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50-km-Diät: Das Verbotene lauert überall

Nachfragen, wo Lebensmittel her sind, war anstrengend. Dafür aß Beate Weigert gesünder. Wo’s hakt? Beim Fortbewegungsmittel.
Von Beate Weigert

  • Statt Flieger-Orange schmeckte heimisches Obst und Gemüse vom Kelheimer Wochenmarkt. Foto: Weigert
  • Honig statt Zucker vom Kelheimer Samstagsmarkt Foto: Weigert
  • Für meine Eier sorgen Martha, Erna und Co.: Einige lokale Bezugsquellen für Eier, Fleisch oder regionales Obst hatte die MZ-Reporterin auch früher bereits. Nun ist die Palette gewachsen. Foto: Weigert

Kelheim. Fazit nach einer Woche 50-km-Diät? Ich habe einiges gelernt bzw. neu entdeckt beim Selbstversuch sieben Tage lang nur Produkte zu essen und zu trinken, die innerhalb dieses Radius gewachsen oder hergestellt worden sind. Manch Verzicht und Recherche waren anstrengend. Vieles einfacher als gedacht, aber insgesamt bin ich froh, die Woche mit dem radikalen Radius hinter mir zu haben. Der Blick auf Gewohnheiten war interessant, in einem Fall auch unbequem.

Mittwoch: Ich starte durch – und bestelle mir erstmal einen Kaffee

Die Sache mit dem Kaffee hatte ich mir am schlimmsten vorgestellt. Gut, als ich an Tag 1 eine Freundin besuche, bestelle ich im Café intuitiv einen Cappuccino. Kaum ausgesprochen, revidiere ich. Ist ja tabu. Doch was nur als Alternative wählen? Fast scheint es, als wäre Bier das einzig Lokale. Am Ende erfüllt der naturtrübe Apfelsaft gerade den 50-km-Radius, aufgefüllt mit Leitungswasser, denn das Wasser auf der Karte stammt von weiter her. Die Bedienung scheint solche Nachfragen noch nie bekommen zu haben. Sie rollt mit den Augen.

„Was ist ein Burger, wenn am Ende nur ein Hackfleisch-Patty übrig bleibt?“

Beate Weigert

Beim Mittagessen wird’s im „Standard“-Lokal noch diffiziler. In der Rubrik „Burger“ heißt es immerhin, das Fleisch stamme von einem Metzger aus der Region. Aber was ist ein Burger, wenn am Ende nur ein Hackfleisch-Patty übrig bleibt? Nein, danke! Hunger? Ach, nö! Geht schon.

50-km-Diät, das ist Energiesparen beim Essen und Trinken. MZ-Reporterin Beate Weigert aß und trank nur, was innerhalb dieses Radius’ gewachsen oder hergestellt worden ist.
50-km-Diät, das ist Energiesparen beim Essen und Trinken. MZ-Reporterin Beate Weigert aß und trank nur, was innerhalb dieses Radius’ gewachsen oder hergestellt worden ist. Foto: Archiv

Donnerstag: Noch was Süßes nach den Möhrchen?

Selten hab ich mich wohl so gesund ernährt. Nicht nur der Donnerstag, auch der Rest der Woche war geprägt von frisch gekocht bzw. roh von der Hand in den Mund. Äpfel, Zwetschgen, Birnen, Karotten, Kohlrabi. Das Angebot im Herbst ist groß und lecker. Als mich beim Besuch eines schwedischen Möbelhauses am Ende die Lust auf Süßes überkommt und ich gerne spontan etwas trinken würde, verfinstert sich die Miene. Aber auch andernorts sind spontane Getränke oder Snacks von „ganz weit her“. Da wäre mutmaßlich der oft im Herbst verteufelte Lebkuchen aus Nürnberg, noch das nächste gewesen. Spontan ist definitiv nicht drin bei der 50-km-Diät. Da hätte ich mir daheim schon eine Müslischnitte backen und ein Fläschchen lokales Getränk mitbringen müssen.

