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Via Nova

Pilgern vor der Haustür auf neuem Wege

In der Natur über Gott und die Welt nachdenken: Das liegt im Trend. Jetzt gibt es einen neuen Rundkurs im Kreis Kelheim.
Von Martina Hutzler

  • „Warum denn in die Ferne schweifen…“: Die Via Nova führt jetzt auch als Schleife durch den Kreis Kelheim. Eine Station ist das Kloster Rohr. Foto: Dr. Stefan Satzl
  • Unser Etappenziel: „St. Elisabeth“ in Kirchdorf Fotos: Hutzler
  • „Ich bin hier praktisch der ,Hausmeister’“, sagt Franz Keil über sich selbst und sperrt uns das Kirchdorfer Gotteshaus eigens auf.

Kelheim. „Ich bin dann mal weg“? Schön, wenn‘s immer so einfach wäre! Ein paar Wochen ausklinken, um nach Santiago de Compostela zu pilgern – wer hat dazu schon die Zeit und/oder das Geld?! Die Alternative lautet: Pilgern vor der Haustür. Ein Angebot dazu gibt es in unserer Region schon – der „Ostbayerische Jakobsweg“ durchquert den Landkreis Via Kelheimwinzer, Weltenburg und Altmannstein. Seit neuestem gibt es bei uns einen „neuen Weg“, der (auf lateinisch) auch noch so heißt: die „Via Nova“. Für den Kelheimer Teil dieses ökumenischen „Europäischen Pilgerwegs“ gilt, der Weg ist das Ziel – der Kurs führt zwar im Kreis, aber besucht viele interessante Kirchen und Klöster und durchstreift eine abwechslungsreiche Landschaft. Und er lehrt im Kleinen, was man auch von großen Routen kennt. Zum Beispiel, dass man bei aller Vertiefung die Wegweiser im Blick behalten sollte. Und dass man auf den rechten Weg mitunter nur durch Linksabbiegen gelangt…

Fachkundige Begleiter für die MZ-Reporterin: Gregor Tautz und Renate Möllmann
Fachkundige Begleiter für die MZ-Reporterin: Gregor Tautz und Renate Möllmann

Ja, zugegeben: Das waren jetzt zwei Echtzeit-Erkenntnisse. Gewonnen auf einer Test-Pilgertour der MZ-Reporterin mit zwei an sich sehr gewieften Pilgerexperten: Gregor Tautz, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) hat sich mit uns auf den Weg gemacht sowie Renate Möllmann. Die Regensburger Stadtführerin hat sich zusätzlich zur Begleiterin für Pilgertouren weitergebildet. Und sich dabei auch selbst weiterentwickelt, wie sie im Lauf der Tour erzählt.

Doch erst mal den Einstieg finden in die „Via Nova“, hier am Ortsende von Rohr! Was wir prompt verpassen, weil wir zu sehr nach passenden Fotomotiven Ausschau halten. So stoßen wir erst etwa 200 Meter weiter aufs erste gelbe Schild, mit dem zwischen dem österreichischen Wolfgangsee und dem tschechischen Príbram die verschiedenen Weg-Varianten markiert sind.

In beiden Richtungen zielführend

Eines der neuen Dinge am „neuen Weg“ ist nämlich der Umstand, dass die Nutzer nicht eine direkte Route und ein „großes“, einziges Ziel vor Augen haben, wie es bei den Jakobspilgern mit Santiago de Compostela der Fall ist. Man kann den „Europäischen Pilgerweg“ in die beiden großen Richtungen, nach Norden und nach Süden, gehen und dabei auch Abstecher einlegen und Schleifen, wie eben seit neuestem die Kelheimer Runde.

Ob geradeaus oder im Kreis – das Selbstverständnis der „Via Nova“ ist auf allen Streckenabschnitten dasselbe, nämlich eine „Wegweisung für das 21. Jahrhundert“ zu sein. Über den Sinn des Daseins, den Weltfrieden und die Bewahrung der Schöpfung nachzudenken, seinen Alltag zu entschleunigen oder Mäßigung zu üben – das lässt sich zwischen Schärding und Kirchdorf am Inn genauso praktizieren wie zwischen Rohr und Kirchdorf im Kreis Kelheim.

Vorab üben sollte man freilich auch die Nutzung der gelben Wegweiser. Man muss schon genauer hinschauen, welcher Spitze des dreieckigen Pfeils man folgen soll. Stellen wir fest, als wir in der Rohrer Flur plötzlich gar keinen mehr finden und umdrehen müssen.

Man muss schon genau hinschauen, wo einen Pfeil hinschickt…
Man muss schon genau hinschauen, wo einen Pfeil hinschickt…

Renate Möllmann nimmt’s gelassen – sie ist ja „nur“ Expertin für den Ostbayerischen Jakobsweg. Dieser und nun auch die Via Nova sind zwar so gut ausgeschildert, dass man sie auch auf eigene Faust gehen kann. „Aber es gibt viele Leute, die sich alleine nicht trauen. Oder sich lieber einer geführten Tour anschließen, statt ständig selbst nach dem Weg Ausschau zu halten“, weiß sie aus Erfahrung. Derlei Gründe haben auch sie selbst bislang von einer „großen“ Tour à la Hape Kerkeling abgehalten – weiter als bis Stammham sei sie auf dem Ostbayerischen Jakobsweg noch nicht hinausgekommen, gesteht die Regensburgerin lachend.

