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Natur

Staatswald als neuer Nationalpark?

Auf ihrer Standort-Suche richtet Bayerns Umweltministerin den Blick in den Kreis Kelheim. Und löst gemischte Reaktionen aus.
Von Martina Hutzler

Großflächige naturnahe Buchenmischwälder sind ein „Markenzeichen“ des Kelheimer Staatswaldes. Foto: dpa

Kelheim.Umweltministerin Ulrike Scharf interessiert sich bei ihrer Standort-Suche für einen dritten bayerischen Nationalpark jetzt auch für die großen Laubmischwälder in der Nordhälfte des Landkreises Kelheim: Im Januar hat sie eine Delegation um den Kelheimer Landrat Martin Neumeyer nach München eingeladen. Der allerdings bewertet das Interesse seiner Parteikollegin eher skeptisch.

Eine reine Information darüber, wie so ein neuer Nationalpark überhaupt zustande kommen würde, sei dieser Termin gewesen, „ohne Wertung“ wiegelt Neumeyer ab. Beim Konjunktiv bleibt es nach seiner Einschätzung wohl auch. „Ein Nationalpark würde bei uns wahrscheinlich gar nicht gehen“, unter anderem wegen der hohen Flächenanforderung – 10 000 Hektar mindestens, möglichst unzerschnitten und vom Menschen wenig beeinflusst. Nicht zuletzt deshalb sei das Thema „zu groß für uns“, das sei seine persönliche Meinung, so der Landrat: „Da ist etwa der Spessart definitiv eher geeignet“.

Debatte in mehreren Regionen

Freilich stößt die Nationalpark-Idee sowohl im Spessart als auch in der Rhön, die ebenfalls auf Scharfs Liste steht, auf ein geteiltes Echo. Positive Signale gibt es aus Neuburg-Schrobenhausen; doch die dortigen Donau-Auen erfüllen schwerlich die gesetzliche Mindestgröße und die ministerielle Vorgabe, vorwiegend Staatseigentum heranzuziehen. Erst gar nicht eingeladen war die Region Steigerwald: Dort hat sich das Ansinnen in einem erbitterten politischen Streit praktisch totgelaufen.

Großflächige naturnahe Buchenmischwälder sind ein „Markenzeichen“ des Kelheimer Staatswaldes. Foto: dpa

Insofern kein Wunder, dass Kelheims Staatswälder im Umweltministerium auf den Schirm geraten. „Die in den Blick genommenen Eichen- und Buchenwälder im Raum Kelheim weisen eine besonders hohe naturschutzfachliche Wertigkeit auf und wären damit grundsätzlich für einen Nationalpark geeignet“, begründet dies ein Ministeriumssprecher. Die Gespräche seien aber „noch ganz am Anfang“; einen Terminplan gebe es nicht. In Naturschutzkreisen geht man allerdings davon aus, dass die Festlegung auf ein Gebiet bis zum Wahljahr 2018 erfolgt.

Das Projekt „np3“

  • Der Plan

    Auf Geheiß von Ministerpräsident Horst Seehofer hat sein Ministerrat 2016 beschlossen „anzustreben“, dass die Nationalparke Bayerischer Wald und Berchtesgadener Land um einen dritten ergänzt werden. Umweltministerin Ulrike Scharf obliegt nun die eher undankbare Aufgabe der praktischen Umsetzung – oder eben Nicht-Umsetzung, falls das Streben erfolglos bleibt.

  • Die Voraussetzungen: Ein neuer Nationalpark: gar nicht leicht im überwiegend dicht besiedelten und intensiv genutzten Freistaat. Gesucht ist ein großes Gebiet, schon jetzt weitestmöglich ursprünglich und ungenutzt. Laut Bundes- und Landes-Naturschutzgesetz soll das Gebiet „großräumig, weitgehend unzerschnitten und von besonderer Eigenart“, außerdem mindestens 10 000 Hektar groß sein (Zum Vergleich: Der Kreis Kelheim umfasst rund 107 000 Hektar). Ferner soll ein Nationalpark eine bedeutsame Pflanzen- und / oder Tierwelt beheimaten – vergleichbar einem Naturschutzgebiet, nur eben deutlich größer. Der Umsetzbarkeit geschuldet ist die ministerielle Vorgabe, dass „vorwiegend Gebiete in Staatseigentum“ in Frage kommen.

  • Das Vorgeheng Große Projekte rufen große Begeisterung hervor – außer bei denen, vor deren Haustür sie geplant sind: Diese Erfahrung mussten Politiker häufiger machen. Eingedenk dessen ist Scharfs „Konzept zur Festlegung eines Nationalparks“, kurz „np3“, regelrecht durchsetzt von Schlüsselworten wie „Dialog“ und „gemeinsam“. So läuft derzeit die „erste Dialogphase“: Seit Oktober ’16 fanden bisher Gespräche mit vier Landrats-Delegationen statt: aus der Rhön, dem Spessart, dem Kreis Neuburg-Schrobenhausen (wo die Donau-Auen in Frage kämen) und zuletzt eben aus Kelheim. Die Reihenfolge im ministerialen Terminkalender stellt nach offizieller Lesart kein fachliches „Ranking“ dar. Am Ende von Dialog-Phase eins „wird sich der Standort des dritten Nationalparks herauskristallisieren“, so die Hoffnung.

