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Judo

TSV Abensberg sorgt für Paukenschlag

Der Judo-Serienmeister meldet mit Blick auf Olympia sein Team aus der Bundesliga ab. Aber 2017 will er wieder oben angreifen.
Von Heinz Gläser, MZ

Bilder von gewonnenen Meisterschaften wird es in Abensberg vorerst nicht mehr zu sehen geben.
Bilder von gewonnenen Meisterschaften wird es in Abensberg vorerst nicht mehr zu sehen geben. Foto: Pieknik

Abensberg.Es ist, als würde der FC Bayern sein Team aus der Fußball-Bundesliga abmelden. Wobei anzumerken ist: Nicht mal die scheinbar nimmersatten Münchner haben in den vergangenen 22 Jahren solch eine imposante Erfolgsserie hingelegt wie der TSV Abensberg. Insgesamt 20 deutsche Meistertitel und sieben Europapokaltriumphe haben die Judoka aus der niederbayerischen 13 000-Einwohner-Stadt in diesem Zeitraum gehortet, sie stellten in Ole Bischof bei den Spielen 2008 in Peking sogar einen deutschen Olympiasieger.

Dominanz reimt sich in diesem Sport auf Abensberg. Aber damit soll nun Schluss sein. Der TSV zieht seine Mannschaft aus der Bundesliga zurück – zumindest vorübergehend. Ein Paukenschlag für den Spitzensport in der Region, den Ehrenabteilungsleiter Otto Kneitinger am Dienstag auf einer Pressekonferenz in der Josef-Stanglmeier-Halle verkündete.

„Immer noch schlaflose Nächte“

Der Architekt des Abensberger Judo-Wunders hat lange mit dem Entschluss gerungen, er bereitet ihm nach eigenen Worten „immer noch schlaflose Nächte“. Aber letztlich kamen Kneitinger und seine Mitstreiter – in Absprache mit den Sponsoren – zu der Erkenntnis, dass es keine Alternative zu dem drastischen Schritt gibt. Der Weg, der jetzt vor der Abensberger Judo-Sparte liegt, ist ein sehr, sehr weiter. Er führt von der Olympia-Qualifikation der TSV-Kämpfer über die Spiele 2016 in Rio de Janeiro in der Saison 2017 zurück in die Bundesliga – und eventuell zu neuen Titelehren. So jedenfalls liest sich der Plan für die kommenden Jahre, den Kneitinger in Anwesenheit von Abensbergs Bürgermeister Uwe Brandl und Peter Frese, dem Präsidenten des Deutschen Judo-Bundes (DJB), präsentierte.

23 der insgesamt 30 Athleten aus dem Bundesligakader des deutschen Rekordmeisters kämpfen um einen der begehrten Startplätze in Rio. Der Termindruck, der durch die Ballung der Qualifikationswettkämpfe im internationalen Judo-Kalender entstanden ist, wirkt sich negativ auf die Sportler aus. „Wir machen die Jungs mit dieser Beanspruchung kaputt“, sagt Otto Kneitinger und fügt ein Beispiel hinzu: „Sebastian Seidl kam kürzlich von einem Turnier aus Japan zu uns nach Russland. Der arme Kerl musste innerhalb von zwei Tagen sieben Kilogramm Gewicht machen. Der war derart geschlaucht, dass er im geheizten Hotel mit Handschuhen rumgelaufen ist, so hat er gefroren.“

Judo: Abensberg verzichtet auf Bundesliga

Enormer Qualifikationsstress

Solche Torturen möchten die Abensberger ihren Kämpfern vor Rio nicht mehr zumuten. Sie stellen sich damit indirekt auch in den Dienst des gesamten deutschen Judosports, dessen öffentliche Förderung und Wahrnehmung ja maßgeblich von Erfolgen bei Olympischen Spielen bestimmt wird. Abmeldung aus der Bundesliga: Das bedeutet, dass den Athleten weitere, über den enormen Qualifikationsstress hinausreichende Belastungen erspart bleiben. „Wir möchten den Weg der Abensberger Sportler zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro unterstützen, erleichtern, finanziell begleiten und so die Chancen zur Teilnahme in Rio erhöhen“, fasst Kneitinger die Intention in Worte.

