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Barrieren

Qualifiziert, motiviert – arbeitslos

Wer mit Handicap auf Stellensuche geht, muss sich auf Frust und Absagen einrichten. Manuela Kraus kann ein Lied davon singen.
Von Martina Hutzler

Manuela Kraus ist ausgebildete Bürofachkraft. Derzeit nutzt sie aber nur den heimischen Computer – zur Jobsuche.
Manuela Kraus ist ausgebildete Bürofachkraft. Derzeit nutzt sie aber nur den heimischen Computer – zur Jobsuche. Foto: Hutzler

Ihrlerstein.Von „Vollbeschäftigung“ ist derzeit die Rede beim Arbeitsmarkt im Landkreis Kelheim. Das sollte doch heißen: Wer Arbeit sucht, findet welche – oder? Leider nein, bedauert Manuela Kraus. Die 36-Jährige würde liebend gerne wieder arbeiten. Und qualifiziert, wie es der Markt ja so dringend verlangt, wäre die gelernte Bürofachkraft durchaus. Aber sie ist eben auch querschnittsgelähmt, und einen Fulltime-Job steht sie aufgrund ihrer Behinderung nicht durch. Tja, da sieht am Arbeitsmarkt schon schlechter aus. Und aufgrund ihrer eigenen Erfahrung ist die junge Frau eher skeptisch, dass sich für Menschen mit Handicap die Situation künftig bessert. Jedenfalls nicht ohne staatliches Zutun, vermutet sie.

Ins Projekt „Arbeitsleben“ sind Manuela Kraus und ihre Eltern ambitioniert gestartet; sie wollten „trotz Behinderung das Möglichste herausholen“. Nach dem Quali und einem „Berufsvorbereitenden Jahr“ in Nürnberg war für die damalige Teenagerin klar: Büro wäre das richtige. Sie bestand den Aufnahmetest für die Münchner Landesschule für Körperbehinderte – und den Kampf gegen den „inneren Schweinehund“: In Nürnberg und München wohnte sie unter der Woche im Internat – „das erste Jahr war furchtbar! Aber im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte“, denn es stärkte sie in ihrer Eigenständigkeit – trotz und mit Handicap.

Zuschuss weg – Job weg

Nach erfolgreich beendeter dreijährigen Ausbildung die Ernüchterung: ein Job und eine behindertengerechte und bezahlbare Wohnung in Regensburg? Fehlanzeige. Ein Jahr war Manuela Kraus arbeitslos, dann fand sie endlich eine Stelle: an der Pforte im Bad Abbacher Rathaus, als „ABM-“, also „Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme“; das (damals noch) Arbeitsamt zahlte Zuschüsse. „Mein Arbeitsplatz wurde sogar eigens umgebaut“. Gefallen hat es der Ihrlersteinerin, dass sie das Gelernte endlich anwenden konnte; Mobbing habe sie allerdings dort auch erlebt, schildert sie. Als dann die ABM-Maßnahme nach zwei Jahren auslief, hieß es im Rathaus: kein Geld für eine Weiterbeschäftigung.

Wieder arbeitslos. „Wir sind dann regelrecht hausieren gegangen, das war wirklich hart“, erinnert sich Mutter Marianne Kraus an die verzweifelte Jobsuche zurück. „ Oft haben wir gemerkt, dass es eher Ausreden waren, warum der Arbeitsplatz angeblich nicht für Behinderte geeignet ist. Selbst wenn es in einer Stellenbeschreibung heißt, ,Behinderte werden bevorzugt’, nehmen sie dann doch lieber Gesunde.“ Viele Arbeitgeber trauten Menschen mit Handicap wohl nicht so viel zu, hielten sie fälschlicher Weise für weniger leistungsfähig, vermutet Manuela Kraus. Selbst vom Arbeitsamt hatte sie nach der Ausbildung zu hören bekommen, „wo wollen Sie denn Arbeit finden?!“, sie solle doch lieber gleich in eine Behinderten-Werkstatt gehen. „Dafür hab’ doch keine Fachkraft-Ausbildung gemacht!“, empört sie sich noch heute. Und appelliert an Arbeitgeber, Bewerber wie sie doch wenigstens zum Probearbeiten einzuladen. „Wenn man dann sieht, es geht nicht, ist das für beide Seiten ok.“

Dann: endlich ein Job, bei einem Fachhändler in Abensberg, drei Mal die Woche halbtags! Gerne hat sie dort gearbeitet – bis voriges Jahr. „Dann habe ich leider aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen“: Auf ärztliches Anraten musste sie kürzer treten – das wäre mit dem Job in Abensberg nicht mehr vereinbar gewesen. Schweren Herzens hörte sie dort auf. Und sucht seither wieder nach einer Stelle, für ein, zwei halbe Tage die Woche. Nicht nur des Geldes wegen. Sie will etwas Sinnvolles tun – und mitreden können: „Wenn man mit anderen beisammen ist, dann reden die meisten von der Arbeit, was sie erleben, wie es dort läuft.“ Auch Manuela Kraus will sich (auch) über die Arbeit definieren können. Auch daher wäre ein Heim-Arbeitsplatz für sie nur „zweite Wahl“.

Doch seit März hat sie gerade mal eine Bewerbung laufen. Fast alle Stellenangebote kann sie schon beim Lesen oder nach der ersten Nachfrage aussieben: etwa, weil der Arbeitsplatz so weit weg ist, dass es ein Riesen-Aufwand für sie wäre, ihn zu erreichen. Denn tun sich Pendler generell schwer im Landkreis Kelheim, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsort zu gelangen, ist es für Rollstuhlfahrer fast unmöglich. „In Städten wie München oder Regensburg wäre das kein Problem.“ Hingegen „am Land“ fehlt es noch weit zu barrierefreien Haltestellen und Verkehrsmitteln. „Der Saaler Bahnhof zum Beispiel: eine Katastrophe!“, schildert Manuela Kraus: Die Rampe etwa, mit deren Hilfe Rollifahrer eigentlich vom Bahnsteig in den Zug gelangen können, „ist so konstruiert, dass sie bis ins nächste Gleis hineinragt“, schildert sie kopfschüttelnd. Obendrein gibt’s gerne mal dumme Sprüche von Mitreisenden, warum jemand wie sie denn mit dem Zug fahren müsse…

„Die Umstände behindern uns“

Andere Jobs scheitern an Barrieren am Arbeitsplatz. Zwar gäbe es für Arbeitgeber durchaus staatliche Hilfe für behindertengerechte Umbauten – aber erst mal einen finden, der sich darauf einlässt… „Wenigstens Behörden oder Einrichtungen wie die Caritas sollten doch barrierefrei sein“, damit wenigstens dort auch Menschen mit Behinderung eine Chance haben, findet sie. In der freien Wirtschaft werde es – bei der immer stärkeren Arbeitsverdichtung – für Menschen mit Handicap eher immer schwieriger, Arbeit zu finden. „Es müsste wohl eine gesetzliche Pflicht geben, dass Betriebe ab einer bestimmten Größe Behinderte einstellen“. Beziehungsweise müsste die Abgabe, mit der sich Arbeitgeber von dieser eigentlich schon bestehenden Verpflichtung „freikaufen“ können, deutlich erhöht werden, fordert sie: „Jetzt zahlen das ja viele aus der ,Portokasse’“. Das Recht auf Arbeit fordert Manuela Kraus auch für sich ein. Denn: „Wir sind nicht behindert – es sind die Umstände, die uns behindern!“

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