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Abensberg
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Archäologie

Arnhofen war Steinzeit-Exportweltmeister

Forscher Alexander Binsteiner beweist nach Untersuchungen im 300 Kilometer entfernten Melk einen regen Handel mit Feuerstein
Von Walter Dennstedt

Das Feuersteinbergwerk bei Arnhofen, das vor 7000 Jahren bei Abensberg weit über die Region hinaus bekannt war. Foto: Archiv, Kreisarchäologie Kelheim
Das Feuersteinbergwerk bei Arnhofen, das vor 7000 Jahren bei Abensberg weit über die Region hinaus bekannt war. Foto: Archiv, Kreisarchäologie Kelheim

Abensberg.Vermutet worden war es schon länger, nun ist es Gewissheit: Das Feuersteinbergwerk von Abensberg-Arnhofen war im Neolithikum, also vor rund 7000 Jahren, eines der wichtigsten Bergwerke in Mitteleuropa. Der Feuerstein, der hier aus Tiefen bis zu acht Metern gewonnen wurde, ist, nun durch Binsteiners Forschung nachgewiesen, bis in Entfernungen von über 400 Kilometern gehandelt worden.

Steine als Werkzeug

Schon im der Jungsteinzeit galt der Grundsatz der Warenwirtschaft: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Und die Nachfrage war groß, denn zu diesem Zeitpunkt hatte zumindest in Mitteluropa die Menschheit noch keine Kenntnis von Eisen und Stahl, deren Herstellung und Veredelung für Werkzeuge und Waffen zum Schneiden und Bohren. Stattdessen nutzten die Menschen Steine, um Sachen zu trennen, zu schneiden und damit zu veredeln.

Besonders begehrt war der Feuerstein, weil er durch seine leichte Spaltbarkeit zu Klingen für Messer und Waffen verwendet werden konnte.

 Reste von Feuersteinen finden sich auch heute noch in der Region. Übrigens: Feuer kann man mit den Feuersteinen nur machen, wenn man Steine aus Pyrit oder Markasit oder aber Stahl dazu nutzt. Ein steinzeitliches „Feuerzeug“ bestand aus einem Feuerstein, einfach entzündbaren Fasern, dem Zunder, und Pyrit oder Markasit. Vom Pyrit oder Markasit wurden mittels Feuerstein Späne abgeschlagen , die die Fasern entzündeten. Foto: Archiv Priller
Reste von Feuersteinen finden sich auch heute noch in der Region. Übrigens: Feuer kann man mit den Feuersteinen nur machen, wenn man Steine aus Pyrit oder Markasit oder aber Stahl dazu nutzt. Ein steinzeitliches „Feuerzeug“ bestand aus einem Feuerstein, einfach entzündbaren Fasern, dem Zunder, und Pyrit oder Markasit. Vom Pyrit oder Markasit wurden mittels Feuerstein Späne abgeschlagen , die die Fasern entzündeten. Foto: Archiv Priller

Wohl 1000 Jahre lang Bergbau

Dabei ist das in den 1980er-Jahren entdeckte Feuersteinbergwerk von Abensberg-Arnhofen eine der wichtigsten Fundstätten. Das Bergwerk datieren die Forscher auf die Zeit des Neolithikums. Das Arnhofener Feuersteinbergwerk ist eines der größten in Mitteleuropa und eines der größten Bodendenkmäler in Bayern. Nach bisherigem Kenntnisstand der Wissenschaft wurde hier vor allem in der Zeit zwischen 5000 und 4000 vor Christus von Bergleuten auf einer Fläche von etwa 40 Hektar Größe der Bayerische Hornstein abgebaut. Das ist eine Feuersteinart in Plattenform. Rund 120000 Schächte sind bekannt, vermutlich entstanden diese in eine rund 1000 Jahre währenden Nutzungszeit.

Dabei wurde der Hornstein bis in eine Tiefe von acht Metern abgebaut. Der Rohstoff verbarg sich unter Kies- und Sandschichten, die jungsteinzeitlichen Bergleute haben etwa zwei Meter breite Schächte mit senkrechten Wänden gegraben, an der Sohle wurden die Schächte teils bis auf drei Meter erweitert. Und: Nach bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaftler haben die steinzeitlichen Bergleute die Schächte nach dem Abbau wieder verfüllt.

Bislang war bereits bekannt, dass der aus Arnhofen stammende, aber in der Literatur allgemein als „Kelheimer Plattenhornstein“ bekannte Feuerstein wegen seiner leichten Bearbeitbarkeit wohl sehr begehrt war. . Funde dieses Steins im Norden bis an den Main und entlang der Donau untermauern die These.

