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Roither Berg: Ein Profi soll’s richten

Die Strom- und Wärmeversorgung des Wenzenbacher Neubaugebiets kriselt. Jetzt übernimmt Naturstrom AG den Betrieb der Anlagen.
Von Christof Seidl, MZ

Die Energieversorgung am Roither Berg sorgt bei den Bauherren nach wie vor für einigen Verdruss. Foto: Strasser
Die Energieversorgung am Roither Berg sorgt bei den Bauherren nach wie vor für einigen Verdruss. Foto: Strasser

Wenzenbach.Es sollte ein Leuchtturmprojekt für die Region werden. Die Energieversorgung Wenzenbach GmbH (EVW) versorgt im Baugebiet „Roither Berg“ 118 Grundstücke umweltfreundlich und wirtschaftlich mit Wärme. Kraft-Wärme-Kopplung im eigenen Nahstromwerk garantiert zusammen mit einer intelligenten Steuerung hohe Effizienz. Noch im Januar erhielt EVW für dieses Konzept von bayerischen Wirtschaftsministerium die Auszeichnung „Gestalter der Energiewende“ zuerkannt.

Zu diesem Zeitpunkt gab es für die Grundeigentümer bereits jede Menge Ärger. Sie hatten sich im Kaufvertrag zur Abnahme der Nahwärme verpflichtet. Doch das Nahstromwerk ging zu spät in Betrieb, Wärme und Elektrizität gab es anfangs für die ersten Häuslebauer nur über das Baustromnetz, das den Belastungen kaum gewachsen war.

Mit der Organisation überfordert

Inzwischen läuft das Werk, die Energieversorgung funktioniert. Der Verdruss der Bauherren geht trotzdem weiter. Ein Grund ist die Stromversorgung, mit der die EVW organisatorisch und rechtlich überfordert ist. So ist nach Angaben von Wenzenbachs Bürgermeister Sebastian Koch bis heute nicht klar, ob es sich um ein Kundennetz oder ein regionales Versorgungsnetz handelt. Das Konzept am Roither Berg ist offenbar auch für die Bundesnetzagentur und die Landesregulierungsanstalt Neuland. Auf die Kunden hat dies keinen Einfluss, da die Versorgungssicherheit gesetzlich garantiert ist.

EVW-Chef Jochen Stierstorfer (links) erklärte den Abgeordneten und Bürgermeister Koch (rechts) im Nahstromwerk die aktuelle Lage. Foto: Seidl
EVW-Chef Jochen Stierstorfer (links) erklärte den Abgeordneten und Bürgermeister Koch (rechts) im Nahstromwerk die aktuelle Lage. Foto: Seidl

Anfang des Jahres holte die EVW den Regensburger Energieversorger Rewag an Bord, der das Netz pachtete und betrieb. Ende August endete diese Zusammenarbeit. Bei einem Ortstermin für den Landtagsabgeordneten Jürgen Mistol (Grüne) und seinen Parteikollegen im Bundestag, Stefan Schmidt, sagte EVW-Geschäftsführer Jochen Stierstorfer jetzt, dass geplant gewesen sei, das Netz an die Rewag zu verkaufen, dies sei aber an einem zu niedrigen Angebot gescheitert. Aufseiten der Rewag heißt es dazu, dass ein Kauf das Ziel gewesen sei. Es habe im August auch einen abschlussreifen Vertragsentwurf gegeben, den die EVW mitgestaltet, dann aber nicht mehr unterschrieben habe. Das Pachtverhältnis habe dann ordnungsgemäß Ende August geendet.

Vonseiten der Anwohner gab es auch Vorwürfe an die Adresse der Gemeinde Wenzenbach. Sie hätte sich nicht auf ein Start-up-Unternehmen einlassen dürfen, zumal es wegen der Verflechtung von Grundstücksgesellschaft und EVW keinen Konzessionsvertrag gebe. Das sei nicht gerechtfertigt, kontert Bürgermeister Sebastian Koch. Der Gemeinderat habe bei der Ausweisung des Baugebiets festgelegt, dass dort ein nachhaltiges Energiekonzept greifen soll. Auf die Ausgestaltung habe die Gemeinde keinen Einfluss gehabt. Koch betonte, er habe sich wiederholt darum bemüht, eine Gesprächsrunde mit allen Betroffenen zu organisieren, dies sei aber an der EVW gescheitert.

