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Der siebte Stern auf Abensbergs Brust

Dem TSV gelingt die Titelverteidigung im Judo-Europacup. Ein neckischer Trainer und ein launiger Schwergewichtler gehören zum Erfolgsrezept.
Von Martin Rutrecht, MZ

Abensberg.Das Bonmot musste Radu Ivan nach dem Wettkampftag mehrmals zum Besten geben: Der Trainer der Judoka im TSV Abensberg begegnete in der Pariser Halle am Morgen des Vereins-Europacups 2013 dem russischen Olympiasieger Mansur Isaev. Der Athlet von Yawara Neva St. Petersburg trug das Team-Shirt mit sieben Sternen für sieben Klub-Triumphe stolz zur Schau. „Ah, habt ihr auch die Leibchen mit acht Sternen machen lassen, falls ihr heute gewinnt?“, fragte der TSV-Coach. Isaev verneinte. „Siehst du, wir haben unsere mit sieben Sternen für den Sieg heute dabei.“

Das stimmte freilich nicht. Doch am Ende war’s tatsächlich so: Die Babonen gewannen zum siebten Mal die europäische Trophäe für die beste Vereinsmannschaft. Zwischen Petersburg und Abensberg steht’s unentschieden: 7:7. Die beiden Teams dominierten den Wettbewerb in den vergangenen zwei Dekaden wie kein dritter Klub. Die Niederbayern feierten ihren ersten Europacup-Sieg vor knapp 20 Jahren, 1994 – in Paris.

Heimische Recken in Spitzen-Form

Ehrenvorsitzender Otto Kneitinger ahnte es schon am Morgen der Entscheidung: „Ich hatte ein gutes Gefühl.“ Angesichts der Titelverteidigung sprach Kneitinger von einem „ganz großen Erfolg. Bereits im abschließenden Training habe ich gemerkt, wie ungeheuer konzentriert unsere Kämpfer sind. Dieser Teamgeist ist überwältigend.“ Heimische Kräfte wie der Pförringer Sebastian Seidl, der Regensburger Christopher Völk oder Sven Maresch hätten auf den Punkt ihre Leistung abgerufen.

Und die Gelassenheit von Schwergewichts-Idol Andreas Tölzer, der mit dem Europacup-Streich den Schlusspunkt hinter seine erfolgreiche Karriere setzte, „war unheimlich“. „Seit dem Bundesliga-Finale hat er sieben Kilo abgenommen. Ich hab’ mich fast erschreckt. Aber er war so was von siegesgewiss“, so Kneitinger. Der Olympia-Dritte neckte seine Teamkollegen permanent: „Was seid ihr so nervös, traut ihr mir nichts mehr zu?“ Radu Ivan sinnierte: „Vielleicht hat er seine Tränen über den Abschied hinter der lustigen Maske verborgen.“

Jedenfalls waren Tölzer und seine Kameraden auf der Matte kein Kind von Traurigkeit. In der Pool-Phase musste der TSV nur gegen Belgrad ran. Das 5:0 durch Seidl, Völk, Maresch, den zuletzt verpflichteten Olympia-Starter Christophe Lambert (Stammverein: Judo in Holle) und den Tschechen Lukas Krpalek war Formsache. Damit stand Abensberg bereits im Achtelfinale, da die Gruppen auf zwei bis drei Teams beschränkt waren.

Gegen die „Carabinieri Roma“ spannten die Babonen zu Seidl und Völk die Weltklasse-Judoka Travis Stevens, Ilias Iliadis und Tölzer. Die Südländer wehrten sich und vor allem Seidl und Stevens hatten zu schnaufen, aber das 5:0 stand erneut. „Für die Italiener war’s einfach schön, dabei zu sein, hat mir ihr Coach Guido Luigi gesagt, der mal für Großhadern kämpfte. Vor 15 Jahren waren sie das letzte Mal am Start“, berichtet TSV-Coach Ivan.