Auf den Spuren der Jakobsmuschel hat die KEB Kelheim schon etliche Ein-Tages-Wanderungen angeboten. Viele Teilnehmer erzählten, „dass das für sie eine schöne Auszeit vom Alltag und seiner Hektik ist“, sagt Gregor Tautz. Renate Möllmann kennt zum Beispiel eine Frau, die sich von der Pflege ihrer Mutter nur tageweise loseisen konnte und über’s Jahr verteilt bei solchen Tagestouren immer wieder „aufgetankt“ hat.

Das haben wir nun davon: Unser Schummeln gleich zum Start der Rohrer Etappe führte uns pfeilgrad zur „Kleinen Hölle“ – zum Glück können wir diesem Flurschild schnell links ausweichen und auf den rechten Pfad zurückkehren. A propos: Wie hält er’s denn mit dem Glauben, der Durchschnitts-Teilnehmer auf den „Pilgertouren vor der Haustür“?

„Es sind schon überwiegend Gläubige, aber meist nicht sehr ,dogmatisch’“, beschreibt es Renate Möllmann. Während klassische Wallfahrten, zum Beispiel nach Altötting, eher die kirchentreuen Christen ansprechen, sei das Pilgern etwa am Ostbayerischen Jakobsweg „ein niederschwelliges Angebot“, nimmt sich Gregor Tautz Anleihe bei der Sozialpädagogen-Sprache. Auffallend sei auch, dass der Anteil der männlichen Teilnehmer deutlich höher liege als bei den übrigen KEB-Veranstaltungen. Ob Männlein oder Weiblein – die meisten sind gerne in der Natur unterwegs, wollen dabei aber auch „dem nachspüren, worauf es ankommt“ und dazu unterwegs vom Pilgerführer entsprechende spirituelle Impulse bekommen.

Gerade dieser Anspruch war Renate Möllmann – bis dato klassische Stadtführerin – anfangs nicht ganz geheuer, gesteht sie. Was freilich kein Problem war, weil bei den Touren in aller Regel zwei Begleiter mitgehen. So überließ sie zunächst ihrer Kollegin das Spirituelle und steuerte ihrerseits hauptsächlich architektonisches Fachwissen bei. „Aber durch die vielen Wegen, die ich in der Natur zurückgelegt habe, habe ich auch selbst wieder zu einer persönlichen Spiritualität zurückgefunden“, erzählt Möllmann. Und gibt mittlerweile auch solche Impulse an ihre Gruppe weiter.

Eine g’scheide Brotzeit gehört dazu

Eine Kombination aus Kunstgeschichte, Architektur und Glaubensimpulsen schwebte Gregor Tautz auch vor, als er eine Erweiterungsschleife der „Via Nova“ durch den Landkreis Kelheim anregte; eine Idee, die vom Kreis-Tourismusverband umgesetzt wurde. Für die noch ausstehende inhaltliche „Unterfütterung“ will die KEB eine Ausbildung zu „Via-Nova“-Begleitern anbieten. Der Pilgersegen zu Beginn, die Impulse und Erklärungen unterwegs – all dies soll freilich nur punktuelle Akzente setzen. „Die Leute wollen nicht den ganzen Tag , bespielt’ werden“, sondern das Wandern und das Gemeinschaftserlebnis bewusst erleben, mal im Gespräch, mal auch schweigend, schildert Begleiterin Möllmann. Geht das, eine Gemeinschaft aus bunt zusammengewürfelten Teilnehmern? „Meistens fügt es sich gut zusammen“, antwortet sie. Sehr gemeinschaftsstiftend sei die Pilgerbrotzeit zu Mittag. Gemeinsam ein gutes, aber nicht opulentes Essen teilen, sich um einen Tisch versammeln, ins Gespräch kommen und danach wieder aufbrechen – das prägt schon nach einem einzigen Pilgertag die Herde, Hirten inklusive: „Ich komme nach jeder Wanderung anders zurück, als ich morgens losgegangen bin“, sagt Möllmann über sich selbst.

Willkommene Rast am Wegesrand – wenn das Wetter schöner wäre.
Willkommene Rast am Wegesrand – wenn das Wetter schöner wäre.

Ein paar Regeln, zu Beginn vereinbart, sind dennoch nötig. So gelte, dass jeder sein eigenes Schritttempo findet – aber die Gruppe soll stets in Sichtweite bleiben, und an Abzweigungen wird grundsätzlich gewartet. Darauf pocht auch Gregor Tautz – zumal seit ihm mal allzu stürmische Schäfchen etliche bange Minuten und einen wenig besinnlichen Zwischenspurt bescherten.

