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Themenwoche

„Die Lage war katastrophal“

Der Schlesier Helmut Vogt kam 1945 als evangelischer Pfarrer nach Abensberg. Seine Erinnerungen schrieb er auf.

Pfarrer Helmut Vogt (li. vorne im Bild) baute das Pfarrheim an der Abensberger Frankstraße und initiierte den Bau der evangelischen Kirche in Neustadt. Bis 1967 war er Pfarrer in Abensberg.
Pfarrer Helmut Vogt (li. vorne im Bild) baute das Pfarrheim an der Abensberger Frankstraße und initiierte den Bau der evangelischen Kirche in Neustadt. Bis 1967 war er Pfarrer in Abensberg.Foto: Schwend

Abensberg.„Als ich Weihnachten 1945 aus der Gefangenschaft entlassen wurde, war meine Heimat russisch bzw. polnisch geworden. Ich musste als ehemaliger Offizier im Westen bleiben und wählte, diesmal freiwillig, Regensburg zum vorläufigen Aufenthaltsort. Hier erfuhr ich endlich, dass meine Familie noch lebte, und zwar in Jena. Auch meine Familie bekam von mir ein Lebenszeichen. Als ich mich beim Dekanat Regensburg als arbeitsloser, stellungsuchender Pastor meldete, wurde ich dem Pfarramt Kelheim als Amtsaushilfe mit dem Sitz in Abensberg zugeteilt. (...)

Die Lage, die ich hier vorfand, war folgende: Der Kreis hatte eine Pfarrstelle in Kelheim, besitzt mit Pfarrer Schreiner. Die ganze südliche Hälfte des Kreises umfasste die Tochterkirchengemeinde Abensberg. Entsprechend dem Amtsgerichtsbezirk (etwa 3000 Quadratkilometer groß) leben in 23 Gemeinden und 50 Ortschaften rund 2200 Evangelische. Vor dem Krieg gab es in dieser Gegend etwa 150 Evangelische. Der Hauptteil der Flüchtlinge kam aus Schlesien, Ostpreußen, Warthegau, Batschka und Ausgebombte aus Hamburg. Im Einzelnen waren sämtliche Ostgebiete vertreten. Ein großes Glück war das Vorhandensein der Kirche in Abensberg.

Die wirtschaftliche Lage der Flüchtlinge war katastrophal. Nicht nur, dass es kaum Arbeitsmöglichkeiten gab, es waren auch Leute mit städtischen Berufen auf den Dörfern untergebracht. Die Ballungszentren waren furchtbar: Siegenburg war überbelegt, in Gasthaussälen waren Hunderte untergebracht, familienweise nur durch Decken getrennt. Das gleiche war in Niederumelsdorf und besonders im Barackenlager in Bachl, wo in den ehemaligen Autobahnarbeiter-Baracken immer vier Familien in einem Raum hausen mussten, der durch Kreidestriche unterteilt war.

In Bad Gögging war das Römerbad zuerst Lazarett, dann Versehrtenkrankenhaus, das Trajansbad war ein Altenheim. In den Dörfern gab es die unmöglichsten Unterkünfte für die Flüchtlinge. In Mühlhausen wohnte z.B. eine Familie im Leichenhaus.

Die einheimische Bevölkerung verhielt sich unterschiedlich. Neben großer Herzlichkeit gab es auch große Härte. Mir persönlich wurde von Anfang an viel Freundlichkeit entgegengebracht. Mit den meisten der 18 katholischen Pfarrer hatte ich ein gutes Verhältnis. Sie stellten bereitwillig und kostenlos ihre Kirchen für unsere Gottesdienste zur Verfügung und ließen bei unseren Begräbnissen die Glocken läuten. (...)

Meine eigene Lage entsprach der der anderen Flüchtlinge, obwohl sich für mich manches arrangieren ließ, da ich im Auftrag der Landeskirche kam. Ich wohnte und arbeitete zunächst in der Sakristei, da ich in der Nachbarschaft nur ein Schlafkämmerchen hatte. Für den Außendienst hatte mir ein Gemeindemitglied, für 20 Reichsmark Miete monatlich, ein Fahrrad zur Verfügung gestellt. „Handwerkszeug“ besaß ich überhaupt nicht.

Lediglich mein Neues Testament, das mich durch Krieg und Gefangenschaft begleitet hatte. (...)

Schlimm wurde es, als im Februar 1946 meine Familie aus Jena kam. Am Regensburger Tor hatte ich zwar eine Zweizimmerwohnung bekommen, aber es fehlten ein paar Fensterscheiben, und der Winter war kalt. Für sechs Personen waren zwei Betten und ein Sofa, aber keine Federbetten vorhanden. Heizmaterial gab es nicht, was ich nach einem Ultimatum von einem Kohlenhändler bekam, reichte gerade aus, um zwölf Grad Wärme zu erreichen. Fenstervorhänge gab es nicht, da musste vorhandenes Verdunklungspapier aushelfen. Kochtöpfe und dergleichen machten wir uns aus weggeworfenen amerikanischen Blechdosen. Als dann noch meine Schwiegermutter aus Schlesien kam, waren es sieben Personen in einer Wohnung, und es ist mir heute noch schleierhaft, wie es möglich war, so zu leben.

Die Heizungsfrage lösten wir allmählich durch Holzsammeln in den Wäldern. Von meinen Dienstfahrten brachte ich auch immer einen Rucksack voll Holz mit, obwohl das Radfahren für meinen, in der Gefangenschaft ausgemergelten Körper in den ersten Monaten eine ungeheure Anstrengung bedeutete. Mit der Zeit wurde alles besser, wir suchten Pilze, lasen Ähren, rodeten auf dem Gut eines evangelischen Besitzers Kartoffeln und bekamen plötzlich von einem unbekannten Spender aus Amerika Pakete mit Bekleidung und Lebensmitteln. Dahinter stand, wie ich später erfuhr, ein emigrierter, jüdischer Amtsbruder aus Schlesien. Im Ganzen spielte die evangelische Kirche noch keine Rolle, es war eben eine Flüchtlingsangelegenheit. (...)

Quelle: Die Eingliederung und Aufbauleistungen der Heimatvertriebenen im Landkreis Kelheim, herausgegeben vom Kreisverband des Bunds der Vertriebenen, 1989.

Alle Teile der Themenwoche „Vertrieben, geflüchtet – alles auf Anfang“ gibt es hier.

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