Abschied mit Tölzer-Umdreher

Ganz neu auf europäischer Matte war Abensbergs Viertelfinalgegner Adygea Maykop aus Russland, der bis dahin einen klasse Job machte. Aber gegen den Vorjahres-Champion war Endstation. Abensberg zauberte jetzt den Spanier Sugoi Uriarte statt Seidl ins Aufgebot, der mit Völk, Maresch, Iliadis und „Tölz“ das Standardergebnis ablieferte – 5:0. Russisch ging’s im Halbfinale weiter. Dinamo Rno-Alania, ebenfalls ein Neuling, hatte Sambo 70 Moskau rausgeworfen. Die Osteuropäer boten einige Nationalkader-Athleten auf. Die Babonen mischten wieder durch, nun durften Georgii Zantaraia und Neuzugang Zebeda Rekhviashvili ihre erste Aufgabe verrichten. Beide siegten. Als auch Maresch gewann, obwohl er einen Ellbogen ins Auge gerammt bekam, war die Begegnung durch. Lambert durfte verlieren. Und Tölzer hatte wieder seinen Spaß.

Eine mittlere Sensation gab’s im anderen Halbfinale. Die Franzosen von SC Levallois zogen die St. Petersburger ab – obwohl sie eine Gewichtsklasse nicht besetzen konnten. Alain Schmitt hatte sich verletzt. Aber Pierre Duprat warf Olympiasieger Isaev und zwei seiner Kollegen schlugen auch zu: 3:2 für die Lokalmatadore.

Die Stimmung in der nahezu ausverkauften Halle des „Institute de Judo“ kochte fast über, als Abensberg und Levallois zum finalen Gefecht antraten. Plötzlich schien der Titelverteidiger zu wanken: Zantaraia verlor gegen Dimitri Dragin. Das war aber nur ein leiser Hoffnungsfunke für die Franzosen. Völk führte, als sich sein Gegner Duprat weh tat. Bei einer Gewichtsklasse musste Levallois wieder passen, und Iliadis und Tölzer – das Duell mit Teddy Riner entfiel, weil der Olympiasieger verletzt fehlte – machten mit Siegen den Deckel auf das 4:1 drauf. Der Schwergewichts-Koloss beendete seine Laufbahn mit dem nach ihm benannten Tölzer-Umdreher.

„Wir können immer zulegen“

Nach der Preisverleihung ging der Tag über in ein rauschendes Fest in der Halle. Die Abensberger feierten bis lange nach Mitternacht. Zur Rückkehr an die Abens war die Mannschaft wieder vollzählig. Radu Ivan und Otto Kneitinger zogen ihr Schlussresümee: „Wir können von Jahr zu Jahr einen Tick zulegen. Die Konkurrenz hat da und dort ihre Probleme“ Eine Dominanz auf europäischer Bühne kündige sich aber nicht an. „Nächstes Jahr beginnt die Golden-League, wo nur die Top Acht von Paris dabei sind. Da werden die Elite-Klubs mächtig draufpacken.“ Shirts mit acht Sternen sollte man vorab nicht drucken.

Veränderung: Die „European Championships for Clubs“ werden für 2014 einmal mehr reformiert. Die acht Viertelfinalisten von Paris bilden nächstes Jahr die „Golden League“ und machen den Europacup-Titel unter sich aus. Darunter wird eine Europa-„Liga“ installiert, aus der sich die vier besten Teams für die „Golden League“ qualifizieren. Sie tauschen mit den vier Viertelfinal-Verlierern aus den Top Acht für das Jahr darauf die Plätze. Die Premiere der „Golden League“ im nächsten Jahr wird die russische Stadt Samara ausrichten. Der Sieger gewinnt 35 000 Euro Preisgeld.

Verbesserung: In den Griff sollte die EJU bis dahin ihr Livestreaming bekommen. In Deutschland sahen die Fans von Paris meist nur Flimmern. Angeblich, so die EJU auf Twitter, hätte Youtube die Einspielungen geblockt, weil in den Pausen Musik aus der Halle über die Liveschaltung lief. Und dafür würden GEMA-Gebühren anfallen. (mar)

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