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„Leader“

Brexit verzögert auch Kelheims EU-Pläne

Im Kreis Kelheim gäbe es wieder viele Ideen für „Leader“-Projekte. Das britische Fragezeichen schwebt aber über der Planung.
Von Martina Hutzler

Für viele ist ein „Leader“-Projekt so etwas wie Europa im Kleinen. Im Bild die Arbeiten am „Wald-Wasser-Erlebnis“ Teugn. Foto: Hueber-Lutz / Archiv
Für viele ist ein „Leader“-Projekt so etwas wie Europa im Kleinen. Im Bild die Arbeiten am „Wald-Wasser-Erlebnis“ Teugn. Foto: Hueber-Lutz / Archiv

Kelheim.Ein Generationenpark für Saal, Grundwasserschutz für die Hallertau, eine Seebühne für Riedenburg, ein Netzwerk für Demenzkranke – so vielfältig wie die Herausforderungen im Landkreis Kelheim ist das, was seine Bürger mit „Leader“ umsetzen. Ein Förderprogramm der Europäischen Union, das Vorurteile über die EU bestätigt, aber auch widerlegt. Nächstes Jahr sollte „Leader“ eigentlich in eine neue Runde starten; vor Ort gibt es schon viele neue Projekt-Ideen, berichtet „Leader“-Manager Klaus Amann. Aber das Wirrwarr um den „Brexit“ sorgt für Unsicherheit.

Dass die EU das Programm fortschreibt, steht zwar fest. Aber wie der gesamte EU-Haushalt hängt auch der Leader-Etat davon ab, ob, wann und wie Großbritannien die Gemeinschaft verlässt; vermutlich wird ein Übergangs-Etat nötig. Als EU-Netto-Zahler füllen die Briten (ähnlich wie Deutschland) alljährlich auch den Topf des Programms Leader kräftig mit. Es startete 1991; allein im Kreis Kelheim sind daraus seither rund 140 Projekte entwickelt worden. Aktuell laufen rund 60, die zu einem der vier „Handlungsfelder“ des „Lokalen Aktionsplans“ gehören.

Visionen für die Förderphase 2020-2027

  • Ressourcenschutz:

    Als Ziele peilt die „Leader-Regionalkonferenz Kelheim“ u.a. Gewässer-Schutzstreifen an, 30 km zusätzliche Hecken und 10 Prozent Biotopverbund-Flächen; weniger Folienanbau und mehr Regionalvermarktung in der Landwirtschaft; mehr Bauten mit heimischem Holz

  • Wirtschaft/Tourismus:

    Ziele bis 2030 sind u.a. barrierefreier Tourismus und ÖPNV; bessere Infrastruktur für Radler; die Balance zwischen Tourismus und Naturschutz sowie eine Entlastung Weltenburger Enge durch regional breiter gestreute Tourismusangebote; Landwirtschaft „erlebbar“ machen

  • Dorfkultur:

    Bis 2030, so das Ziel, sollen die Dörfer attraktive Angebote für alle Generationen sowie „Orte der Kommunikation“ haben. Projektideen gibt es u.a. für Dorfbusse, ein „Fest der Kulturen“, ein Steinbruch-Museum, eine „Soziale Landwirtschaft“ z.B. für Menschen mit Handicap

  • Soziales:

    Hier sollen bis 2030 u.a. die ambulante Pflege flächendeckend gesichert, Jugendzentren eingerichtet und Arbeitsplätze für Behinderte geschaffen werden; ein flächendeckendes Nahverkehrs-Netzwerk, Pflegeschulen und Projekte, die die Familien stärken, sind weitere Visionen. (hu)

Vier Themen sind geplant

Weil in allen vier Feldern noch viel mehr zu tun wäre, will sich der Landkreis damit für die neue Förderphase (2020 bis 2027) wieder bewerben: Ressourcen schützen und effizient nutzen; Tourismus, Wirtschaft und Freizeit nachhaltig und naturverträglich gestalten; Dorfkultur und Dorfleben; Bildung und Soziales. Das hat im März eine „Regionalkonferenz“ festgelegt.

Dass darüber Dutzende Teilnehmer aus dem Landkreis – Haupt- und Ehrenamtler aus Wirtschaft, Tourismus, Kommunalpolitik, Soziaverbänden, Naturschutz – einen Tag lang gebrütet haben: Es zeigt, warum „Leader“ getrost als ein „Ehrenretter“ für den europäischen Gedanken gelten darf.

