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Landwirtschaft

Hennen mit Reise-Verpflichtung

Severin Pausinger stemmt sich in Herrngiersdorf gegen den „Immer billiger“-Trend – mit einem mobilen Hühnerstall.
Von Edith Vetter

Severin Pausingers Hühner sind gechillt und haben keine Furcht vor Menschen. Foto: Vetter
Severin Pausingers Hühner sind gechillt und haben keine Furcht vor Menschen. Foto: Vetter

Herrngiersdorf.Kein Wunder, dass die Hühner mit lautem Freudengegacker Richtung Zaun stürmen. Denn sie haben ihren Futtermeister Severin Pausinger entdeckt. Die Schar umringt den Agrarbetriebswirt, der heute in Begleitung unserer Reporterin ist. Gibt es etwa eine Extraportion Körner?, fragen sich da wohl die neugierigen Hennen.

Interessiert pickt das eine oder andere Federvieh an den Schuhen oder Hosenbeinen, bis Henne Lotta das Schuhband von Severin im Schnabel hat und so lange rumzieht, bis es offen ist. „Ja, das macht sie immer“, lächelt der Jung-Ökonom und bindet sich den Schnürsenkel wieder zu.

Jede Woche ein neues Areal

Der 27-Jährige ist seit Ende letzten Jahres stolzer Besitzer eines mobilen Hühnerstalls und von 240 Hennen. Was er hier im Kleinen mache, bedeute nichts für die Hühner weltweit, aber für seine Hühner hier bedeute es Welten.

Pausinger meint damit seinen Stall auf Rädern, den er jede Woche mit einem Traktor verschiebt. Dann steckt er den Auslauf neu ab und setzt den Hühnern eine frische Wiese vor den Schnabel. Auf große Fahrt gehen Herr und Huhn aber nicht. Regionalität steht im Vordergrund.

Für Severin sind seine Hühner mehr als ein Geschäftsmodell. Er verbringt viel Zeit im Stall, kutschiert sie über neun Hektar eigene Wiesenflächen und sammelt die Eier ein, bis zu 210 am Tag.

Das Hühnerparadies hat nicht nur optische Vorteile: Im Gegensatz zur herkömmlichen Freilandhaltung sammelt sich weniger Kot an einer Stelle und so wird den Krankheitserregern der Nährboden entzogen. Die Wiese wird kaum matschig und liefert ständig neues Gras und die Tiere haben weniger Stress.

Die Idee zum Hühnermobil wurde bei ihm beim letztjährigen Besuch des Zentralen Landwirtschaftsfestes in München geboren. Inzwischen gibt es einige Anbieter von transportablen Ställen in Deutschland, weiß er. Auch im Kreis gibt es Vorbilder, etwa der mobile Hühnerstall Marke Eigenbau, den Familie Köglmeier in Mitterfecking betreibt.

Der land- und forstwirtschaftliche Betrieb der Familie Pausinger gründet auf eine lange Tradition. Seit 1899 ist das Anwesen in Familienbesitz. Seit den 1950er Jahren gibt es auf dem Hof allerdings keine Tierhaltung mehr.

Das wollte er als eine Art Pionierarbeit ändern und sieht in den Hühnern auch eine Zukunft für den Hof.

Statt auf Eier setzt dieser Hof auf einem Milchtankstelle.

Pausinger Junior kennt das Dogma des modernen Landwirtschaftsbetriebs. „Wachsen oder weichen!“, den Spruch höre man ständig in der Ausbildung. Das Wichtigste sei für ihn, dass es den Tieren gut gehe. Wenn der Preis die Haltung bestimme und der Preiskrieg zum Tierleid führe, da müsse man gegensteuern.

Nur wie solle das funktionieren, wenn man den Zehnerpack Eier im Supermarkt für 99 Cent bekomme? Er verlange für seine Eier rund das Dreifache. Das Argument, nicht jeder könne sich die teuren Eier leisten, kennt Pausinger. Jeder müsse selbst beurteilen, wie viel Produkte von gesunden und glücklichen Tieren wert seien. Seine Hühner genießen heute bereits mehr Platz als die meisten Bio-Richtlinien vorschreiben.

Weich wie Watte

Die Eier legen die Glücklichen auf Nestern mit Dinkelspelz, weich wie Watte, täglich bekommen sie Streicheleinheiten, das hofeigene und genfreie Futter wird ihnen auf einem Förderband serviert und zusätzlich dient eine frische und grüne Wiese als Freilauffläche. Die automatischen Türöffner, das Lichtmanagement im Stall, ein Kot-Band zwischen Schlafstätte und Wintergarten, das das Ausmisten erleichtert, werden durch eine Solaranlage am Hühnerdach gespeist. Die Vermarktung ab Hof läuft schon ganz gut.

Der Giersdorfer wolle sich bewusst vom „Immer-billiger“-Trend in der Ernährung absetzen und aufzeigen, wie man regional und umweltverträglich erzeugen könne. Seine flatterfreudigen „Mitarbeiterinnen“ haben eine Legeleistung von 0,7 Eiern. Bei weitem weniger als das Hochleistungs-Käfighuhn.

Was es in Sachen Direktvermarktung im Landkreis Kelheim alles gibt, lesen Sie hier.

Ideen hat Severin Pausinger durchaus noch mehr. So vertreibt er auch ab Hof Nudeln mit hofeigenen Eiern verfeinert, oder Kürbisöl und -kerne aus der eignen steirischen Kürbisplantage. Ebenso denkt er daran, sich ein weiteres Hühnermobil anzuschaffen.

Endstation Suppentopf

Denn auch er könne es sich bei seiner Hennenschar nicht leisten zu warten, bis jede tot vom Stangerl falle. Denn man könne eine einzelne Henne nicht in die Gruppe integrieren. Als Herdentier würden die Alteingesessenen keine Neuzugänge akzeptieren. Deshalb müssen die Hennen nach einer Legeperiode von 14 bis 16 Monaten ausgewechselt werden – und würden dann im Suppentopf landen. „C’est la vie …“

Auf eine neue Vermarktungsidee für Eier und Nudeln setzt auch dieser Hof.

Der Ab-Hof-Verkauf in Herrngiersdorf bietet Geschmack und Qualität aus der Region. An einem Selbstbedienungs-Automaten im Pausinger Anwesen in der Schloßallee 3 können Verbraucher rund um die Uhr hofeigene Eier, Nudeln, Kürbisprodukte oder Honig erwerben.

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