Keiner gesonderten Aufforderung bedarf es in Sachen Schuhwerk – möchte man meinen. Doch auch da wurde Tautz schon eines Besseren belehrt: von einer Gruppe von Historienfans, die den Weg partout in echt römischen Riemensandalen zurücklegen wollten, trotz mehrerer Warnungen. „Die haben sehr gelitten…“. „Bei mir ging mal eine mit nagelneuen Wanderschuhen mit“, erinnert sich Renate Möllmann. Schnell waren Blasen da und die Stiefel weg – den weiteren Weg legte die Frau in Flipflops zurück.

Dem Leistungsdruck entkommen

Das seien aber Ausnahmen, sind sich die beiden einig. Auf dem Ostbayerischen Jakobsweg umfasst eine Tagestour im Schnitt 20 Kilometer, in ähnliche Streckenabschnitte könne man auch die Kelheimer „Via Nova“-Runde aufteilen, die bislang den Arbeitstitel „Klosterrunde“ trägt. „20 Kilometer sind für Ungeübte schon eine Leistung, aber machbar“, weiß Tautz.

Denn eigentlich ist Pilgern ja genau das nicht: das Streben nach Leistung. Und genau deshalb sei Pilgern „in“, bestätigt Tautz, „und zwar im positiven Sinne ,in’. Ich glaube, es ist eine Antwort auf unsere Bedürfnisse heute: in der Natur dem Leistungsdruck und den Alltags-Anforderungen zu entkommen, in die wir sonst eingezwängt sind; seinen Gedanken nachhängen dürfen und zur Ruhe kommen; sich unterwegs überraschen lassen von großen Klöstern oder auch kleinen Dorfkapellen. Mir hat mal ein Teilnehmer gesagt: ,So eine Pilgertour ist für mich ein geschenkter Tag.’ Ich glaub’, das trifft es.“

Ausbildung für Begleiter

  • Am 25. April wird im Kloster Paring der Pilgerweg Via Nova mit seinen Etappen im Landkreis Kelheim eröffnet. Um ab Mai 2016 dann Pilgern eine fundierte Tour anbieten zu können, plant die Katholische Erwachsenenbildung (KEB), eine Ausbildung zum Begleiter/Begleiterin auf dem „Klosterweg“ in den Landkreisen Regensburg und Kelheim anzubieten, aufgeteilt auf Herbst 2015 und Frühjahr 2016.

  • Initiatoren der Ausbildung sind die KEBs in den Landkreisen Kelheim und Regensburg, in Zusammenarbeit mit dem Kelheimer Kreis-Tourismusverband. Ihr Ziel ist es, ab dem Frühjahr 2016 an Samstagen begleitete Tageswanderungen von etwa 20 Kilometern Streckenlänge anzubieten. Inhaltlicher Schwerpunkt soll sein, die jeweiligen (Kloster-)Kirchen als Ausdruck einer spezifisch geprägten Spiritualität vorstellen, erklärt Kelheims KEB-Leiter Gregor Tautz. So spiegeln sich in den Gotteshäusern auch die Ordensregeln zum Beispiel der Benediktiner, der Chorherren, der Franziskaner, der Jesuiten oder der Karmeliten lassen sich in der Architektur ablesen. Neben diesen Erklärungen sollen die Pilgerbegleiter unterwegs auch Impulse mitgeben für eine besinnliche Wanderung.

  • All dies soll ein zweigeteilter Ausbildungskurs vermitteln. Im Herbst 2015 werden an vier Terminen in Kooperation mit den KEBs Cham, Schwandorf und Amberg-Sulzbach (jeweils samstags oder Freitagnachmittag plus Samstag, mit Übernachtung) grundsätzliche Fragen angesprochen, wie „Baukunst und Gottesbild“ oder „Didaktik und Methodik einer Kirchenführung“ (Infos dazu auf diesem Link: http://bit.ly/1CUnfQm). Im Frühjahr 2016 stehen dann die einzelnen Stationen an voraussichtlich drei Samstagen auf dem Programm. Sie werden zusammen mit dem Kunsthistoriker Dr. Friedrich Fuchs besucht und unter dem besonderen Aspekt der Veranstaltungsreihe erläutert. Dazu wird auch ein Handbuch erstellt.

  • Die Ausbildung wird von der KEB bezuschusst. Für Teilnehmer kostet der erste Block somit 139 Euro (einschließlich Verpflegung und einer Übernachtung) und der zweite Block 100 Euro. (Rückerstattung möglich nach späterer Begleitung von Gruppen im Rahmen der KEB). Für Wanderungen, die von der KEB organisiert werden, erhalten die Begleiter Honorar.

  • Wer Interesse an der Ausbildung hat, sollte sich mit Gregor Tautz, KEB im Landkreis Kelheim, in Verbindung setzen: (0 94 43/9 18 42-24 oder gtautz@keb-kelheim.de)

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