Bei dem Ortstermin präsentierte der EVW-Geschäftsführer nun eine gute Nachricht: Man habe mit der Naturstrom AG einen professionellen Nachfolger gefunden, der bereits die Betriebsführung übernommen habe und sich langfristig engagieren werde. Das Unternehmen werde auch das innovative Energieversorgungskonzept beibehalten.

Kein öffentliches Stromnetz

Die Naturstrom AG mit Sitz in Düsseldorf bestätigte auf Anfrage der Mittelbayerischen, dass es einen Kooperationsvertrag mit der EVW gibt. Man übernehme den Betrieb des Wärmenetzes, des Heizhauses sowie des Stromnetzes. Letzteres betreibe die EVW „derzeit als sogenannte Kundenanlage, also nicht als Netz der öffentlichen Versorgung“. Aktuell würden Fachleute von Naturstrom Detailinformationen zusammentragen, um eine sichere Versorgung gewährleisten zu können. Anfragen von Anschlussnehmern sollen bereits direkt an Naturstrom geleitet werden.

In dem Gespräch mit den Abgeordneten räumte Stierstorfer ein, dass beim Aufbau der Energieversorgung viel schief gelaufen sei. Er hatte mit seiner Roither Berg Grundstücksentwicklungs GmbH das Baugebiet erschlossen und die EVW mit initiiert. Es sei aber nicht sein Plan gewesen, bei der EVW das Ruder zu übernehmen. Die Zusammenarbeit mit dem ursprünglichen Geschäftsführer habe jedoch überhaupt nicht funktioniert. Dessen Vorstellung, dass sich das Nahstromwerk über eine Genossenschaft finanziert, habe sich als nicht realisierbar herausgestellt. Letztlich seien er und sein Partner mit eigenem Vermögen eingestiegen. „Wir bezahlen hier für Fehler, die wir nicht begangen haben, aber das ist unser unternehmerisches Risiko.“

Streit um die Anschlusskosten

Fehlender Baustrom verzöger und verteuere die Bauarbeiten am Roither Berg, kritisieren Bauherren. Foto: Strasser
Fehlender Baustrom verzöger und verteuere die Bauarbeiten am Roither Berg, kritisieren Bauherren. Foto: Strasser

Für die Häuslebauer am Roither Berg ist der Ärger auch jetzt nicht vorbei. Zwei Bauherren, die nicht namentlich genannt werden wollten, beklagten Mitte Oktober im Gespräch mit der Mittelbayerischen, dass sie keinen Baustrom erhalten hätten. Laut Stierstorfer lag dies daran, dass die Anschlüsse nicht vorbereitet gewesen seien. Zuvor hatte es nach Anwohnerangaben Ärger gegeben, weil Baustromanschlüsse noch bei der Rewag beantragt worden waren, die dann aber gar nicht mehr zuständig war. „Mir ist egal, war da an was schuld ist. Wenn ich keinen Baustrom habe, verzögern sich die Arbeiten und das kostet bares Geld“, sagte ein Bauherr.

Großen Ärger bereiten auch die Kosten für die technisch aufwendigen Übergabestationen. Jeder Bauherr muss sein Haus über eine solche Station an das Nahwärmenetz anschließen. Im Preisblatt stünden Fixkosten von unter 5000 Euro für die Technik plus Einbaukosten, erklärte ein Bauherr. Jetzt gehe es in seinem Fall um fast 14000 Euro. „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen“.

Mehrere Anwohner hätten wegen der Anschlusskosten Anwälte eingeschaltet, bestätigte Stierstorfer. Er bleibt in die Sache hart. Es handle sich um die realen Kosten, die EVW verdiene daran nichts. Die Erfolgsaussichten der Kläger seien gering. Diese Klagen seien auch der Grund, warum die EVW an einem runden Tisch keine Aussagen machen könne.

Das Energieversorgungskonzept

  • Ausstattung:

    Kernstück ist das Nahstromwerk mit 440 KW elektrischer sowie 630 KW thermischer Leistung und 40 000 Liter Wasserspeicher. Dazu kommen Wasserspeicher in den Häusern mit je 950 Litern. Alle Speicher werden mit Nahwärme oder mit einer eingebauten Stromheizung erwärmt.

  • Besonderheit:

    Das Regelsystem kann vorhandene Energieflüsse bündeln und optimieren sowie Stromüberschüsse aus regenerativer Energieerzeugung nutzen.

  • Konzept:

    Dieses Konzept wurde zusammen mit Universität und OTH Regensburg entwickelt.

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