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Themenwoche

Franz Stiglmaiers Hopfen-Dilemma

Die Ergebnisse des Hallertauer Pilotprojekts zum Trinkwasserschutz sind für den Landwirt ernüchternd. Es geht ans Geld.
Von Beate Weigert

  • Weniger Dünger, sauberes Wasser und trotzdem eine gute Ernte? So weit die Theorie zu nachhaltigem Trinkwasserschutz und erfolgreichem Hopfenbau beim „Hallertauer Modell“. Erste Erfahrungen zeigen, so einfach ist es nicht. Foto: Hoppe/dpa
  • Blick in den Versuchsschacht im Hopfengarten von Josef Huber in Steinbach. Von diesem aus werden 60 Saugkerzen angesteuert. Sie entnehmen Sickerwasser in vier verschiedenen Ebenen. Foto: VöF
  • Das Projekt soll in Kürze fortgesetzt werden. Statt nur einem Landwirt, sollen 10 bis 15 im Landkreis Kelheim und neu im Landkreis Pfaffenhofen, eingebunden werden. Um belastbarere Daten in der Fläche zu erhalten. Foto: VöF

Attenhofen.An Osterferien ist für Franz Stiglmaier gerade nicht zu denken. Für den Hopfenpflanzer aus Attenhofen beginnt jetzt die Arbeit. Entweder ist er mit seinen Helfern in luftiger Höhe auf der Arbeitskanzel hoch über dem Frontlader seines Traktors anzutreffen, um Drähte im Hopfengarten aufzuhängen oder unten am Boden, um die jungen Triebe anzuleiten. Der Hopfenbau ist eine arbeitsintensive Angelegenheit.

Die Spezialkultur zählt darüber hinaus aber auch zu den intensivsten Formen des Ackerbaus – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Grundwasser. Franz Stiglmaier kennt das Dilemma zwischen Produktivität und Grundwasserschutz aus dreierlei Perspektiven. Als Landwirt, als Bürgermeister der 1300-Seelen-Gemeinde in der Verwaltungsgemeinschaft Mainburg und als Beirat im Zweckverband Wasserversorgung (ZVWV) Hallertau.

Der Landwirt Stiglmaier fürchtet Ertragseinbußen

Stiglmaier nennt einen mittelgroßen Hopfenbetrieb sein Eigen. Auf 20 Hektar baut er die im großen Stil von den Brauereien gefragten Sorten Herkules, Perle und Tradition an, auf einer kleinen Teilfläche die noch junge Flavour-Hop-Sorte Hallertau Blanc, die Weinaroma erzeugt. Das Problem Nitrat in Boden und Grundwasser ist ihm und seinen Berufskollegen bekannt. Weil man aktuell viel zu wenig darüber wisse, stand der Attenhofener dem Leader-Pilotprojekt „Hallertauer Modell“ (s. Infokasten), das sich einen ressourcenschonenden Hopfenbau auf die Fahnen geschrieben hat, von Anfang an positiv gegenüber, wie er sagt. Im Kleinen testete er auf seinen Feldern parallel Aspekte, die auch in der Versuchsanlage in Steinbach untersucht worden sind. Doch dazu später mehr.

Franz Stiglmaier kennt das Problem als Landwirt, Bürgermeister und Zweckverbands-Beirat.
Franz Stiglmaier kennt das Problem als Landwirt, Bürgermeister und Zweckverbands-Beirat. Foto: Weigert

Das „Grüne Gold“, wie der Hopfen in der Hallertau auch genannt wird, beschert einem Hopfenpflanzer nicht von selbst ein dickes Konto, wie die Bezeichnung vielleicht glauben lassen könnte. Fast ein halbes Jahr intensivste Bearbeitung ist nötig. Beim Düngen braucht es in etwa so viel wie beim Getreide. Bei den Spritzmitteln noch mehr. Fünf- bis achtmal müssen die Bauern vielfältigsten Feinden des Hopfens zuleibe rücken. Falschem Mehltau, Blattläusen oder Roter Spinne, um nur einige zu nennen.

Von Juni bis zur Ernte Ende August brauche der Hopfen zudem viel Wasser. Idealerweise pro Monat an die 100 Liter pro Quadratmeter. Im Hitzejahr 2015 hätte Stiglmaier die Reben gerne bewässert, doch seine Hopfengärten haben keinen Wasserzugang. Er schätzt, dass bislang zehn bis 15 Prozent der Hallertauer Hopfenflächen bewässert werden.