Aha-Erkenntnis bei Einweihungen

Gerne wird ja auf die EU und ihre Regelwerke geschimpft (wobei gerne vergessen wird, dass EU-Regeln meist auf nationale Initiative hin entstehen). Aber es gibt Momente, in denen Brüssel regelmäßig Lob erntet, weiß Klaus Amann: „Da hat uns die EU wirklich mal was gebracht“, hört er fast immer, wenn irgendwo ein Leader-Projekt eingeweiht wird. Die Betreiber vor Ort freilich haben zuvor alle Höhen und Tiefen der europäischen Geld(um-)verteilungsmaschinerie durchlebt.

VÖF-Geschäftsführer Klaus Blümlhuber und Leader-Manager Klaus Amann sind von der gemeinschaftsstiftenden Wirkung des Programms „Leader“ überzeugt. Foto: Hutzler
VÖF-Geschäftsführer Klaus Blümlhuber und Leader-Manager Klaus Amann sind von der gemeinschaftsstiftenden Wirkung des Programms „Leader“ überzeugt. Foto: Hutzler

„Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“: Das heißt – auf Französisch und abgekürzt – „Leader“. Kann so ein Wortungetüm was anderes sein als ein bürokratisches Monster? An der Stelle schaltet sich Klaus Blümlhuber ein, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands Kelheim VöF, an dem die hauptamtliche „Betreuungsstelle“ für Leader angedockt und durch Leader-Manager Amann verkörpert ist. Beim Stichwort EU-Bürokratie zieht Blümlhuber gerne den Vergleich zwischen dem EU-„Life-Natur-Projekt Danubia“ und dem Bundes-Naturschutzprojekt „Altmühlleiten“. Letzteres nannten die VöF-ler intern gerne „Altmühl-Leiden“.

Abschluss

Altmühlleiten: Nicht die pure Euphorie

Nach neun Jahren ist das Naturschutzgroßprojekt umgesetzt. Es gibt viele lobende Worte, aber auch Kritik

Zeit für solch kreative Wortspiele gab es, denn das Projekt im Altmühltal zog sich über zwölf Jahre Planungs- und sieben Jahre Umsetzungszeit hin. Für das EU-Life-Projekt an der Donau „haben wir zwar auch ein halbes Jahr an der Bewerbung gearbeitet“. Aber dann, so Blümlhuber, ging’s umso effizienter: drei bis höchstens fünf Jahre Zeit zum Umsetzen; ein Mal jährlich ein Kontrollbesuch der zuständigen Fachfrau aus Brüssel, mit der sich „sehr unbürokratisch“ fachlich begründete Projektänderungen umsetzen ließen. Die EU als ideal-schlanke Vorbild-Verwaltung? Das wäre, jedenfalls bei „Leader“, aber doch zu schön, um wahr zu sein, räumt Förder-Fachmann Klaus Amann ein.

Verstöße fördern Regulierung

Wie jedes Förderprogramm hat Leader in nunmehr 28 Jahren viel Kleingedrucktes, Kontrollmechanismen, Vorschriften angehäuft. Denn es gibt natürlich auch g’schlamperte oder gar betrügerische Projekt-Betreiber – also kontrolliert die EU, und nach Sündenfällen verschärft sie oft das Regelwerk. Zudem gehört „Leader“ seit 2007 zum Europäischen Landwirtschaftsfonds („Eler“), einem Zigmilliarden-schweren Geldverteilungs-Programm. Da sind strenge Kosten- und Kontrollvorgaben einerseits verständlich.

Lebende Bürokratie-Abwehr

Andererseits stoßen da gerade ehrenamtliche Projektbetreiber an Grenzen, weiß Klaus Amann. Ihnen den Verwaltungskram so weit wie möglich vom Hals zu halten, sieht der Leader-Manager denn auch als seine Hauptaufgabe. Denn nur, wenn die Begeisterung vor Ort nicht im Regelwerk erstickt, kann ein gemeinsam angepacktes Vorhaben seine Haupt-Wirkung erfüllen: dass es das Dorf, den Stadtteil, den Landkreis zusammenschweißt.

Für viele ist ein „Leader“-Projekt so etwas wie Europa im Kleinen. Im Bild die Arbeiten am „Wald-Wasser-Erlebnis“ Teugn. Foto: Hueber-Lutz / Archiv
Für viele ist ein „Leader“-Projekt so etwas wie Europa im Kleinen. Im Bild die Arbeiten am „Wald-Wasser-Erlebnis“ Teugn. Foto: Hueber-Lutz / Archiv

Dieses Gemeinschaftserlebnis bestätigen die Organisatoren von drei „Leader“-Projekten in Hattenhausen, Teugn und Sandsbach, die wir hier beispielhaft vorstellen.

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