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Mundart-Musik

Güldene Weißwürscht für „Bayern Delüxe“

Maria Reiser aus Abensberg singt und textet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Und bringt Baumarkt-Mitarbeiter an Grenzen.
Von Beate Weigert

  • Mal fetzig, mal gefühlvoll: Vielseitiger Mundart-Pop mit frechen, doppeldeutigen Texten, das ist das Handwerk von Maria Reiser. Foto: Christian Zehentmeier
  • Produziert wurde das Album im Studio von Stephan Ebn in Abensberg. Foto: Archiv

Abensberg.Der Verkäufer im Baumarkt starrt seine Kundin irritiert an. „Ich brauche Goldfarbe, die auf Weißwürsten hält.“ Zugegebenermaßen mit derlei Wünschen dürfte er nicht alle Tage konfrontiert sein. Doch die Kundin, Musikerin Maria Reiser, ist gelernte Modellbauerin und weiß, was sie will. Pinselte, klebte und feilte sie noch vor wenigen Jahren mit an Kulissen des Hollywood-Streifens „10 000 bc“ von Roland Emmerich, tut sie es heute für ihr eigenes Projekt.

Für das Motiv des Covers ihres Debüt-Albums „Bayern Delüxe“ legte sie als Frau vom Fach selbstverständlich selbst Hand an. Weil auf einem Teller goldene Weißwürste liegen sollten, musste Farbe her, die auf fettiger Wursthaut standhaft bleibt. Gar nicht so einfach, in Abensberg eine solche aufzutreiben.

Nicht minder groß war der Organisationsaufwand für das Einsingen der Tracks, das Mastern und Mixen der Songs. Maria Reiser nennt es die „längste Schwangerschaft der Welt“, die ihrem jüngsten Baby, vorausging. Drei Jahre dauerte es – vom ersten niedergeschriebenen Songtext bis zur Veröffentlichung. Dazwischen gründete die Wahl-Abensbergerin mit ihrem Partner, dem Profischlagzeuger und Musik-Produzenten, Stephan Ebn, eine Familie. Die beiden Töchter sind inzwischen zwei Jahre und sechs Monate alt. Sie stellten und stellen das Musiker-Leben des Paars gehörig auf den Kopf, wie Maria Reiser im MZ-Gespräch verrät.

Das Cover des neuen Albums mit den vergoldeten Weißwürsten.
Das Cover des neuen Albums mit den vergoldeten Weißwürsten.

Tagsüber Mama, nachts Musikerin

An den letzten Liedtexten feilte die 35-Jährige, wann immer ihr eine Pause blieb. Beim Zähneputzen im Bad oder beim Autofahren von A nach B. Zum Einsingen der Nummern ging es meist erst nach Mitternacht ins Ebns Studio nebenan, wenn die Töchter schliefen. Und in den frühen Morgenstunden wieder heraus, um in den nächsten Familientag zu starten. „Schlafmangel ist wirklich das Schlimmste“, sagt die Musikerin.

Aber der eng getaktete Alltag junger Eltern habe auch Vorzüge. „Da bleibt keine Zeit, um groß Lampenfieber zu bekommen.“ Die Anreise zu Auftritten, das Einsingen oder das Stylen muss jetzt schneller über die Bühne gehen. Am 27. November gibt es auch einen Live-Termin in der Region. Im Ramasuri in Irnsing.

Album-Präsentation im Ramasuri

  • Album-Präsentation:

    Ende Oktober ist Maria Reisers erste Scheibe mit 13 Songs erschienen. Am Freitag, 27. November, stellt sie ihr Debüt-Album „Bayern Delüxe“ im Ramasuri in Irnsing vor.

  • Einlass: 18 Uhr; Beginn: 19 Uhr; Karten: 17,50 Euro inklusive Vorverkaufsgebühr bei Hosen Hans in Neustadt oder bei der Firma Eberl in Irnsing unter Telefon (0 94 45) 75 00 94 oder (0170) 4 18 81 83 sowie via Online-Bestellung unter www.ramasuri-irnsing.de; alternativ per E-Mail an: sabine.eberl@ramasuri-irnsing.de. Tickets gibt es zum Preis von 19 Euro auch an der Abendkasse.

  • Band:

    Die Zuhörer erwartet mit dem Maria Reiser-Quartett ein mitreißendes Programm moderner Mundart-Musik, die unter die Haut geht und das Zwerchfell kitzelt, heißt es in Maria Reisers Ankündigung. Am Schlagzeug sitzt ihr Mann Stephan Ebn. An den Blasinstrumenten Tuba und Posaune begleiten Florian Gröninger aus Amberg und Florian Blöchl aus Straubing. Maria Reiser spielt Akustikgitarre und Ziach.

  • Arbeit:

    Von der Produktion übers Mastern und Mixen bis hin zur Grafik fürs Booklet oder dem Tour-Booking. Maria Reiser und Stephan Ebn, der Inhaber von Magic Mango Music, machen alles selbst.