„Ein zentraler Erfolgsbaustein ist der Kilo-Ertrag pro Hektar. Davon kann man sich nicht einfach lösen.“

Franz Stiglmaier über den internationalen Wettbewerbsdruck. Die Hallertauer Hopfenbauern konkurrieren mit Produzenten in den USA und China

Landwirte wie Franz Stiglmaier konkurrieren mit ihrem Nischen-Produkt viel stärker mit der internationalen Konkurrenz als es Erzeuger anderer Feldfrüchte tun. Die Ertragsoptimierung spielt bei ihnen eine noch zentralere Rolle. Wenn es ums Düngen geht, ist die Ertragsoptimierung die Richtschnur, sagt Stiglmaier. Und dieses Potenzial müsse man ausschöpfen, wenn man sich auf dem internationalen Markt stabil Erträge sichern möchte. Ein zentraler Erfolgsbaustein sei der Kilo-Ertrag pro Hektar. Davon könne man sich nicht einfach lösen. Denn sonst verliere man Wettbewerbskraft.

Das könne sich niemand leisten. Die große Konkurrenz in den USA und China sitzt den Hallertauern schon lange im Nacken. Sie bringt es auf 2500 bis 3000 Kilo pro Hektar. Stiglmaier und seine Kollegen rangierten lange bei um die 2000 Kilo. Mit den Hoch-Alpha-Sorten schaffen sie es inzwischen auch auf dieses Niveau.

Bleibt aber immer noch das Nitratproblem. Das was insbesondere die Väter der heutigen Landwirte vor 30 oder 40 Jahren sorglos ausstreuten, holt die Generation heute und wohl auch die nachfolgenden ein. Sie müssen sich dem Problem stellen, ihm von der Oberfläche aus entgegenwirken. Ein Anfang ist das „Hallertauer Modell“. Viel mehr aber noch nicht.

Auch eine Meßstation gehört zur Modell-Anlage. Foto: VöF
Auch eine Meßstation gehört zur Modell-Anlage. Foto: VöF

Im ersten Projektzeitraum ging es darum, weniger Dünger einzusetzen und sich die Auswirkungen aufs Trinkwasser anzuschauen. Darüber hinaus testete man, welche Unterschiede sich zwischen der herkömmlichen, großflächigen Düngung und einem gezielteren Ausstreuen bzw. -spritzen ergeben. Letzteres versuchte auch Stiglmaier in seinen Hopfengärten. Die Menge reduzierte er bislang noch nicht.

„So viel Geld kann keiner einfach so auslassen.“

Franz Stiglmaier über die Ertragseinbußen, die sich aus der Versuchsanlage durch weniger Düngen ergaben

Im Versuchshopfengarten von Josef Huber in Steinbach wurde darüber hinaus, zum einen die Menge des Stickstoffs um ein Drittel reduziert, zum anderen wurde nur auf zwei Dritteln der Fläche Dünger ausgebracht. Erstes Fazit: Weniger Nitrateinsatz reduziert die Belastung im Grundwasser, aber auch die Qualität des Hopfens. Auf den Versuchsflächen wurden fünf bis zehn Prozent weniger Ertrag erwirtschaftet. Am Ende der Hopfensaison wäre das um einiges weniger an Geld, sagt Stiglmaier. Eine niederschmetternde Erkenntnis: Denn die Kostenersparnis beim Dünger stünde in keiner Relation zu den Mindereinnahmen. So viel Geld könne keiner einfach so auslassen. Wenn dann müsste die Differenz in Form einer Entschädigung fließen. Doch eine solche sei nicht in Sicht.

Auch bislang düngt Franz Stiglmaier nicht ins Blaue, sagt er. Jedes Frühjahr werden die Hopfengärten bis in 90 Zentimeter Tiefe beprobt und analysiert, bevor‘s ans Düngen geht.
Auch bislang düngt Franz Stiglmaier nicht ins Blaue, sagt er. Jedes Frühjahr werden die Hopfengärten bis in 90 Zentimeter Tiefe beprobt und analysiert, bevor‘s ans Düngen geht. Foto: VöF

Bereits heute dünge er nicht ins Blaue, betont Stiglmaier. Seit vielen Jahren werden seine Hopfengärten jedes Frühjahr bis in 90 Zentimeter Tiefe beprobt, der mineralische Gehalt im Boden ermittelt. Etwa die Hälfte seiner Kollegen praktiziert das so. Stiglmaier persönlich war schon deshalb in der Pflicht, weil seine Flächen früher im Wassereinzugsgebiet lagen und dort per Bewirtschaftungsvertrag mit dem ZVWV das Düngen nur eingeschränkt erlaubt war. Inzwischen ist der entsprechende Attenhofener Brunnen aufgegeben. Die Nitrat-Grenzwerte waren überschritten.

