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Problematisch

„Am Ende hat man totes Wasser“

Hans Weinzierl von der Rottenburger Gruppe fühlt sich als kämpfe er gegen Windmühlen. Sieht außer ihm keiner Brisanz?
Von Beate Weigert

  • Nur auf das Herausfiltern bzw. chemische Bereinigen von problematischen Stoffen zu setzen, ist für Hans Weinzierl der falsche Weg. Foto: Archiv/Pieknik
  • Die Wasserversorger müssen mit einer Stimme sprechen, fordert Hans Weinzierl. Foto: Oliver Multhaup/ dpa

Kelheim.Für die einen war sie eine Allzweckwaffe gegen Unkraut, für die anderen ist sie ein Desaster und wiederum vielen Dritten soll sie egal sein. Die Rede ist vom Pflanzenschutzmittel Atrazin, das seit 1991 in Deutschland verboten ist. Die Gleichgültigkeit bei vielen an der Problematik Beteiligten bringt Hans Weinzierl, den Vorsitzenden des Wasserzweckverbands Rottenburger Gruppe (RG), in Rage. Drei Viertel des Gebiets der RG liegt im Landkreis Landshut, ein Viertel im östlichen Kreis Kelheim.

Ende August präsentierte Weinzierl seinen Kollegen im Werkausschuss die Ergebnisse einer aktuellen Wasseranalyse. Nicht nur Atrazin spielt darin eine Rolle. Auch die Werte für das Hauptabbauprodukt von Atrazin, Desethylatrazin, Glyphosat und dessen Abbauprodukt AMPA, kommen darin vor. Untersucht worden waren nicht nur stillgelegte Brunnen und eingerichtete Pegel, sondern auch Bäche und Flüsse.

Auch Fließgewässer stark belastet

Die Erkenntnisse: Nicht nur stillgelegte Brunnen überschreiten etwa beim Nitrat den Grenzwert beträchtlich. Auch Fließgewässer waren – in vermeintlich düngearmen Monaten wie dem Juli – stark belastet. Bei Pflanzenschutzmitteln (PSM) zeichnete sich zwar ein differenzierteres, aber in Weinzierls Augen ein nicht gerade beruhigenderes Bild. Für ihn ist die Situation brisant. Nicht nur im Raum Hohenthann, wo man davon weiß und vor einiger Zeit das Forschungsprojekt „Landwirtschaft und Grundwasserschutz“ auf den Weg gebracht hat.

Hans Weinzierl (re.) zeigt Aktivekohle-Kügelchen. Damit lässt sich nicht jedes Problem lösen.
Hans Weinzierl (re.) zeigt Aktivekohle-Kügelchen. Damit lässt sich nicht jedes Problem lösen. Foto: Archiv

Der Vorsitzende der RG findet, dass sich Landratsämter und Wasserwirtschaftsamt stärker der Problematik annehmen müssten. Denn die Spitzenwerte in Bächen und Gräben „fallen nicht vom Himmel“.

Er weise im Gegensatz zu anderen in extremer Art und Weise auf die Problematik hin. „Das Deprimierende ist, dass Staat und Politik zuschauen und nichts machen“, sagt Weinzierl.

Als Beispiel nennt er die neue Düngeverordnung, die eine Verschärfung bringen soll. Aktuell werde in dritter oder vierter Runde an den Formulierungen herumgedoktert, bis nichts mehr übrig bleibt, kritisiert Weinzierl. Es zeige sich, dass man sich vor dem Festschreiben niedrigerer Grenzwerte scheue, ebenso bei den festzulegenden Konsequenzen.

Stattdessen heiße es immer, man könne dieses oder jenes, herausfiltern.

So wird das Wasser gecheckt

  • Eigenüberwachungsverordnung:

    Einmal jährlich müssen Trinkwasserversorger das Rohwasser in ihren Brunnen analysieren lassen. Jährlich steht eine Kurzuntersuchung an, alle fünf Jahre eine Volluntersuchung. Dann werden auch die Werte von Pflanzenschutzmitteln (PSM) eruiert.

  • Trinkwasserverordnung:

    Dass Wasser genusstauglich ist, gewährleistet die Trinkwasserverordnung. Die Gesundheitsämter überwachen deren Einhaltung. Dabei werden Proben von den Netzen gezogen. Bakteriologische Untersuchungen gibt es öfter. Weitere Tests sind Eigeninitiative der Wasserversorger.

