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„Bauer sucht Brauer“ in Oberumelsdorf

Thomas und Martina Kiermeier gehen neue Wege im Hopfenanbau: Sie setzen auf Direktvermarktung – und den Charakter ihrer Böden
Von Martina Hutzler

Martina und Thomas Kiermeier in einem Hopfengarten mit dem Special Flavour Hopfen „Ariana“ – er hat Aromen wie Grapefruit, Cassis, Geranie, Stachelbeere. Bei dieser ganz neuen Sorte stammt rund ein Viertel der weltweiten Erzeugung aus ihrem Oberumelsdorfer Betrieb. Foto: Hutzler
Martina und Thomas Kiermeier in einem Hopfengarten mit dem Special Flavour Hopfen „Ariana“ – er hat Aromen wie Grapefruit, Cassis, Geranie, Stachelbeere. Bei dieser ganz neuen Sorte stammt rund ein Viertel der weltweiten Erzeugung aus ihrem Oberumelsdorfer Betrieb. Foto: Hutzler

Siegenburg.Ein „Grundnahrungsmittel“ wie einst ist Bier auch in Bayern nicht mehr. Aber nach Jahren, in denen zunehmend Industrietechnologie die Braukunst ablöste, erleben derzeit kleinere handwerkliche Brauereien einen Aufschwung. Das lässt Thomas Kiermeier hoffen: Der Oberumelsdorfer Hopfenpflanzer will auf Dauer nicht anonymer Zulieferer in der globalen Hopfen-Handelskette bleiben. Sondern sich direkte Vermarktungswege erschließen: vom Pflanzer zum Brauer. Für ihn und seine Frau Martina gehört das und noch viel mehr zu einem nachhaltigen Wirtschaften. Deshalb haben sie die „green products GmbH“ gegründet.

Nicht mehr nur nach Sorten, sondern auch nach dem Anbau-Standort differenzieren die Kiermeiers mit ihrer Direktvermarktung „green products“. Foto: Hutzler
Nicht mehr nur nach Sorten, sondern auch nach dem Anbau-Standort differenzieren die Kiermeiers mit ihrer Direktvermarktung „green products“. Foto: Hutzler

Die Grundsteine dafür hat das junge Paar gelegt, als der heute 33-Jährige vor neun Jahren den Hof seiner Eltern übernahm. Der gelernte Landwirt nutzte berechnete als Abschlussarbeit seiner Meister-Ausbildung die Zielgrößen seines eigenen Betriebs. Das Paar vergrößerte dann den reinen Hopfenbau-Betrieb von rund 20 auf heute 61 Hektar, investierte kräftig in die Technik. Damit hoffen sie nun gewappnet zu sein, wenn sich früher oder später die aktuell recht bier-seligen Zeiten wieder ändern. Damit rechnet Thomas Kiermeier fest.

Extreme Marktschwankungen

„Hopfen ist der am stärksten schwankende Markt im Agrarbereich“: Ausschläge beim Bierkonsum bekommen die Erzeuger der Grundzutat Hopfen um ein Vielfaches verstärkt zu spüren, so seine Erfahrung. Verdächtig lange schon laufen Anbau und Verkauf auf Hochtouren. Ein Grund dafür ist der Boom so genannter „Craft“-, also „handwerklich gebrauter“ Biere, die auf traditionelle Technik, aber sehr individuelle, oft auch unkonventionelle Geschmacksrichtungen setzen.

Dieser Geschmack wird in erster Linie geprägt von Menge, Sorte und Qualität des eingesetzten Hopfens. Also eine naturgegebene Schnittstelle zwischen Bauer und Brauer, findet Martina Kiermeier: „Die Brauer wollen wissen: Wo kommt der Hopfen her? Und wir wollen wissen: Wo kommt unser Hopfen hin?“ Das zu wissen, hat für die beiden sogar etwas mit Lebensgefühl zu tun: „Man bekommt einen anderen Blick auf die Wertigkeit seines Produkts“, als wenn man es beim Handel nur abliefert.

Das „grüne Gold der Hallertau“

  • Hopfen:

    Der Blütenstand des Hanfgewächses, die Dolde, enthält Bitterstoffe, ätherische Öle und Polyphenole. Bei den Bitterstoffen ist die „Alpha(lupulin)säure“ relevant für den Preis der Rohware. Die ätherischen Öle sind wichtige Aroma-Geber, gerade für „Craft“-Biere. Polyphenole machen Hopfen gesund: Sie fangen freie Radikale.