„Wir sollen unter wirtschaftlichen Bedingungen erzeugen und wettbewerbsfähig sein. Gleichzeitig ist klar, wenn wir die Trinkwasserqualität nicht in den Griff bekommen, wird es problematisch.“

Franz Stiglmaier über den Spagat vor dem er und seine Berufskollegen stehen

Der Spagat, vor dem die Landwirte in vielen Bereichen stehen, wird beim Hopfenbau besonders offensichtlich. „Wir sollen unter wirtschaftlichen Bedingungen erzeugen und wettbewerbsfähig sein“, sagt Stiglmaier. Gleichzeitig sei ihm und jedem seiner Kollegen klar, wenn „wir die Trinkwasserqualität nicht in den Griff bekommen, wird es problematisch.“

Wirtschaftlichkeit und Ökologie zusammenbekommen, geht das?
Wirtschaftlichkeit und Ökologie zusammenbekommen, geht das? Foto: VöF

Der Wasserzweckverbandsbeirat fordert „viel mehr Forschung“

Seit 2008 ist Franz Stiglmaier Bürgermeister. Als solcher sitzt er im Werkausschuss des Hallertauer Wasserzweckverbands. Seit 15 bis 20 Jahren kämpft dieser mit steigenden Nitratwerten im Grundwasser. „Dem Problem müssen wir auf den Grund gehen“, findet der Beirat. Bewirtschaftungsverträge mit Landwirten, die ihre Äcker im Wassereinzugsgebiet haben, regeln bereits heute die Intensität der Nutzung von Dünger. Zwischenfruchtanbau, der das Nitrat im Oberboden bindet, und bis ins Frühjahr keine offenen Böden sind darin ebenfalls Auflage. So soll über den Winter verhindert werden, dass Nitrat aus den Böden gewaschen wird.

Der ZVWV sieht sich mit EU-Richtwerten konfrontiert, beim Nitrat sind maximal 50 Milligramm pro Liter zulässig. In einigen Brunnen wurde dieser überschritten. Auch dort wo Stiglmaier seine Felder hat. Alternativen fand man wie andere Wasserversorger in einem Forstgebiet, konkret im Grafendorfer Forst. Das alleine reicht aber nicht. Deshalb ist auch Stiglmaier daran gelegen, dass das Nitratproblem näher erforscht wird. Aktuell wisse man viel zu wenig darüber, welche Wege das Wasser, das sich in einem Trinkwasserbrunnen befindet, vorher zurückgelegt hat. Darüber hinaus könnten noch weitere Standorte requiriert werden müssen. Möglicherweise sei der Dürnbucher Forst eine Option, so Stiglmaiers „private Meinung“.

Nach Leader ist vor Leader

  • Als „Hallertauer Modell“

    ist das Leader-Projekt zum ressourcenschonenden Hopfenanbau und nachhaltigen Trinkwasserschutz in der Region bekannt.

  • 2009 war mit dem Hopfengarten

    von Josef Huber im Mainburger Ortsteil Steinbach der Ort für den Bau einer Versuchsanlage gefunden.

  • Von 2010 bis 2014

    wurden erste Daten gesammelt, um dem Stickstoff (NO3) im Boden auf die Spur zu kommen.

  • In einem Teil

    des Hopfengartens wurde der Dünger nur direkt an der Hopfenpflanze ausgebracht, in einem anderen auf der Fläche. Die Unterschiede wurden analysiert.

  • Herzstück der Versuchsanlage

    ist der Service- und Probeentnahme-Schacht. Von diesem aus werden in zwei Versuchsparzellen 60 Saugkerzen angesteuert. Diese entnehmen Sickerwasser in vier verschiedenen Ebenen. Parallel dazu werden Saugspannung, Bodenfeuchte und -temperatur gemessen. Eine Wetterstation lieferte Witterungsdaten.

  • Das angedachte Folge-Projekt „HopfeNO3“

    soll auf den Nachbarlandkreis Pfaffenhofen ausgeweitet werden, so Leader-Manager Klaus Amann. Untertitel: Praxisnahe Optimierung des Stickstoffkreislaufs im Hopfenanbau. Damit der Praxisbezug noch größer wird, sollen zehn bis 15 engagierte Hopfenbetriebe ins Boot geholt werden. Der Stickstoff-Gehalt im Boden soll noch genauer und öfter bestimmt werden. Auf Grundlage der erhobenen Werte soll dann noch genauer gedüngt werden. Die ausgewählten Betriebe sollen gut über die beiden Landkreise verteilt sein. Die Ergebnisse so aussagekräftiger werden.

