, hat ja Recht“, räumt er ein; aber „das muss die Politik eben gestalten.“ Und ebenso die Sicherheit der Daten.

Denn immerhin wird ein Haushalt ja ganz schön „gläsern“, wenn sich jeder einzelne Stromverbrauch zeitgenau verfolgen lässt. Ein riesiger Datenpool, Gold wert für Werbezwecke oder gar Kriminelle. Es sei in der Tat eine Herausforderung, so Gambke, die individualisierten Daten zu schützen und baldmöglichst zu einem Pool zu vereinen. Auch das Bundes-Wirtschaftsministerium räumt ein, dass „die Anwendungsfälle des Smart Metering (…) datenschutzrechtlich sensibel sind“ und auch Hacker-Angriffe auslösen könnten. Deshalb werde das Gesetz verbindliche Datenschutz-Profile und Technische Richtlinien auf hohem Standard festlegen.

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