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Kirchenasyl

„An die Menschenwürde erinnern“

Verfolgung, Flucht, Herbergssuche – da war doch was…: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus in Bad Abbach gewährt Kirchenasyl.
Von Martina Hutzler

„Propheten“ ist heuer Jahresthema in der Pfarrei St. Nikolaus. Im Kirchenasyl sehen Waltraud Brombierstäudl und Pfarrer Anton Dinzinger die aktuelle Form, in der Kirche Menschenwürde anmahnen soll.
„Propheten“ ist heuer Jahresthema in der Pfarrei St. Nikolaus. Im Kirchenasyl sehen Waltraud Brombierstäudl und Pfarrer Anton Dinzinger die aktuelle Form, in der Kirche Menschenwürde anmahnen soll. Foto: hu

Bad Abbach.Der Bad Abbacher Pfarrer Anton Dinzinger und Waltraud Brombierstäudl vom Asyl-Helferkreis sind entschiedene Verfechter für Kirchenasyl in begründeten Fällen. Im MZ-Gespräch erklären sie das.

Innenminister Lothar de Maizière hat heuer Kirchengemeinden vorgeworfen, sich über Gesetze hinwegzusetzen, Kirchenasyl zu ungeprüft zu gewähren. Trifft dieser Vorwurf auf Ihre Pfarrei zu?

Pfarrer Anton Dinzinger: Dem will ich ganz entschieden widersprechen – weil wir uns reiflich überlegen, wem wir Kirchenasyl gewähren.

Warum greift die Kirche überhaupt in das staatliche Asylverfahren ein?

Dinzinger: Damit die betroffenen Menschen Raum und Zeit gewinnen und ihr Fall nochmals geprüft wird. Sie sollen die Chance erhalten, nicht dorthin zurück zu müssen, wo es kein menschenwürdiges Leben gibt.

Reicht nicht die Prüfung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge?

Dinzinger: Wir befürchten, angesichts der großen Zahl an Flüchtlingen, dass der Staat nicht mehr gewissenhaft genug prüft – weil er einfach überfordert ist. Meine Mitarbeiter hören dem Betroffenen Stunden lang zu – dafür ist doch im staatlichen Verfahren gar keine Zeit mehr.

Wem gewähren Sie derzeit Kirchenasyl?

Waltraud Brombierstäudl: Zur Zeit drei Männern. Einer ist im Iran zum Christentum konvertiert und später deswegen geflohen. Er wurde zuerst in Ungarn registriert, dort waren die Zustände unerträglich. Später ist er in Regensburg gelandet. Der zweite stammt aus Nigeria, ebenfalls ein Christ. Der dritte ist ein Moslem, aus Irak.

Wie kamen sie zu Ihnen?

Sie werden uns über Anwälte vermittelt. Dadurch besteht eine rechtliche Grundlage und die Chance auf ein neues Asylverfahren. Es sind Menschen, die nach dem Dublin-Abkommen zurück ins EU-Erstaufnahmeland sollen, Bulgarien oder Ungarn zum Beispiel. Wenn man Berichte von dort liest, dass die Leute in Lager gesteckt werden, kaum was zu essen bekommt – dann kann man doch dahin niemanden zurückschicken…

Staat, Kirche und Asylsuchende

  • Tradition

    „Kirchenasyl“ greift eine jahrhundertealte Schutztradition auf. Seit ca. 30 Jahren wurde es zu einer Art Institution, wenn eine Abschiebung in Gefahrensituationen droht.

  • Aktuell

    „Kirchenasyl“ bedeutet heute die zeitlich befristete Aufnahme von Flüchtlingen ohne legalen Aufenthaltsstatus, denen bei Abschiebung in ihr Herkunftsland Folter und Tod drohen oder für die mit einer Abschiebung nicht hinnehmbare soziale, inhumane Härten verbunden sind. Dazu sollen alle rechtlichen, sozialen und humanitären Gesichtspunkte geprüft werden. Ziel ist es nachzuweisen, dass Entscheidungen von Behörden überprüfungsbedürftig sind und ein neues Asylverfahren erfolgversprechend ist. In allen Fällen werden die Behörden und Gerichte über den Aufenthalt des Asylsuchenden unterrichtet.

  • „Dublin III“

    Die „Dublin III“-EU-Verordnung legt fest, welcher Staat für die Prüfung eines Asylantrages zuständig ist. In einem anderen EU-Staat werden dann etwaige Asylgründe gar nicht erst überprüft. Die geplante EU-weite Angleichung der Prüfung von Asylanträgen und der Aufnahmebedingungen für Asylsuchende wurde jedoch nicht umgesetzt. Deshalb wird Kirchenasyl auch gewährt, um Flüchtlinge vor der Abschiebung in nicht funktionierende Asylsysteme, Armut und Obdachlosigkeit zu schützen, etwa nach Ungarn oder Italien.