Milchprodukte und Beeren bekommt man im südlichen Landkreis Kelheim.
Milchprodukte und Beeren bekommt man im südlichen Landkreis Kelheim. Foto: Weigert

Freitag: Wofür wollen Sie

denn das alles wissen?

Gut, ich war auch vor dem Selbstversuch kein absolut gedankenloses Wesen, das glaube ich zumindest. Aber mit Fleisch vom selbst schlachtenden Bauern bzw. Metzger meines Vertrauens, mit Eiern vom kleinen Bauernhof, wo jedes Huhn einen Namen hat, oder Wasser aus der Leitung oder vom lokalen Produzenten, ist es nicht getan. Meine Routine beim Einkaufen ist dahin. Es kommt mir vor, als brauchte ich ewig. Ich lese das Kleingedruckte auf unzähligen Etiketten, bemühe Kilometerrechner via Smartphone. Frage dem Personal ein Loch in den Bauch. Oft lässt sich nur zur Hauptzutat überhaupt etwas in Erfahrung bringen, der Rest bleibt ein Mysterium. Hilfreich sind die Regional-Marke einer Supermarkt-Kette oder das Regionalmarketing Regensburg. Mehl, Rapsöl und einiges mehr gibt’s auch nah. Aber nicht immer ist Regional auch mein Regional.

Beim Backen fehlten die Geschmacksträger: Außen sieht der Guglhupf aus wie immer, nur geschmeckt hat er nach fast nix...
Beim Backen fehlten die Geschmacksträger: Außen sieht der Guglhupf aus wie immer, nur geschmeckt hat er nach fast nix... Foto: Weigert

Samstag ist Backtag oder: Endlich was zum Naschen!

Eine weitere Mission lautet: Weniger wegwerfen. Und weil die Lust auf Süßes bis Samstag unbändig groß geworden ist und ich nicht jeden Tag Naturjoghurt mit frischen Himbeeren essen kann, will ich aus dem Rest der Karotten Kuchen backen. Der Haken: Geschmackstragende Zutaten wie Kakao, Schoki, Mandeln, Zitrone, Zimt, Rum sind, logisch, tabu. Gut, dass meine Eltern eine Haselnussstaude im Garten haben. Statt mit Zucker backe ich halt mit Honig. Aus Angst vor penetrantem Geschmack nehme ich relativ wenig. Und genauso haben die Mini-Guglhupfe dann auch geschmeckt. Nach, mehr oder weniger nix...

Richtig gelagert - so geht’s!

  • Diplom-Ökotrophologin Silke Gulder

    vom Verbraucherservice Bayern in Regensburg verrät Tipps zur richtigen Lagerung von Lebensmitteln.

  • Ideal – ein Kühlschrank mit 0 Grad-Kaltlagerfach:

    Darin halten sich Beeren-, Kern- und Steinobst und viele Gemüse wesentlich länger. Denn diese Lebensmittel fühlen sich bei 0 Grad am wohlsten. Wichtig ist, diese abzudecken, damit sie keine Feuchtigkeit verlieren.

  • Lagerbedingungen:

    Faustregel: Heimisches Obst mag’s kühl, exotisches Obst warm; Beerenobst: im Kühlschrank bei 5 Grad/abgedeckt, einige Tage; Steinobst: bis zu mehrere Wochen; Kernobst: einige Monate.

  • Wärmeliebendes Gemüse:

    Tomate (reif), Aubergine, Gurke, Paprika, Zucchini (Speisekammer 8 bis 20 Grad), ein bis drei Wochen; Kürbis (Speisekammer 8 - 20 Grad, einige Monate; Kartoffeln.