Eine Alternative wäre gewesen, dass der TSV zwei Saisons lang ohne seine Olympiakandidaten auf die Matte hätte gehen müssen. Dies wäre natürlich nicht ohne gravierende Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit des Abonnementmeisters geblieben. „Wir hätten unsere Ausnahmestellung im deutschen und europäischen Judosport durch Auftritte ohne unsere Top-Sportler in Frage gestellt“, resümiert Kneitinger. Diese Konstellation erschien dem über Jahrzehnte erfolgsverwöhnten TSV unattraktiv.

Daher der Rückzug. Gewiss eine sportliche Zäsur, allerdings auch eine, die eine Perspektive auf einen Neuanfang eröffnet. Abensbergs zweite Mannschaft ist soeben als Bayernliga-Meister in die Regionalliga aufgestiegen und peilt in der diesjährigen Saison den Aufstieg in die 2. Liga an. Aus dieser soll dann 2016 die Rückkehr in die Beletage des deutschen Judosports gelingen, Abensbergs Judoka wären 2017 wieder erstklassig, sofern dieses Konzept greift. Die Voraussetzungen dafür sind schon erstklassig. „Der Sponsorenpool des Vereins hat bestätigt, alle bisher geförderten Sportler des Abensberger Teams auch ohne Teilnahme an der Bundesliga in gleichem Maße und ohne Abstriche bis Rio 2016 zu fördern“, so heißt es in einer Erklärung des TSV. Soll heißen: Abensberg bindet mit Unterstützung der Sponsoren seine Olympiakandidaten weiterhin an sich. Auch die Arbeit des Leistungsstützpunkts ist von der Entscheidung nicht berührt.

Begeisterung am Köcheln halten

Gleichzeitig will Kneitinger während der Bundesliga-Pause die Judo-Begeisterung in Niederbayern mit gezielten Werbeaktionen und sportlichen Ereignissen am Köcheln halten. Ein Showkampf mit der russischen Nationalmannschaft, die er zur Olympia-Vorbereitungin Abensberg erwartet, schwebt ihm vor. Denkbar seien auch Lehrgänge mit Top-Stars, Promotion-Termine mit Olympia-Kandidaten oder Integrationskurse.

Otto Kneitinger tritt entschieden dem Eindruck entgegen, der TSV Abensberg habe wegen der strukturellen Defizite im nationalen wie internationalen Judosport eine neue sportliche Heimat im Schmollwinkel bezogen. „Wir spielen hier nicht die beleidigte Leberwurst“, betont der 60-Jährige. Dennoch legt er seinen Finger in so manche Wunde. Das vom DJB vorgelegte Bundesliga-Statut bezeichnet Kneitinger schlicht als „Witz“ und in seinen Auswirkungen verheerend. „Uns als Verein fehlen die Vermarktungsrechte, uns fehlen die Fernsehrechte“, moniert er. Der Modus zur Austragung des Finales sei nochmals unattraktiver geworden. Dabei sei bereits 2014 in Abensberg ein Defizit in Höhe von rund 15 000 Euro aufgelaufen.

Kneitinger beschreibt ein weiteres Dilemma in der Außenwirkung des Judosports: die gähnende Langeweile, die sich eingeschlichen hat. Tatsächlich lässt sich für das Publikum ein Spannungsmoment nur schwerlich oder künstlich konstruieren, wenn der Meister über einen Zeitraum von zehn Jahren immer nur TSV Abensberg heißt. Die erdrückende Dominanz der Niederbayern spricht Bände, denn sie legt den Verdacht nahe, dass an anderen Judo-Standorten der Republik bei weitem nicht so professionell gearbeitet wird.

„Wollen natürlich aufrütteln“

Addiert man die Flut der Qualifikationsturniere für Olympia hinzu, die der Weltverband den Athleten diktiert, entsteht das Bild einer Sportart, die sich selbst im Weg steht; und das im beinharten Wettbewerb mit anderen Sportarten wie Karate, die selbst mit aller Macht auf die olympische Bühne streben.

„Mit unserem Schritt wollen wir alle Beteiligten natürlich auch ein bisschen aufrütteln“, sagt Kneitinger. Der 60-Jährige sieht sich offensichtlich noch nicht am Ende seiner Mission. Auch wenn sich der TSV nun auf Zeit aus der Bundesliga verabschieden wird, ist das letzte Kapitel der atemberaubenden Abensberger Judo-Erfolgsstory sehr wahrscheinlich noch nicht geschrieben.

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