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Sozialfall

Schwere Vorwürfe gegen das Jobcenter

Eine Abbacherin fühlt sich bei der Wohnungssuche ihrer alleinerziehenden Tochter veräppelt. Der Amtschef kontert.
Von Beate Weigert

Bezahlbare Wohnungen sind Mangelware. Und: Zahlt das Amt, gelten in jedem Ort andere Höchstsätze, wissen die Mitarbeiterinnen von Donum Vitae.
Bezahlbare Wohnungen sind Mangelware. Und: Zahlt das Amt, gelten in jedem Ort andere Höchstsätze, wissen die Mitarbeiterinnen von Donum Vitae. Foto: Marcus Simaitis/dpa

Bad Abbach.Andrea S. (Anmerk. d. Red.: Name geändert) aus Bad Abbach fühlt sich vom Jobcenter veräppelt und im Stich gelassen. Ihre Tochter Sabrina (22) ist alleinerziehende Mutter eines 16 Monate alten Kindes und braucht dringend eine kleine eigene Bleibe. Alles hängt daran, dass sie einen Kita-Platz beantragen kann und wieder arbeiten gehen kann.

Nach ihrer Erfahrung mit dem Amt in Abensberg erhebt Andrea S. Vorwürfe gegen die Behörde und das heimische Rathaus. Alles kümmere sich aktuell um die Unterbringung von Flüchtlingen. Als Deutsche fühlte sie sich allein auf weiter Flur. Jobcenter-Geschäftsführer Michael Sturm verwehrt sich gegen derlei Behauptungen. Er sagt: Unsere Hauptarbeit sind Deutsche und andere Sozialleistungsbezieher, nicht Flüchtlinge.

Erst Zu-, wenig später Absage

Doch der Reihe nach: Was Andrea S. und ihre Tochter so erzürnt, ist das Hü und Hott aus dem Jobcenter. Erst erhielt sie per Brief eine Zusage für die nach zweiwöchiger Suche gefundene Mietwohnung in Bad Abbach. Wie in der notwendigen Mietbescheinigung angegeben, seien die Kosten sozialrechtlich angemessen, war da zu lesen. Alles schien geregelt. Nur wenige Tage später kam aber ein Fax, in dem genau das Gegenteil zu lesen war. Man müsse auch die Heizungs- und Wasserkosten anteilig einrechnen, nun sei die Wohnung um 27 Euro zu teuer. Sprich die Kosten würden doch nicht übernommen, weil diese eben nicht sozialrechtlich angemessen seien. Man bedauere den Fehler. Auch das Vorstrecken der Kaution in Form eines Darlehens komme nicht in Betracht.

Gerade dieses war Andrea S. und ihre Tochter Sabrina am dringlichsten. Sie fielen aus allen Wolken und kontaktierten die MZ. Denn die Zeit drängte. Zwar war die 22-Jährige kurzzeitig bei ihrer Mutter untergekommen. Doch deren Vermieter der 80-Quadratmeter-Wohnung, in der Andrea S. mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern lebt, erklärte, dass Sabrina und ihr Kind bald ausziehen müssen. Der Mietvertrag erlaube keine längere Unterbringung.

Das sagt Verein Donum Vitae

  • Doris Schiller,

    die Leiterin des Vereins Donum Vitae in Regensburg, weiß, wie schwer es oft für Alleinerziehende wie Familien im Einzugsbereich ist, eine Wohnung zu finden.

  • Donum Vitae berät

    nicht nur Schwangere, der Verein kümmert sich auch um Fälle wie Sabrina S. „Wir schauen uns immer den Einzelfall an“, so Schiller.

  • Die Wohnungsnot sei groß

    . Auch wenn zuletzt Bewegung in den Markt kam, profitierten Mütter und Familien nicht davon. „Sehr hochpreisige“ Wohnungen sind mit Regelsätzen vom Amt nicht drin. Und für kinderreiche Familien obendrein zu klein.

  • Mit 4,75 Planstellen

    kümmert sich Donum Vitae um Menschen in Stadt und Landkreis Regensburg, Kelheim, Cham und Neumarkt. Mehr als 1700 Menschen wurden 2015 beraten. Und damit sei man „sehr, sehr ausgelastet“.

  • In jedem Landkreis

    und dort wiederum in jedem Ort gibt es verschiedene Quadratmeter-Sätze und entsprechende Höchstsätze, weiß Schiller.

