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Sonntag, 25. Februar 2018 -3° 1

Musik

Belastungs-Probe für die Chöre

Die Vielfalt in Kelheims Chorlandschaft wächst – aber auch die Mühsal, die Reihen geschlossen zu halten. Aktive geben Tipps.
Von Martina Hutzler

Glücksgefühle, Abwehrkräfte, Sozialkompetenz: Forscher schreiben dem Singen viel Positives zu. Foto: Martin Schutt/dpa

Kelheim.Deutschland sucht den Superstar – aber viele Chöre wären schon froh um grundsolide Sängerinnen und Sänger. Viele, oft traditionsreiche Formationen auch im Kreis Kelheim haben Nachwuchssorgen. Andererseits, schätzt Kreis-Chorleiterin Veronika Bertsch, wächst die Zahl der Kelheimer Chöre eher, und auch ihre Bandbreite: von Projektchören, die sich für befristete Zeit zusammentun, bis zu fast professionell gemanagten Ensembles wie etwa MarCanto oder den Wolperdinger Singers. Die Lust am Singen ist offenkundig groß. Aber daraus zukunftsträchtige Chöre zu formieren, bleibt eine echte Herausforderung.

Aus eins mach’ fünf

Davor standen vor zehn Jahren zum Beispiel die Paintner Kalkspatzen. Den traditions- und erfolgreichen Männerchor plagten doch Zukunftssorgen: ein Jugendchor sollte her!

Wer die Zukunft eines Chores sichern will, muss seine Angebote auch schon an die Jüngsten richten. Foto: Alexandra Stober/dpa

„Das war anfangs brutal schwierig“, aber es hat einen Boom ausgelöst, bilanziert Vereinschef Franz Wutz, der heute einem „Spatzen-Quintett“ vorsteht: Männerchor, zwei Kinderchöre, das junge Ensemble „quer.beat“ und seit einem Jahr die Damen-Riege „Tuschur“: Insgesamt sind fast 96 Sänger/innen im Verein aktiv – im knapp 2300-Seelen-Ort Painten, wo es noch weitere Formationen wie den Kirchenchor gibt!

Das Männerensemble ist die „Urform“ der Paintner Kalkspatzen. Mittlerweile gehören vier weitere Chöre zum Verein. Foto: Wutz

„Manpower und eine finanzielle Basis“: Das sind für Vroni Bertsch Voraussetzungen für solche Entwicklungen. Denn die klassischen ehrenamtlichen Chorleiter, die sich auf privater Basis aus- und weiterbilden, werden immer seltener. „Und ein Profi kostet eben Geld“, zu Recht, findet Bertsch. „Einen Chor zu leiten, ist richtig Arbeit!“ Stücke auswählen und sie Stimme für Stimme erst mal selbst erarbeiten, Proben organisieren und instrumental begleiten, das Repertoire auftrittsreif einstudieren: alles kein Pappenstiel.

Die Paintner hatten Glück: Mit Raphaela Geß leitet ein „Eigengewächs“ mittlerweile alle drei Nachwuchs-Gruppen. Auf freiberuflicher Basis, mit Chorleiter-Vergütung. Denn „wer was tut, soll das nicht umsonst machen“, bekräftigt Franz Wutz. Immerhin hat sich Geß drei Jahre lang in Alteglofsheim zur „staatlich anerkannten Kinder- und Jugendchorleiterin“ weitergebildet. So eine Qualifizierung sei natürlich ideal – entscheidend aber sei die Begeisterungsfähigkeit, der richtige Draht zu den jungen Leuten, findet Wutz.