  • Das Projekt

    soll zur Zielerfüllung der EU-Wasserrahmenrichtlinie beitragen. Ein Ziel ist es kurz gesagt, „dass das Nitrat im Wurzelstock des Hopfens bleibt“, so Amann. Und nicht weiter in Boden bzw. Grundwasser eindringt. U.a. soll dies durch Unter- und Zwischensaaten erreicht werden.

  • Parallel zu

    den Testbetrieben sollen sich auch die Schüler der Landwirtschaftsschule in Pfaffenhofen beteiligen. Eine Masterarbeit an der TU München will unterstützend die Stickstoffwerte in Gewässern untersuchen.

  • Das bisherige Projekt-Volumen

    von 225 000 Euro (Förderung: 100 000 Euro) soll sich auf 340 000 Euro (Förderung: ca. 175 000 Euro) erhöhen. Der Antrag im April fertig sein. (re)

Der Bürgermeister sieht die Trinkwasserversorgung gesichert

Als Bürgermeister hat Stiglmaier das „Hallertauer Modell“ positiv verfolgt und sich im Werkausschuss für die Fortführung eingesetzt. Enttäuscht ist er von der geringen finanziellen Beteiligung der Hopfenwirtschaft bei der Kofinanzierung. Die Bürger bräuchten sich nicht sorgen, dass das Trinkwasser in absehbarer Zeit knapp werden könnte. Dass der ZVWV das Wasser noch stärker aufbereiten müsse, könne notwendig werden. Aktuell werde etwa bei den Brunnen im Grafendorfer Forst das Wasser mit Sauerstoff versetzt, damit das Eisen ausgefällt werden kann. Dass noch mehr Kniffe nötig sein könnten, um den unbedenklichen Genuss zu gewährleisten, sei zwar nicht wünschenswert. Aber wenn es dafür sorge, dass der Rohstoff zur Verfügung stehe, eine Option.

Alois Siebler, der Geschäftsführer des Zweckverbands Wasserversorgung Hallertau, weiß um den Druck. Dennoch ist er skeptisch, ob sich wirklich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen.
Alois Siebler, der Geschäftsführer des Zweckverbands Wasserversorgung Hallertau, weiß um den Druck. Dennoch ist er skeptisch, ob sich wirklich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen. Foto: ZVWV Hallertau

So sieht‘s der Geschäftsführer des Hallertauer Wasserzweckverbands

Wenn er ehrlich ist, hat sich der Geschäftsführer des Zweckverbands Wasserversorgung (ZVWV) Hallertau vom Pilot-Projekt „Hallertauer Modell“ mehr erwartet. Die Daten, die bislang erhoben werden konnten, „sind nicht so aussagekräftig, wie wir uns das ursprünglich vorgestellt haben.“ Dennoch habe man etwas erreicht, sagt Alois Siebler. Zumal die Versuchsanlage etwa ein Jahr ausgefallen sei. Richtig optimistisch ist der 63-Jährige aber nicht, wenn er daran denkt, dass man mit dem Projekt, das in Kürze auch fortgesetzt werden soll, quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will. Sprich: Trinkwasser schützen durch weniger Düngen und trotzdem entsprechende Hopfenerträge erzielen. Siebler, der seit 1986 im Betrieb tätig und seit 1997 Geschäftsführer ist, bezweifelt, dass sich beidem gerecht werden lässt.

„Die Daten, die bisher erhoben werden konnten, sind nicht so aussagekräftig, wie wir uns das ursprünglich vorgestellt haben.“

Alois Siebler, Geschäftsführer des ZVWV Hallertau

Man müsse kompromissbereit sein und einen Mittelweg finden. Dass etwa Landwirte, die weniger düngen, entschädigt werden. So wie bereits jetzt im Kleinen Entschädigungen für Düngeverzicht in Wassereinzugsgebieten gezahlt werden (Anm. d. Red.: Geregelt ist dies in entsprechenden Bewirtschaftungsverträgen). In jedem Fall müssten Landwirte mit Wasserversorgern und Wissenschaftlern zusammenarbeiten, um etwas voranzubringen. Immerhin ändere sich etwas im Denken, glaubt Siebler. Mit dem Folgeprojekt wähnt er sich insgesamt daher dennoch auf einem guten Weg.

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