  • Die Aussichten

    Während Kelheim in für einen Nationalpark entlang der Donau schon mal im Gespräch war, ist die Wald-Option neu. Im Landkreis gibt es insgesamt knapp 16 000 Hektar Staatswald; das Gros im Norden, also nördlich der Donau (rund 11 000 Hektar). ; Die größten davon sind Paintner und Frauenforst sowie Hienheimer Forst. 10 000 halbwegs zusammenhängende Hektar Nationalpark ließen sich allerdings wohl nur mit Ach und Krach zusammenkratzen.

  • (hu/Quelle: www.np3.bayern.de)

Rund 13 000 Hektar Wald betreut der Forstbetrieb Kelheim im Landkreis insgesamt; den größten Teil davon bilden Hienheimer Forst, Frauen- und Paintner Forst. Große Bereiche bestehen aus naturnahen, buchenreichen Mischwäldern, die zum Teil auch schon als Naturschutzgebiete und Naturwald-Reservate Schutz genießen. Gerade der Paintner Forst hat aber auch große Anteile an Fichten-Wirtschaftswald, denen zumindest bisher der „vom Menschen nicht oder wenig beeinflusste Zustand“ eines Nationalparks noch fehlt.

Naturschutzverbände begrüßen Idee

Dennoch wäre ein Wald-Nationalpark im Kreis Kelheim „eine gute Sache, die wir begrüßen“, freut sich Peter Forstner, Kreisvorsitzender beim Bund Naturschutz (BN). Er trägt zwar die Linie des Landesverbands mit, wonach der Steigerwald aus fachlicher Sicht erste Wahl wäre. Überhaupt seien sich der Landes- und die betroffenen Kreisverbände einig, nicht untereinander in einen „Wettstreit“ um einen Nationalpark zu treten. Aber wenn aus fachlichen oder auch politischen Gründen letztlich Kelheim zum Zug käme, „könnte ich mit einen Nationalpark sehr gut vorstellen“, so der BN-Kreisvorsitzende.

Und selbst wenn das Projekt auch in Kelheim nicht umsetzbar wäre, müsste es zumindest einen Impuls geben: für ein großes neues Wald-Naturschutzgebiet im Staatswald, mahnt Forstner. Dass diese von der BN-Kreisgruppe schon lange erhobene Forderung berechtigt sei, sei mit der jetzigen Nationalpark-Debatte ja quasi staatlich anerkannt, frohlockt er.

Auch beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) wären Steigerwald oder Spessart erste Favoriten für einen Nationalpark aus fachlicher Sicht – und rein fachlich sollte die Entscheidung fallen, fordert LBV-Kreisvorsitzender Peter-Michael Schmalz. Wenn andere Kandidaten indes ausscheiden, „wäre ich natürlich für einen Nationalpark im Landkreis!“ Der müsse möglichst großflächig sein und die Saum- und Auwälder an der Donau einschließen. Für den Landkreis wäre ein Nationalpark unterm Strich ein riesen Gewinn, ist Schmalz überzeugt: nicht nur aus touristischer Sicht, „sondern für die ganze Gesellschaft“.

Forstwirtschaftler sind eher skeptisch

Deutlich mehr Skepsis ist bei Vertretern der Forstwirtschaft herauszuhören. Mit großer Überraschung hat die Leiterin des Forstbetriebs Kelheim, Sabine Bichlmaier, die Überlegungen zu einem Nationalpark in Kelheims Staatswäldern registriert. Kommentieren will sie die Pläne nicht – lässt aber durchblicken, dass ihr Förster-Herz schon eher an bewirtschafteten denn an sich selbst überlassenen Wäldern hängt: „Unsere Kulturwälder hier haben ihre Qualität und Schönheit durch die Bewirtschaftung erhalten“, findet sie. Eichenwälder wie der „Ludwigshain“ etwa würden ohne forstliche Pflege von der Buche verdrängt, nennt Bichlmaier ein Beispiel.

Auch Nikolaus Ritzinger, Vizechef am Abensberger Amt für Ernährung, Landwirtschaft war „völlig überrascht“, als er kürzlich von den Überlegungen erfahren hat. Ein Nationalpark im Staatswald hätte „nicht unbedeutenden Einfluss“ auf private Waldbesitzer im Umfeld, prognostiziert er und nimmt als Beweis den Bayerischen Wald: Dort habe es große Debatten um Borkenkäfer-Bekämpfung und Brennholz-Versorgung gegeben. Er selbst, so Ritzinger, könne gut mit der Wald-Philosophie von Landwirtschaftsminister Brunner leben: „schützen und nutzen auf der Fläche“.

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