  • Im Fall von Sabrina S.

    konnte laut ihrer Mutter über die Stiftung „Kinder in Not“ eine Lösung gefunden werden. Donum Vitae arbeitet mit verschiedenen Stiftungen zusammen. (re)

„Meine Tochter ist bald obdachlos, aber ich kann sie doch nicht rausschmeißen“, sagte Andrea S. Bei mehr als 20 Vermietern in Bad Abbach hätten sie sich gemeldet. „Aber immer stehen da 50 bis 100 Leute an, um eine Wohnung zu bekommen.“ Sie sei nicht rassistisch und selbst mit einem „Ausländer“ verheiratet ist. Doch es ereilte sie das Gefühl, „dass niemand mehr auf die Bedürfnisse der eigenen Leute schaut“, so formuliert es Andrea S. Weil sie erst selbst vor wenigen Monaten umgezogen ist, kann sie ihrer Tochter die Kaution nicht leihen.

In ihrer Not wendet sich Andrea S. an die Gemeinde in Bad Abbach, will den Bürgermeister sprechen. Kurzfristig sei da kein Termin zu bekommen, hört sie im Rathaus. Die Gemeinde sei aber auch gar nicht der richtige Ansprechpartner für die Frage, ob Miete und/oder Kaution übernommen würde oder nicht, erklärt Markus Jakomet später unserer Zeitung. Das sei Sache des Jobcenters. Grundsätzlich müsse man eventuell einen Rechtsanwalt hinzuziehen, wenn man sich von diesem ungerecht behandelt fühle.

Ob die Gemeinde selbst günstige Unterkünfte besitze, will die MZ wissen. Ja, aber diese könne man an zwei Händen abzählen und die seien entweder an Sozialschwache vermietet oder würden renoviert, so Jakomet.

Jobcenter-Geschäftsführer Michael Sturm kann angesprochen auf den Fall nicht ausschließen, „dass wir auch mal einen Fehler machen“. Er verspricht der Sache nachzugehen.

Flüchtlinge sind nicht Hauptklientel

Dass es erst eine Zu- und dann eine Absage gegeben habe, kann er sich grundsätzlich nicht vorstellen. Für alle Mitarbeiter gebe es einen vorgeschriebenen Routineablauf. Ob Eile geboten sei, hänge vom Einzelfall ab. Für jeden Ort gebe es vorgeschriebene Obergrenzen. In Bad Abbach liege die bei zwei Personen bei 473 Euro zuzüglich 80 Euro Heizkostenpauschale.

Flüchtlinge seien im Jobcenter natürlich ein Thema. Vor allem wo in den vergangenen Monaten verstärkt Syrer schnell ihre Anerkennung erhalten haben. Daher halten sich in kürzester Zeit viele – oft in Begleitung von Helfern und Dolmetschern – im Amt auf und warten. Weil sehr vieles, auch sehr viele Kleinigkeiten abgewickelt werden müssten. „Die Leute sind sichtbar.“

Dass sich da der entsprechende „subjektive Eindruck“ einstellen könne, es gehe hauptsächlich um Flüchtlinge, sei vorstellbar. Dennoch seien die meisten Klienten immer noch hiesige. Überhaupt: Seine Behörde habe mit den Helfern und dem Landratsamt die Abwicklung trotz der zunehmenden Zahl bislang gut auf die Reihe bekommen, findet Sturm. Trotz Mehrarbeit.

So wie diese Mutter in unserem Archiv-Bild kann Sabrina S. nun wieder lachen.
So wie diese Mutter in unserem Archiv-Bild kann Sabrina S. nun wieder lachen. Foto: Stefan Puchner/dpa

Schnelle Lösung über Donum Vitae

Nach entsprechender Recherche muss Sturm im Fall S. zugeben, dass es sich um ein „Missverständnis in einer Vertretungssituation“ gehandelt hat. Das sei nicht in Ordnung und dürfe nicht passieren. Die zuständige Abteilung wolle das Ganze mit Familie S. klären.

Indessen kann die junge Mutter aufatmen. Im Sozialamt der Gemeinde Bad Abbach hatte sie den Tipp „Donum Vitae“ (s. Infokasten) erhalten. Am Tag nach dem Termin bei dem Regensburger Verein, der sich auch um Hilfebedürftige aus Kelheim kümmert, konnten Mutter und Tochter wieder lachen. Die Stiftung „Mütter in Not“ machte das Darlehen für die Kaution möglich. Sabrina konnte den Mietvertrag unterschreiben.

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