  • Sonderprogramm

    zum PSM-Konzept: Bayernweit wird 2016 erstmals der Niederschlag der Bandbreite aller eingesetzten PSM-Wirkstoffe untersucht. Je nach Region können dies 60 bis 90 verschiedene sein. Eine endgültige Aussage ist im Frühjahr 2017 zu erwarten, so das Wasserwirtschaftsamt in Landshut. (re)

Wenn es so weitergehe, dann wird es happig, sagt Weinzierl. Dann können wir zusammenpacken.

Die Wasserversorger können das Wasser ja aufbereiten, dann passt das schon! Solche Denkmuster bringen Rottenburgs Ex-Bürgermeister auf die Palme. Sicher man könne das Trinkwasser chemisch aufbereiten, man könne mehr Brunnen bauen. So könne man dann belastetes Wasser mischen, damit man entsprechend unter Grenzwerten liege. Mit Aktivkohle kann man PSM herausholen. Wer jedoch Nitrat belastetes Wasser aufbereiten wolle, brauche ein technisch sehr aufwändiges Verfahren. Und: „Am Ende ist das Wasser total kaputt, weil man damit alle Mineralstoffe zerstört. Am Ende hat man totes Wasser.“

„Ich werde zum Problem deklariert“

Vielerorts sei es fünf vor zwölf. In der Holledau sei es nicht anders als im Raum Rottenburg. Die einzige Lösung in Weinzierls Augen – die intensive Landwirtschaft angehen. Das Düngen auf das Maß zu reduzieren, das Pflanzen bräuchten. 20 Kilo Stickstoff pro Hektar und Jahr „hält das Grundwasser aus“, aktuell sei man teils bei einer Überdüngung von bis zu 150 Kilo. Das landet alles im Grundwasser, das wüssten nicht alle. Wenn er das anspreche, werde er zum Problem deklariert, nicht aber die Überdüngung der Bauern. Die Wasserversorger müssten mit einer Stimme sprechen, fordert Weinzierl.

Er schicke seine Analysen, auch die die er nicht unbedingt vorgeschrieben hat, an die Behörden, an die Landratsämter und ans Wasserwirtschaftsamt. Und dann hoffe er immer, dass er eine Antwort bekomme. Fehlanzeige.

Seit elf Jahren macht Hans Weinzierl den Job. Mit dem Bayerischen Bauernverband pflegt er ein schwieriges Verhältnis, sagt er. Mit einzelnen Landwirten vor Ort sei’s besser. Bei vielen sei ein Umdenken da. Doch bei dem gewaltigen Strukturwandel, den die Branche gerade erlebe, „werden nur ein paar große Betriebe übrigbleiben“. Viele kleinere signalisierten Zustimmung, aber laut sagen, will kaum einer was. „Hast Recht, aber lass’ mich da raus“, lauten Antworten, die Weinzierl oft zu hören bekommt. Die, die zur öffentlichen Meinungsbildung dringend nötig seien, kuschten.

„Plumpe Angriffe auf Landwirte“

Der für die Kreise Landshut und Kelheim zuständige Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV), Alois Schweiger, wertet Weinzierls Äußerungen zum Düngen wie dessen Sicht auf die Fortschreibung der Düngeverordnung und einiges andere als „Behauptungen, die aus der Luft gegriffen und nur plumpe Angriffe auf die aktiven Landwirte sind“.

Auf dem Niveau sei eine sachliche Diskussion nicht zu führen. Mehr wolle er zu „diesen Unterstellungen nicht sagen“, so Schweiger.

Ob Weinzierls angenommene Düngewerte realistisch sind, weiß Manfred Beck, der Chef der Kelheimer Kreisfischer nicht. „Ich will nicht spekulieren“, sagt der Ihrlersteiner. Auffällig sei jedoch, dass zu viel gedüngt werde. Mancherorts sogar bis unmittelbar vor der Getreideernte. Er könne nicht nachvollziehen, warum das nötig sein soll. „Das alles landet irgendwo.“

Für Kreisfischer ist RG ein Vorreiter

Mit zusätzlichen Analysen sei die RG Vorreiter, findet Beck. Auch weil sie nicht nur das Wasser in der Tiefe, sondern auch Oberflächenwasser untersuche. Problematische Werte seien zunehmend in vielen Orten und bei vielen Wasserversorgern ein Thema.

Seit Sommer 2015 treibt dieses auch die Kreisfischer um. Mit Bund Naturschutz, Imkern und zahlreichen lokalen Fischereivereinen haben sie sich zur Ökoallianz zusammengeschlossen. Sie wollen u.a. herausfinden, welchen Einfluss die Erosion von frisch gespritzten Äckern bei Starkregen auf Bäche und Flüsse und damit das Ökosystem hat.