  • Kurz-Kritik:

    Dass Maria Reiser ihre Muttersprache, das Bairische liebt, stellt sie in „Bayern Delüxe“ unter Beweis. Ihre Songtexte zeigen die sprachliche Vielfalt des Dialekts und seine Doppeldeutigkeit. Darüber hinaus ist Reiser eine exzellente Sängerin. Ihre warme, voluminöse Stimme braucht keinen nachträglichen Bearbeitungs-Schnickschnack oder viel künstlichen Hall. Und sie ist vielseitig: Sie rappt, sie jodelt, singt gefühlvolle Balladen. Während im Text durchaus auch Kritik an den Zeitgenossen aufploppt, sorgen moderne Beats, Schlagzeug-Rhythmus und Bläsersound für wippende Füße und Gute-Laune-Gefühl. Die Heimat-Hymne „Mein Land“gibt es in drei Versionen. Mit Alphorn, großer Blaskapelle und Radio-Mix. (re)

Das komplette Album ist auf Bairisch. Eine Reise nach Namibia und Südafrika war für die Musikerin vor einiger Zeit wie ein Befreiungsschlag, sagt sie. Seither singt und textet sie so wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Im Holledauer Dialekt eben. Das möge zwar mancher Preiß’ nicht verstehen, aber Musik soll berühren und dass passiert am ehesten, wenn man in der Muttersprache singt.

Maria Reiser freut sich, dass Mundart-Musik beim Publikum immer noch stark nachgefragt ist. Auch wenn sie es kritisch beäugt, dass etwa die erfolgreiche Heimatsound-Reihe des BR mittlerweile von B3 auf B2 gewandert ist. Ob daraus aber gleich ein abflauender Trend abzuleiten ist, werde sich zeigen.

Mehr Sorge bereitet ihr die für junge Künstler niederschmetternde Entwicklung der Musikbranche im Allgemeinen. Während viele Verbraucher inzwischen wieder „handgemachte“ Wurst beim Metzger oder Bio-Bergbauernmilch bevorzugen. Echte Lederhosen und Bier vom regionalen Bräu boomten. Bei der Musik überwiege die Gratis-Mentalität. Für gute, handgemachte Musik wollten die wenigsten einen angemessenen Preis zahlen bzw. gleich ein ganzes Album kaufen.

Doch wie ein Schuster seine handgefertigten Schuhe verkauft, verkaufe sie als Musikerin nun 13 Tracks, die genauso echte Unikate seien. „Ich sag’ den Leuten immer, trinkt doch eine Maß weniger im Bierzelt oder spart euch zwei Rüscherl im Club und unterstützt die Künstler um euch herum lieber mit dem Kauf von deren Musik.“ Dass ein guter Handwerker oder Dienstleister sein Geld Wert ist, sei jedem klar. Bei der Musik setze die Masse auf kostenlose Downloads.

Das macht es Künstlern schwer, sich mit Downloads und Streaming über Wasser zu halten. Gleichzeitig geht heute nichts mehr ohne Videos auf Youtube & Co. „Man muss sich ständig etwas Neues einfallen lassen und auch live präsent sein“, sagt Maria Reiser.

Coole Hund’ und kracherte Texte

Im „Kollegen-Kreis“ gefällt ihr etwa, was die Mundart-Hiphopper von „Dicht & Ergreifend“ auf die Beine stellen. „Die haben kracherte Texte und scheißen sich nix.“ Auch Maria Reiser bringt Deftiges zur Sprache. Sie verarbeitet auch Selbsterlebtes. Aber immer mit einer großen Portion Leichtigkeit und Humor. Ernst und traurig sei das Leben von selbst.

Als ungerecht empfindet sie auch die Verteilung der aktuellen Streaming-Dienste. Major-Labels grasten nach wie vor den größten Teil der Musik-Wiese ab. „Ja, es ist ein Haifisch-Becken und ich schwimme mittendrin“, sagt die gebürtige Puttenhausenerin. Gleichzeitig kann sie sich aber nichts anderes vorstellen. Mit der Frage, warum sie Musik macht, kann sie wenig anfangen. Einen Automechaniker oder einen Bäcker frage man das auch nicht. „Entweder er wird gezwungen oder er macht es aus Leidenschaft.“

2004 Tsunami in Thailand überlebt

Dass man sein Leben mit den Dingen füllen sollte, die einem am Herzen liegen, weil es von einem Moment auf den anderen vorbei sein kann. Das weiß Maria Reiser seit dem Tsunami 2004. Sie war auf Phuket dabei, als die monströse Flutwelle nach einem Erdbeben Hunderttausenden von einem Moment auf den anderen das Leben auslöschte. Die Niederbayerin überlebte wie durch ein Wunder alles unbeschadet. „Da wird man entspannter und dankbar für alles.“

Sogar für Verkäufer, die „schau’n, wie ein Schof am Berg“, wenn man bei ihnen güldene Farbe für Weißwürste kaufen will. Nachdem Schellack, der früher aus Tieren hergestellt worden ist, nicht mehr zu haben ist, tat es am Ende auch speichelechte Acrylfarbe, sagt Maria Reiser und grinst.

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