  • Nahrung:

    Wie alle Hochleistungs-Pflanzen haben die Hopfenreben hohen Nährstoffbedarf. Um den Kunstdünger-Einsatz zu senken, hat Thomas Kiermeier eine eigene Kompostier-Anlage erbaut, die er mit Material aus dem eigenen Betrieb, Pferdemist und Zusatzstoffen füttert. Auch mit „Biokohle“ (Terra preta) experimentiert er.

  • Wachsen:

    Die Hallertau ist das weltgrößte Hopfen-Anbaugebiet. In die Kritik geraten ist der großflächige Anbau wegen Dünger- und Pestizid-Eintrag ins Grundwasser und der Erosionsgefahr aus „nackten“ Hopfengarten-Böden. Beides lasse sich minimieren, so Kiermeier: mit bodenschonenden Verfahren wie intensiven Zwischenfruchtanbau.

  • Verarbeitung:

    Die Dolden werden nach der Ernte noch in den Betrieben getrocknet. Um ihre Inhaltsstoffe besser zu konservieren, werden sie danach in Anlagen wie der Hopfenveredlung St. Johann – sortenrein – zu Hopfenpellets verarbeitet. Als solche werden sie von den Brauereien dann zusammen mit Gerste, Malz und Wasser verarbeitet.

Vor allem aber sind es wirtschaftliche Überlegungen, an denen Kiermeier seine Arbeitsweise ausrichtet: Er will unabhängiger werden von Dritten – in der Vermarktung, und bereits in der Erzeugung. Der Zukauf von Dünger und auch von Spritzmitteln lässt sich minimieren, wenn der Bodenaufbau im Hopfengarten stimmt, ist sich Kiermeier sicher, der gerade eine Fortbildung als „Bodenpraktiker“ absolviert. Zunächst muss er dafür einiges an Aufwand und Geld investieren, „aber langfristig zahlt sich das um ein Vielfaches aus“.

Bodenschonendes Wirtschaften zahlt sich langfristig aus, ist Thomas Kiermeier überzeugt. Intensiver Zwischenfrucht-Anbau soll die Bodenstruktur verbessern und gleichzeitig die Erosionsgefahr verringern. Foto: Hutzler
Bodenschonendes Wirtschaften zahlt sich langfristig aus, ist Thomas Kiermeier überzeugt. Intensiver Zwischenfrucht-Anbau soll die Bodenstruktur verbessern und gleichzeitig die Erosionsgefahr verringern. Foto: Hutzler

Die Winzer machen’s vor

Den Boden sieht er auch im Hinblick auf die Direktvermarktung, die er stetig ausbauen will, als größtes Kapital. Winzer werben längst gezielt damit, wie Böden und Lagen ihrer Weinberge den Geschmack ihrer Weine beeinflussen. Dass dieses „terroir“ auch die Hopfen-Aromen beeinflusst, ist für Kiermeier gleichermaßen Fakt wie für die „Craft“-Brauer, deren Biere meist einen deutlich höheren Hopfengehalt haben als Standardbiere.

Statt in Kunstdünger haben die Kiermeiers lieber in eine eigene Kompostieranlage investiert. Foto: Hutzler
Statt in Kunstdünger haben die Kiermeiers lieber in eine eigene Kompostieranlage investiert. Foto: Hutzler

Handwerks-Brauer, erzählt er, fragen längst nicht mehr nur nach Sorten, sondern auch nach Wuchsstandorten des Hopfens. Unmittelbar nach der Verarbeitung seiner Rohware – in der Hopfenveredelungsanlage im nahen St. Johann – kann Kiermeier darauf noch antworten: Von dort erhält er die fertigen Pellets partien-weise, kann sie also bestimmten Schlägen zuordnen. Mit Abgabe an den Handel wäre diese Nachverfolgbarkeit passé.

Um als Direktvermarkter seinen künftigen Brauer-Kunden Qualitäts- und Liefersicherheit gewährleisten zu können, will er ein Netzwerk aus gleichgesinnten Pflanzer-Kollegen aufbauen. Als Gegner der üblichen Vermarktungswege – die großen Handelshäusern und die Verwertungsgenossenschaft – sehen sich die Kiermeiers nicht. Sie nutzen ja selbst die klassischen Wege weiterhin – aber eben nicht mehr ausschließlich: Das sei ihm auf Dauer auch unternehmerisch „zu langweilig“, ergänzt Thomas Kiermeier schmunzelnd.

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