Umfragen der Ökoallianz im Landkreis Kelheim ergaben, dass sowohl im Kreis Kelheim wie im Nachbarkreis Regensburg die Zahl der Wasserpflanzen stark rückläufig ist. Auch in Gewässern, wo die Schifffahrt keine Rolle spiele, so Kreisfischerei-Chef und Ökoallianz-Mitglied Manfred Beck. Es gebe verschiedene Theorien. Doch der Verdacht liege nahe, dass es etwas mit durch Starkregen ausgeschwemmten Pflanzenschutzmitteln (PSM) zu tun haben könnte. Denn die Und PSM griffen nicht nur das Grün von „Unkräutern“ auf Äckern an, sondern auch das von Laichkraut, Grünalge und Co.

Die von Weinzierl genannten Mengen will Manfred Beck nicht kommentieren. Dass jedoch zu viel gedüngt würde, sei vielerorts ersichtlich, sagt der Kreisfischer-Chef.
Die von Weinzierl genannten Mengen will Manfred Beck nicht kommentieren. Dass jedoch zu viel gedüngt würde, sei vielerorts ersichtlich, sagt der Kreisfischer-Chef. Foto: Patrick Pleul/dpa

Gerüchte, dass Atrazin – obwohl schon lange verboten, immer noch ausgebracht wird, kennt Beck. Konkrete Beweise aber nicht.

Er betont, dass seine Mitstreiter und er nicht nur schimpfen wollen, sondern, dass sie auch Lösungen nennen wollen. Wie der Wasserzweckverband Rottenburger Gruppe (RG) will die Ökoallianz nun auch regelmäßig Proben analysieren lassen. Und dann daraus Ideen ableiten. Dass etwa Uferrandstreifen in Bayern nur auf freiwilliger Basis existieren, sei ein Fehler. Freiwillig funktioniere das nicht. „Es müssen klare Gesetze her oder alternative Entschädigungen für die Landwirte“, fordert Beck. Auch er kann sich gut erinnern, wie in der Vergangenheit Grenzwerte nach oben korrigiert worden sind. Nach dem Motto: „Ist doch nicht so schlimm“.

So sehen es die Ämter

Dr. Alexander Werner vom Kelheimer Gesundheitsamt ist für die Trinkwasserkontrolle im Landkreis zuständig. Dabei halte er sich an die festgelegten Grenzwerte. Brisant oder bedenklich findet er mit Blick auf den Kreis Kelheim und das Trinkwasser aktuell nichts. Wenn es Probleme gebe, müssten die Wasserversorger mit ihren Landwirten sprechen, findet Dr. Werner. Wenn ihm selbst etwas Spanisch vorkäme, würde er die Landwirtschaftsverwaltung kontaktieren.

Ob es sein könne, dass Atrazin immer noch aktuell ausgebracht werde? Das wäre „reine Spekulation“, entgegnet Dr. Werner. Atrazin verfüge über eine sehr lange Abbauzeit und könne sehr lange Wege zurücklegen, gibt er zu Bedenken.

„Wir können nur den Finger in die Wunde legen“, heißt es aus dem Wasserwirtschaftsamt. Zu wenig personelle Kapazitäten geben es nicht.
„Wir können nur den Finger in die Wunde legen“, heißt es aus dem Wasserwirtschaftsamt. Zu wenig personelle Kapazitäten geben es nicht.Foto: Archiv/Pieknik

Auch die Beamten im Wasserwirtschaftsamt kontaktieren ihre Kollegen von der Landwirtschaftsverwaltung, wenn sich aus Wasseranalysen Handlungsbedarf ergibt. „Wir können nur den Finger in die Wunde legen“, heißt es aus der Wasserbehörde mit Sitz in Landshut.

Dass auch Personalknappheit – wie Weinzierl mutmaßt – sich auswirken könnte, sieht Amtschef Johannes Schmuker nicht. Wie die Polizei nicht an jeder Kreuzung stehe, „ziehen wir nicht an jeder Stelle eine Wasserprobe“, sagt Schmuker. Das festgelegte Messprogramm berücksichtige jedoch viele Komponenten, die Analysen seien aussagekräftig.

Und die auf die nahezu alle verweisen – die Wasserberater von der Landwirtschaftsverwaltung? Die Abensberger Ansprechpartner waren am Donnerstag und Freitag zwecks Urlaub bzw. Krankheit nicht für eine Einschätzung erreichbar.

Unser MZ-Spezial „Wasser“ gibt es hier zum Nachlesen!

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