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Von grünem und grün-gewaschenem Ökostrom

Der Kreis Kelheim ordert den Strom für seine Liegenschaften neu. Das Ziel „Energiewende“ verfehlt er dabei, rügt die ÖDP.
Von Martina Hutzler

Ökostrom stammt aus erneuerbaren Energiequellen. Der „Herkunftsnachweis“ allerdings hat es in sich.
Ökostrom stammt aus erneuerbaren Energiequellen. Der „Herkunftsnachweis“ allerdings hat es in sich. Foto: dpa

Kelheim.Wie „grün“ ist „Ökostrom“ und wie ernst ist es dementsprechend den Kommunen mit der Energiewende vor Ort, wenn sie ihren Strombezug auf „Ökostrom“ umstellen? Diese Frage wirft ÖDP-Kreisrat Peter-Michael Schmalz aus Langquaid jetzt auf: Er kritisiert, dass der Landkreis Kelheim bei seinem nächsten Stromliefer-Vertrag ab 2017 zwar wieder ausschließlich den „grünen Strom“ ordern will, aber auf genauere Vorgaben bei der Ausschreibung verzichte, kritisiert Schmalz: Damit handle man sich womöglich „grün gewaschenen“, aber konventionell erzeugten Strom („Graustrom“) ein.

Unter Ökostrom versteht man landläufig Elektrizität, die aus erneuerbaren Quellen stammt: Wasser- und Windkraft, Photovoltaik-Anlagen, Biogas. Ein Energieversorger, der seinem Kunden solchen Strom aus erneuerbaren Energien verkauft, muss für die gelieferte Menge so genannte Herkunftsnachweise entwerten. Solch ein Nachweis besagt, dass eine Megawattstunde (MWh) Strom aus einer bestimmten Anlage, die erneuerbare Energie erzeugt, ins Stromnetz eingespeist wurde.

Keineswegs gesagt ist allerdings beim „normalen“ Ökostrom, dass der Energieversorger von dem Anlagenbetreiber, dessen Zertifikat er „verbraucht“, auch tatsächlich den Strom bezieht. Vielmehr kann er die zu liefernde Strommenge an einer Strom-Börse erstehen und die dafür nötige Menge an Herkunftsnachweisen separat zukaufen (in Deutschland sind die Nachweise beim Umweltbundesamt registriert). Kritiker nennen dies „Greenwashing“: So wird auch aus „grauem“ Strom auf dem Papier „grüner“ Strom.

Wird hingegen eine Koppelung von Anlage und Herkunftsnachweis eigens vereinbart, dann spricht man von so genanntem „qualifizierten Ökostrom“. Einen solchen auszuschreiben, hat jüngst aber der Kreisausschuss des Kreistags in nichtöffentlicher Sitzung abgelehnt, kritisiert ÖDP-Fraktionssprecher Schmalz. Stattdessen sei „mit knapper Mehrheit“ beschlossen worden, dass man sich an einer Bündel-Ausschreibung der Firma „Kubus“, einer Dienstleistungs-Tochter der kommunalen Spitzenverbände, beteiligt. Bei der spiele die Koppelung von Strom und Zertifikat keine Rolle.

„Absolut ökologisch“

Auf eine MZ-Nachfrage dazu teilte die Kreisverwaltung lediglich schriftlich mit, „die Vergaben für Stromlieferverträge, die vom Kreisausschuss beschlossen wurden, beinhalten 100 Prozent Ökostrom aus Wasserkraft. Klimaneutraler 100-Prozent-Ökostrom aus erneuerbarer Energie (Wasserkraft) ist absolut ökologisch und eine saubere Lösung.“ Auf die Frage, warum offenbar von einer Ausschreibung von „qualifiziertem Öko-Strom“ abgesehen wurde, ging die Pressestelle nicht näher ein. Im vorigen Jahr seien für die Landkreis-Einrichtungen rund 1942 Megawatt-Stunden Strom benötigt worden.

Eine Debatte um die „Herkunft“ von Strom ist eigentlich gar nicht möglich: Aller Strom, der nicht direkt zum Eigenverbrauch dient, fließt ins europaweite Stromnetz – da verliert sich seine Spur. Wenn in Vergabeverfahren trotzdem von einer „Direktlieferung“ des Stroms die Rede ist, dann ist damit eine bilanzielle Übereinstimmung gemeint, erklärt Rechtsanwältin Dr. Selma Konar von der auf die Energie- und Infrastruktur-Branche spezialisierten Kanzlei Becker, Büttner, Held (BBH): Als Ausschreibungskriterium sei dann festgelegt, dass der Energieversorger beim Anlagenbetreiber den Strom und die Herkunftsnachweise gekoppelt erwirbt. Bei BBH lege man in der Ausschreibung ferner ein Punktesystem für die Energieanlagen fest: je neuer sie sind, um so besser wird das Ausschreibungsergebnis gewertet.

Das sei als Ausgleich dafür gedacht, dass Neuanlagen die Energie in der Regel teurer erzeugen als alte, längst abgeschriebene Kraftwerke. Nur auf diese Weise, argumentiert Rechtsanwältin Konar, könne man zum Beispiel die Energiewende in Deutschland wirklich voran bringen.

Denn das Problem beim europaweiten Handel mit Herkunftsnachweisen ist aus ökologischer Sicht, dass die Nachweise allzu reichlich auf dem Markt sind – beispielsweise gibt es in den skandinavischen Ländern seit langen Jahren viele Wasserkraftwerke, deren Betreibern Zertifikate zustehen. Weil an Zertifikaten also kein Mangel herrscht, verfehlt dieses System sein eigentlichen Ziel, nämlich den Ausbau der erneuerbaren Energien anzukurbeln, kritisiert ÖDP-Politiker Schmalz.

Anders als im Kreisausschuss war er in seiner Heimatgemeinde Langquaid mit seinem Vorstoß für „qualifizierten Ökostrom“ erfolgreich: Dort wurde eine entsprechende Ausschreibung über die Kanzlei BBH bereits für die aktuelle Lieferperiode durchgeführt, und auch für die nächsten beiden Jahre ab 2016 will sich Langquaid wieder der Bündel-Ausschreibung von BBH anschließen. Laut deren Mitarbeiterin Dr. Konar tun dies bayernweit 20 bis 30 Städte, Gemeinden und Zweckverbände.

„Klimaschutz-Ziel verfehlt“

Auch der Wasserzweckverband Rottenburg/Laaber (WZV), von dem auch Landkreis-Kommunen wie Abensberg und Langquaid ihr Wasser beziehen, wird seinen Strombedarf ab 2016 mit qualifiziertem Ökostrom decken, berichtet Schmalz, der dem WZV als Verbandsrat angehört. Begründung für den Beschluss sei gewesen, dass aus Sicht des WZV die Kubus-Ausschreibung nicht zum Klimaschutz-Ziel beitrage, den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern – was ein Hauptargument für den Bau von Erneuerbare-Energien-Anlagen ist.

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