Dem stimmt Rita Niederhammer aus Niederumelsdorf voll zu: Als „Chorfamilie“ sieht sie ihre „Kolibris“, und sich selbst eher als „Chormutter“ denn als Chefin. Vor 28 Jahren hatte sie, selbst grad Mama geworden, mit Grundschülern das Singen begonnen – seither sind die „Kolibris“ als Erwachsenen-Chor flügge geworden. Schule, Studium, Beruf, Hochzeiten ihrer „Küken“ hat Rita Niederhammer miterlebt, „geblieben ist immer ein tolles Miteinander“. Das sieht sie als Geheimrezept dafür, dass trotz Umzügen, Schichtarbeit, Familienverpflichtungen die 14-köpfige – jetzt rein weibliche – Truppe zusammenhält: „Zur Probe sind nie alle da. Aber zum Auftritt kommen alle – und alle können’s!“

Rita Niederhammer (re.) ist Chorsängerin und -leiterin durch und durch. Für sie ist Singen „a reine Freud’!“ Foto: Einsle

Ambitionierte musikalische Ziele – aber dazu eben Anschluss, Geselligkeit: Mit der Mischung hofft Franz Wutz auch künftig so viele Jüngere ins Männerensemble zu holen, dass den „Kalkspatzen“ das Schicksal der Überalterung erspart bleibt, das andernorts schon Liederkränze und Chöre verstummen ließ. Publikum finde sich nämlich fürs Repertoire solcher Chöre durchaus, beobachtet er, etwa bei den „Kurkonzerten“ in Bad Abbach: Gassenhauer wie „La Montanara“, Traditionelles wie „Am Brunnen vor dem Tore“ und Frisch-Fröhlich-Zeitgenössisches – so ein Mix komme an, sagt Wutz. Aber man müsse die Grenzen seines Ensembles kennen: im Zweifel lieber eine Nummer einfacher, als mit einem schwierigen Stück den Chor zu überfordern. Und komplett Neues, wie die „Mundpercussion“ – das überlässt er auch lieber dem experimentierfreudigen Nachwuchs unter Raphaela Geß.

Ihr nimmt dafür den Verwaltungskram ab: „Junge, motivierte Chorleiter sollten sich voll auf die Musik konzentrieren können“, ist Wutz überzeugt. Gema, Versicherungen und Co., das managt der Vereinsvorstand, hält auch Kontakt zum Bayerischen Sängerbund (BSB) und seiner Niederlassung, dem Sängerkreis Kelheim e.V.. Diese Verbandsarbeit kostet Zeit, bringt aber Geld: Gerade für die Jugendarbeit gewähren BSB und Bayerischer Musikrat stattliche Zuschüsse, etwa für Noten oder Fahrten zu Chor-Treffen.

Ein musikalisches Land

  • Statistik:

    Aus vielen Erhebungen zum Musizieren leitet das „Deutsche Musikinformationszentrum“ eine „vorsichtige Schätzung“ ab: Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland musizieren in der Freizeit, also ca. 17 Prozent der Bevölkerung (Stand 2014). Von ihnen gehören etwa vier Millionen Jugendliche (ab 14) und Erwachsene einem Laien-Chor an. Und mindestens zwei Mio. Kids (2 bis 13) musizieren in der Freizeit regelmäßig.

  • Forschung:

    „Singen ist gesund“, berichtet das „Alumniportal Deutschland“: Es stärkt u.a. die Sozialkompetenz, wenn man sich im Chor integrieren muss. Und Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Singen den Körper anregt, den Abwehrstoff Immunglobulin zu produzieren. Außerdem bewirkt Musizieren die Ausschüttung von Glückshormonen.
    (hu / Fotos: Alexandra Stober/ Doreen Fiedler, dpa)

Wem vor solch klassischer Vereinsarbeit graut, der sucht oder gründet immer öfter einen „Projektchor“: Man studiert ein großes Werk ein, danach geht jeder wieder seiner Wege. Viele geben diesem Trend Mitschuld am Niedergang traditioneller Chöre.

Projektchor: Fluch oder Segen?

Anders Vroni Bertsch und Franz Wutz: Ambitionierten Sänger/innen falle der Weg in Projektchöre, ohne „Zwangsmitgliedschaft“ im Verein, viel leichter, beobachten beide. Und vielen gefällt’s dann in der Gemeinschaft doch so gut, dass das Provisorium doch zum Dauer-Chor wird – oder der „Sänger auf Zeit“ sich ein festen Ensemble sucht.

Unseren Bericht zur Situation kirchlicher Chöre lesen Sie hier!

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