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Frust sitzt tief bei den Naturschützern

Das Aus des Windparks im Paintner Forst bringt bei BN-Kreisgruppe Kelheim das Fass zum Überlaufen. „Aufreger“ gibt es einige.
Von Beate Weigert

  • Nach der Kehrtwende im Nachbarlandkreis in Sachen Windpark sieht der BN-Kreisvorsitzende „schwarz“ für die Energiewende. Foto: dpa
  • Es gibt auch Grund zur Freude: Etwa die 2014 nachgewiesene Rückkehr der Wildkatze im Dürnbucher Forst oder die Aussicht auf ein Naturschutzgebiet auf dem Areal des ehemaligen Bombodroms. Foto: dpa

Kelheim.Er und sein Vorstandsteam fühlen sich, als kämpften sie sprichwörtlich gegen Windmühlen. Vor allem die jüngste Kehrtwende im Nachbarlandkreis Regensburg und das daraus resultierende Aus für ein gemeinsames Windkraftprojekt im Paintner Forst hat für großen Frust bei der Kreisgruppe vom Bund Naturschutz (BN) Kelheim gesorgt, das gibt Vorsitzender Peter Forstner unumwunden zu. Es gibt aber auch noch andere Punkte, die dem Abensberger vor der Jahresversammlung des Kreisverbands am Freitagabend in Siegenburg aufstoßen.

Ziele der Energiewende ohne Windpark nicht zu schaffen

Denkt Peter Forstner an die aktuellen Entwicklungen in Deuerling und Nittendorf muss er sich aufregen. Die Gemeinderäte hätten sich von den Windkraftgegnern „drehen lassen“ und auf einmal gegen das geplante Vorhaben votiert. Ohne dieses interkommunale Windkraftprojekt könne der Landkreis Kelheim seine in unzähligen Foren und Arbeitskreisen über Jahre formulierten Ziele (Anm.d. Red. im Klimaschutzkonzept) in Sachen Energiewende kaum schaffen, sagt Forstner. Er sieht sie auf der Kippe. Ohne Windkraft sei eine dezentrale Energieversorgung gestorben oder zumindest wesentlich schwieriger. Mit zukunftsfähiger (Kommunal-)Politik hätten die aktuellen Entscheidungen nichts zu tun. In die Windkraft will die Kreisgruppe nun erst einmal keine Energie mehr stecken. Sollten in Zukunft nun Stromtrassen auch in der Region Thema werden, könnten dann ja die Windkraftgegner demonstrieren, schiebt Forstner verärgert hinterher.

Von 2100 Mitgliedern sind nur ganz wenige vor Ort aktiv

Am Samstag steht eine überregionale Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP in Regensburg an. Forstner hofft, dass sich diesmal mehr Mitglieder motivieren lassen, als bei der letzten Fahrt nach Berlin. Gerade mal drei Leute waren vertreten. Er war einer davon.

Dabei steht der Kreisverband eigentlich hervorragend da. Im vergangenen Jahr entschieden sich etwa 500 Landkreisbürger zu einer Mitgliedschaft. Damit stieg die Zahl der Unterstützer auf etwa 2100. „Das spricht dafür, dass wir die richtigen Themen ansprechen und dass die Leute, das was machen gut finden“, sagt Forstner.

Peter Forstner ist ratlos: Etwa 2100 Mitglieder hat der BN im Landkreis Kelheim, 2014 kamen 500 neue hinzu. Aktiv engagiert sich aber kaum jemand. Junge Unterstützer fehlen fast gänzlich.
Peter Forstner ist ratlos: Etwa 2100 Mitglieder hat der BN im Landkreis Kelheim, 2014 kamen 500 neue hinzu. Aktiv engagiert sich aber kaum jemand. Junge Unterstützer fehlen fast gänzlich.Foto: Archiv

Er will nicht falsch verstanden werden oder jemanden verurteilen. Aber von so vielen Mitgliedern müssten doch wenigstens zehn mehr als bislang auch vor Ort aktiv in Erscheinung treten können.

Beiträge seien natürlich genauso wichtig. Denn nur mit entsprechenden Mitteln sei des dem BN möglich Gutachten etc. erstellen zu lassen, um sich dem im Kleinen wie im Großen vorhandenen Bataillon von Lobbyisten aus Industrie, Landwirtschaft usw. entgegenzustellen. Der BN stoße gerade durch seine hauptsächlich ehrenamtliche Struktur auf Landkreis- wie größerer Ebene an seine Grenzen. Lokal habe auch der plötzliche Tod des zweiten Kreisvorsitzenden Reinhard Baumeister im vergangenen Frühjahr eine große Lücke hinterlassen.