Der ist nun Binsteiner weiter nachgegangen. Funde im niederösterreichischen Melk an der Donau legten die Vermutung nahe, dass bis dahin der Arnhofener Feuerstein geliefert wurde. Da scheint sich nun zu verfestigen. In einem Aufsatz in der österreichischen Zeitung „Krone“ schreibt Binsteiner, dass es im Raum Melk ein Handelszentrum gegeben haben müsse, das vor 7500 Jahren wohl seine Blüte hatte. Im Bereich Melk sind mindestens 15 größere Siedlungen jungsteinzeitlicher Ackerbauern im sechsten Jahrhundert vor Christus nachgewiesen. Binsteiner hat als selbstständiger Geoarchäologe im Auftrag des niederösterreichischen Landesarchäologen Dr. Ernst Lauermann die Sache vor allem vor dem Hintergrund importierte Feuersteingeräte entlang der Donau untersucht. Das Ergebnis: Bis zu 30 Prozent des Rohstoffbedarfs der Steinzeitmenschen bei Melk kam aus Arnhofen, 300 Kilometer entfernt. Der Transport erfolgte wohl über die Donau in Einbäumen.

Im Jahr 2001 waren Vermessungen und Grabungen angesagt. Unser Archivbild vom 13. September 2001 zeigt Archäologiestudentin Silvia Dechant, wie sie die Unebenheiten in einem rund 6500 Jahre alten Schacht eines Feuersteinbergwerks ausmisst. Rund 300 Schächte wurden von den Wissenschaftlern in den letzten Jahren in dem ältesten und größten Feuersteinbergwerk Deutschlands entdeckt. Feuerstein war in der Steinzeit ein wichtiger Rohstoff. Foto: dpa
Im Jahr 2001 waren Vermessungen und Grabungen angesagt. Unser Archivbild vom 13. September 2001 zeigt Archäologiestudentin Silvia Dechant, wie sie die Unebenheiten in einem rund 6500 Jahre alten Schacht eines Feuersteinbergwerks ausmisst. Rund 300 Schächte wurden von den Wissenschaftlern in den letzten Jahren in dem ältesten und größten Feuersteinbergwerk Deutschlands entdeckt. Feuerstein war in der Steinzeit ein wichtiger Rohstoff. Foto: dpa

Hier schließt sich der Kreis. Binsteiner geht davon aus, dass mit dem Arnhofener Material von sogenannten Steinschmieden allerlei Arten schneidenden Geräts hergestellt wurde, vor allem für den Alltagsgebrauch. Dazu listet er Erntesicheln, Messer, Bohrer und sogenannte Kratzer zum feinen Bearbeiten von Holz auf.

Begehrtes Handelsgut

Binsteiner schreibt in der Zeitung: „Die aktuellen Untersuchungen belegen zweifellos die weitreichenden Außenbeziehungen der frühneolithischen Siedlungskammer um Melk im sechsten vorchristlichen Jahrtausend. Der Feuersteinhandel mit Bayern und Ungarn wurde durch den Wasserweg der Donau begünstigt.“

Weiter hat Binsteiner herausgefunden, dass ein ebenfalls 30-prozentiger Anteil der Lieferungen aus sogenannten ungarischen Radiolarite aus den Bakony Bergen am Balaton und Obsidiane aus Tokaj mit einer Wegstrecke von gut 500 Kilometern nach Melk kamen. Und dem Forscher ist sogar gelungen, einen Feuersteindolch aus Ausgrabungen zu lokalisieren. Der kam aus den Lessinischen Bergen in der Provinz Verona, ganz sicher auf dem Landweg den Alpenhauptkamm und von dort wohl anschließend auf dem Inn und der Donau bis ins 600 Kilometer entfernte Melk.

Das Arnhofener Bergwerk, von dem schon jetzt Forscher vermuten, es handle sich um ein montanarchäologisches Bodendenkmal von internationaler Bedeutung, ist durch die Ergebnisse des Forschers weiter aufgewertet.

Sammler und Grabungsleiter Robert Pleyer (undatiertes Archivbild) hat im Jahr 2014 dem Stadtmuseum seine archäologische Sammlung mit Feuerstein-Werkzeugen aus der Jungsteinzeit übergeben. Sogar der Ötzi besaß Werkzeug aus diesem Material. Pleyer ist regelmäßig bei den Ferienaktionen der Stadt dabei und unterrichtet Kinder in Techniken, wie sie unsere Ur-Ur-Urahnen wohl zur Perfektion gekonnt hatten. (dt)
Sammler und Grabungsleiter Robert Pleyer (undatiertes Archivbild) hat im Jahr 2014 dem Stadtmuseum seine archäologische Sammlung mit Feuerstein-Werkzeugen aus der Jungsteinzeit übergeben. Sogar der Ötzi besaß Werkzeug aus diesem Material. Pleyer ist regelmäßig bei den Ferienaktionen der Stadt dabei und unterrichtet Kinder in Techniken, wie sie unsere Ur-Ur-Urahnen wohl zur Perfektion gekonnt hatten. (dt)

Seit 1984 bekannt

Im Jahr 1984 fanden dort die ersten Grabungen statt, unter der Leitung des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Sogenannte Rettungsgrabungen ab dem Jahr 1998 von der Kreisarchäologie Kelheim schlossen sich an.

Wie man sich das Bergwerk, von dem in der Natur nichts zu sehen ist, vorstellen muss, kann man im Stadtmuseum Abensberg sehen. Dort gibt es ein Modell eines Querschnitts durch einen typischen Bergwerksschacht samt zugehörigen Erläuterungen.

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