  • Wirkungsweise

    Wird ein Flüchtling sechs Monate lang nicht ins Erst-EU-Land zurückgeführt, wird das aktuelle Aufenthaltsland für die Prüfung des Asylantrags zuständig. Dann erst werden die Fluchtgründe inhaltlich gewürdigt.

  • Quelle: Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V.

Der Innenminister kritisierte, damit werde von den Kirchenasyl-Gemeinden die gültige Rechtslage in Europa abgelehnt. Ist es für Kirche legitim, dies zu tun?

Dinzinger: Ja. Wir wollen daran erinnern, dass jeder Mensch das Recht auf Menschenwürde, Freiheit und körperliche Unversehrtheit hat – so wie es in unserem Grundgesetz steht. Ich nenne das das ,prophetische Auftreten der Kirche’. Die Propheten des Alten Testaments haben regelmäßig die politischen Zustände kritisiert. Und damals war das ja gefährlich – man denke nur an Johannes den Täufer, den hat’s den Kopf gekostet…

Auch wenn’s so schlimm wohl nicht werden wird heutzutage: Sehen Sie sich Anfeindungen ausgesetzt?

Dinzinger: Nein, überhaupt nicht.

Brombierstäudl: Nein, manche drücken sogar Bewunderung aus. Aber es gibt auch welche, die nichts mit dem Thema zu tun haben wollen.

Dulden die Behörden das Kirchenasyl?

Brombierstäudl: Ja, wir hatten zum Beispiel noch nie die Polizei oder ähnliches da. Jedes Kirchenasyl muss offiziell beschlossen werden, von der Kirchenverwaltung und dem Pfarrer.

Gab es darüber hier Diskussionen?

Brombierstäudl: Nein, gar nicht. Der Beschluss wird dann der Ausländerbehörde am Landratsamt und dem Bundesamt für Migration bekanntgegeben. Kirchenasyl darf nur in einem Kirchen-Raum gewährt werden. Wir haben das Glück, dass wir über solche Räumlichkeiten verfügen.

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Dinzinger: Sie dürfen den Asylraum nicht verlassen. Sie leben praktisch wie Gefangene – obwohl sie vielleicht eh schon traumatisiert sind.

Brombierstäudl: Wir kümmern uns zu zweit um die Leute. Sie werden von der Pfarrei versorgt, weil sie ja keine staatlichen Leistungen erhalten. Wir sind ja praktisch die einzigen Gesprächspartner in der Zeit. Wir hören zu, lernen Deutsch mit ihnen.

Geschätzt knapp 460 Menschen leben zurzeit bundesweit im Kirchenasyl, darunter etwa 102 Kinder.
Geschätzt knapp 460 Menschen leben zurzeit bundesweit im Kirchenasyl, darunter etwa 102 Kinder. Foto: dpa

Sie stecken viel Zeit und Kraft in diese Aufgabe – was ist Ihre Motivation?

Brombierstäudl: Mein christlicher Glaube! Das Thema Asyl ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir derzeit haben: Wir dürfen nicht wegschauen!

Dinzinger: Wir reden an Weihnachten von der Herbergssuche, sind traurig, dass die Heilige Familie einst von niemandem aufgenommen worden ist. Und selber wollen wir die Schranken schließen?!?

Immer mehr Menschen fürchten, die Vielzahl der Flüchtlinge überfordere uns …

Brombierstäudl: Länder wie Jordanien oder Libanon sind selbst arm und nehmen so viele Flüchtlingen auf – und bei uns ist so ein Getue…

Dinzinger: Wir sind 80 Millionen Einwohner – und sorgen uns wegen einer Million Flüchtlingen? Wenn in unsere Kirche mit 100 Besuchern einer käme, der arm, zerlumpt, hungrig ist – da würde doch sagen: Klar nehmen wir den auf! Die Stärke des Christentums ist die Gastfreundschaft!

Sorgen sich nicht gerade Christen, dass ihre Religion ins Hintertreffen gerät, weil vorwiegend Moslems zu uns kommen?

Dinzinger: Früher haben wir Missionare in den Dschungel geschickt, um den Glauben zu verkünden – und jetzt haben wir Angst, weil Andersgläubige zu uns kommen?! Das Jahresmotto unserer Pfarrgemeinde lautet heuer ,Wir sind Gesandte’. Ich sehe es in der Tat als Aufgabe von jedem von uns, Andersgläubigen den christlichen Glauben nahezubringen. Nicht durch Kreuzzüge – durch christliche Nächstenliebe. Man muss nur ein Stück weit verrückt sein, Liebe in die Welt bringen zu wollen…

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