  • Kältetolerantes Gemüse:

    Rote Beete (Kühlschrank/Gemüseschale 7-8 Grad), einige Monate; Grüne Bohnen (7-8 Grad), bis zwei Wochen

  • Kälteliebendes Gemüse:

    Dill, Pilze (Kühlschrank unter 5 Grad), wenige Tage; Brokkoli, Kopfsalat, Erbsen, Rettich, Rhabarber, Spinat 1-3 Wochen; Blumenkohl, Lauch, Petersilie, Rosenkohl, Sellerie (1-2 Monate); Kohlrabi, späte Möhren, Zwiebeln (mehrere Monate)

  • Ein dunkler Aufbewahrungsort

    ist für alle Lebensmittel optimal.

  • Lagerbestand kontrollieren:

    First in – first out (zuerst rein, zuerst raus).

  • Mindesthaltbarkeitsdatum

    ist kein Verfallsdatum-

  • Reifegas Ethylen:

    Früchte, die viel Ethylen abgeben (Apfel, Aprikose, Birne, Pflaume, Tomate); Ethylenempfindliches Obst/Gemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Tomaten) (re)

  • Nützliche Seiten:

    wer-zu-wem.de (Handelsmarken, Milchnummer); www.footprint-deutschland.de; www.foodwaste.ch; www.mundraub.org (u.a. Kräuter in Siegenburg, Äpfel in Kelheim); www.genussgemeinschaft.de

Sonntag: Mein Auto und ich gehören zur „Achse des Bösen“

Am Sonntag habe ich Zeit, im Netz zu surfen. Und vielfach ist dort zu lesen, was mir auch Birgit Dörr von der Abensberger Hauswirtschaftsschule prophezeite. Zum einen: Nah ist nicht automatisch immer besser. Regionale Klein- und Kleinstbetriebe können es energetisch nicht mit größeren aufnehmen. Erzeuger in Südamerika sind nicht per se zu verteufeln.

„Was dagegen ordentlich reinhaut, ist der Weg von der Kasse zum Kühlschrank. Schon wenige Kilometer im Auto können einen ,ökologischen Einkauf’ ruinieren.“

Beate Weigert

Was dagegen ordentlich reinhaut, ist der Weg von der Kasse zum Kühlschrank. Schon wenige Kilometer im Auto können einen „ökologischen Einkauf“ ruinieren. Das ist wohl meine größte Erkenntnis der Woche. Noch schlimmer: viele Einzelwege für unterschiedliche Produkte. Gaaaanz böse! Das passt zu meinen ökologischen Fußabdruck, den ich im Netz erfahren habe. Wie viele Erden es bräuchte, wenn alle meinen Lebensstil hätten? 3,04...

Montag: Salz, immer wieder vermisse ich vor allem das Salz!

Langsam sehne ich das Ende der Test-Woche herbei. Es ist wie bei einer echten Diät, ich fühle mich umzingelt von Dingen, die tabu sind. Irgendwas scheint mir verwöhntem Verbraucher immer zu fehlen. Balsamico, Pfeffer und vor allen Dingen Salz. Das hab ich irgendwann zur erlaubten Ausnahme erklärt. Der Kaffee ließ sich zuhause dagegen leicht durch Pfefferminztee von der heimischen Terrasse ersetzen.

Kaffeeverzicht war nicht die größte Herausforderung: Frischer Minztee von der Terrasse war eine einfache Alternative.
Kaffeeverzicht war nicht die größte Herausforderung: Frischer Minztee von der Terrasse war eine einfache Alternative. Foto: Weigert

Dienstag: Again what learned oder nun heißt es dranbleiben

Fazit II.: Meine Palette lokaler Produkte und Bezugsquellen ist gewachsen. Dank Michaela Schlosser weiß ich, um Rezepte für Salzersatz, dass in St. Johann jemand Apfelessig herstellt, dass Sauerampfer Salz und Bohnenkraut Pfeffer ersetzen können. Weniger Fleisch ist kein Problem. Einiges wie Suppengrundstock lässt sich selbst mixen. Bioläden sind auf der „50-km-Distanz“ nicht die Lösung. Mehr Geld habe ich wohl ausgegeben. Aber das ist gut angelegt. Eine Woche ist zu kurz, um alte Gewohnheiten aufzugeben.

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