Forstner betont, dass er seinen Job gern macht und seit zwölf Jahren auch viel dadurch zurückbekommt. Aber wenn er auf die Struktur der Mitglieder schaut, wird ihm vor der Zukunft doch ein wenig bange. Junge Unterstützer sind so gut wie nicht vorhanden. Vermutlich entstehe durch viele Projekte im Landkreis und auch die Arbeit des Landschaftspflegeverbands VöF der Eindruck einer „heilen Welt“ in der Region. „Dem ist aber nicht so.“

„Ferkelnest“ erzürnt die Bürger, Bienensterben lässt sie kalt

Große Sorgen bereiten Forstner und seinen Mitstreitern etwa die negativen Auswirkungen der zunehmenden Industrialisierung in der Landwirtschaft. Die gibt es auch im Landkreis Kelheim. Nitrat im Grundwasser, Bodenerosion, Massentierhaltung sind auch hierzulande ein Problem. Letzteres beweisen aktuell die Proteste gegen das „Ferkelnest“ in Irnsing. Dort wo die Landkreisbewohner unmittelbar betroffen sind, regt sich lautstarker Widerstand. Und das sei auch gut so.

Anderes passiert schleichend, sei aber nicht minder besorgniserregend. Das Bienensterben etwa oder der Rückgang der Artenvielfalt.

Vor allem jetzt im Frühling könne das jeder selbst feststellen. „Es wird immer stiller draußen in der Natur, was mir sehr zu schaffen macht“, so Forstner. „Haben Sie mal beobachtet, wie viele Insekten mittlerweile im Sommer an den Autoscheiben landen, da muss man kaum noch was sauber machen.“ Die Natur verändert sich. Das Summen von Bienen in den Bäumen wird immer leiser. Als Naturschutzwächter im Landkreis hat Forstner auch Wiesenbrüter wie den Kiebitz oder den Brachvogel im Blick. Letzterer kehrte in diesem Jahr so spät aus dem Süden zurück, dass Forstner schon Angst hatte, es gäbe ihn gar nicht mehr im Landkreis.

Weil überall die bewirtschafteten Flächen größer werden, genauso wie die Maschinen und Wiesen etwa bis zu fünfmal im Jahr gemäht werden, schrumpfen Lebensräume und durch den intensiven, jahrzehntelangen Spritzmitteleinsatz auch die Insekten. Somit wird Jahr für Jahr auch das Nahrungsangebot für die Vögel kleiner. „Es ist ein Teufelskreis.“. Auch andere Tiere wie der Feldhase sind betroffen. Wenn Forstner Themen dieser Art anspricht, bekommt er oft ein „Totschlagsargument“ zu hören: „Woanders ist es noch viel schlimmer.“

Naturnahe Landwirtschaft ist in der Praxis schwer umzusetzen

Forstner wettert aber nicht nur gegen die Landwirtschaft. Er und seine Kollegen saßen 2014 mit Bauern und Vertretern des Landwirtschaftsamts in einem Arbeitskreis zusammen. „Es gibt dort auch gute Leute, die die selben Probleme sehen, wie wir“, so der Kreisvorsitzende. Aber wenn er etwa auf die 2012 via Pilotprojekt im südlichen Landkreis angestoßene Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie blickt, fällt ihm nur ein Wort ein: „Alibi-Projekt“. Denn die Renaturierung von Abenszuflüssen und Sallingbach-Ufern auf rein freiwilliger Basis werde nicht zum Erfolg führen. „Das bringt nix, es müsste schon politisch gewollt sein.“

Wildkatze und Radula

machen Mut für die Zukunft

Um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, das Leben sei nur voller Windmühlen, verweist Forstner auch auf Themen, die ihm Mut machen. Die 2014 nachgewiesene Rückkehr der Wildkatze im Dürnbucher Forst oder Umweltbildungsprojekt Radula. Dessen 150 Veranstaltungen im vergangenen Jahr wurden von Familien stark nachgefragt. Und auch die Zukunft des ehemaligen Bombodroms in Siegenburg lasse hoffen.

Hauptversammlung und Demo

  • Tagesordnung:

    Am heutigen Freitag, 17. April, 19.30 Uhr, findet im Bräustüberl in Siegenburg die Jahresversammlung der Kreisgruppe des Bund Naturschutz Kelheim statt. Die geplante Agenda: 1. Begrüßung und Beschluss der Tagesordnung, 2. Tätigkeitsbericht 2014/15 des Vorsitzenden Peter Forstner, 3. Kassenbericht, 4. Aussprache und Entlastung, 5. Nachwahl von zwei stellvertretenden Vorsitzenden, 6. Perspektiven und Schwerpunkte der Arbeit im Jahr 2015, 7. Zu Gast beim Siegenburger Storch (Projekt „Storchenweg“), vorgestellt von Georg Flaxl, 8. Sonstiges, Wünsche und Anträge an die Kreisgruppe

  • Anti-TTIP-Demo:

    Am Samstag, 18. April, beteiligen sich die Mitglieder der Kreisgruppe an der Demonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP am Neupfarrplatz in Regensburg. Beginn: 13 Uhr. Im Rahmen eines globalen Aktionstages finden mehrere Demonstrationen im Freistaat statt.

  • Mitglieder:

    Die Kreisgruppe des Bund Naturschutz hat 2014 gut 500 neue Mitglieder gewonnen. Aktuell sind es etwa 2100. Vor allem Ältere und junge Familien entschließen sich zur Mitgliedschaft. Die „junge“ Generation ist dagegen fast kaum vertreten, bedauert Peter Forstner. (re)

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